Kongress, 12.05.2011

Paralleluniversen in den Operationssälen

Systematische Fehlervermeidungsstrategien durch Checks und Kontrollen, wie in der Luftfahrt üblich, können die Zahl an Behandlungsfehlern senken. Damit diese Strategien wirken, müssen sie aber regelmäßig trainiert werden.

Von Eugenie Wulfert

Paralleluniversen in den Operationssälen

Operation bedeutet Teamarbeit, da muss jeder Handgriff sitzen.

© Billderbox / fotolia.com

BERLIN. Übung macht den Meister. Dieses Sprichwort gilt in allen Berufen, in denen Sicherheit lebenswichtig ist.

In der Luftfahrt trainieren Piloten regelmäßig, wie man strukturiert im Team zusammenarbeitet. "In der Welt der Medizin sind solche Trainings nicht bekannt", wundert sich Hans Härting, Kapitän einer Boeing 737 und Berater zum Thema Patientensicherheit.

Die moderne Medizin zählt aber mit all ihren Möglichkeiten und technischen Entwicklungen zu solchen Hochrisikobereichen. "Im Bezug auf Sicherheit hinkt Medizin der Luftfahrt etwa 30 Jahre hinterher", lautete die Einschätzung des Piloten auf dem Hauptstadtkongress in Berlin.

Es geht um den Faktor Mensch

Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern nach Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit 17 000 Menschen an den Folgen von Behandlungsfehlern. Weit höher liegt die Zahl von Fehlern mit weniger dramatischen Konsequenzen.

In den meisten Fällen spielt der Faktor Mensch die entscheidende Rolle. Nicht das berufliche Können, sondern das Versagen in Kommunikations-, Entscheidungs- und Führungsverhalten gelten als Auslöser von Ereignisketten, die in einer Katastrophe enden können.

Vorgehen wäre in der Luftfahrt undenkbar

"In der Welt der Medizin wird überhaupt nicht beachtet, dass ein Mensch Fehler macht, dass er sich selbst überschätzt, müde wird, private Probleme hat", erklärt Härting. Das werde oft ignoriert und fließe in die Problemlösungsstrategien nicht ein. In der Luftfahrt wäre ein solches Vorgehen undenkbar.

Was andere Hochsicherheitsbranchen schon lange erkannt haben, setzt sich in der Medizin allerdings nur sehr langsam durch. Lange Zeit wurden hier die physiologischen Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit missachtet. Man müsse das System so gestalten, dass die menschlichen Schwächen nicht zum Schaden führen, rät Härting.

Die einzige Lösung sei, klar strukturierte und vor allem verpflichtende Standards in den Kliniken einzuführen, ist der Sicherheitsberater überzeugt.

"Das System schreit nach Hilfe"

Wer kontrolliert, ob ein Patient Allergien hat? Welcher Eingriff wird vorgenommen? Wie wird der Patient identifiziert? Der Pilot Härting hat die Erfahrung gemacht, dass allein für die Ermittlung der Identität in den deutschen Kliniken 14 verschiedene Wege existieren.

"Ich konnte in den OP-Sälen vier oder fünf Paralleluniversen beobachten, die sich dort scheinbar zufällig treffen", beschreibt Härting weiter. Es gebe dort verschiedene Kulturen, unterschiedliche Umgangsformen und jeweils eine eigene Sprache. "Das kann so nicht funktionieren", versichert er: "Das System schreit nach Hilfe".

In der Luftfahrt gesetztlich vorgeschrieben

Um die Sicherheitsstandards in die Klinikabläufe erfolgreich zu implementieren, müsste das Klinikpersonal regelmäßig trainieren, so der Sicherheitsexperte. An dieser Stelle setzt das Flugsimulator-Programm der KKH-Allianz ein. Hier werden Sicherheitsstandards aus der Luftfahrt in den OP-Bereich übertragen und kritische Situationen im Vorfeld trainiert.

Solche Schulungen sind in der Luftfahrt gesetzlich vorgeschrieben. "Wer die Teilnahme nicht nachweisen kann, darf nicht mehr fliegen", erklärt Härting die Standards seiner Branche.

Einmal Pilot, immer Pilot gelte hier nicht. Er empfiehlt, auch in der Medizin eine gesetzliche Trainingsverpflichtung einzuführen. Als Patient habe man genauso ein Recht auf Sicherheit wie ein Fluggast.

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