Ärzte Zeitung, 22.08.2011

Hintergrund

Rettungsassistenten gehen als Pflegekräfte in die Klinik

Der wachsende Fachkräftemangel stellt viele Krankenhäuser bereits jetzt vor eine große Herausforderung. Ein neues Weiterbildungskonzept für Rettungsassistenten soll dem Pflege-Fachkräftemangel entgegenwirken.

Von Nina Giaramita

Rettungsassistenten gehen als Pflegekräfte in die Klinik

Weiterbildung für Rettungskräfte: Das Deutsche Herzzentrum in München bildet zu Intensivpflegeassistenten aus.

© Susan Ebel / panthermedia

Nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamts werden in Krankenhäusern, ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen im Jahr 2025 voraussichtlich etwa 112.000 Pflegevollkräfte fehlen.

Der wachsende Fachkräftemangel stellt viele Krankenhäuser bereits jetzt vor eine große Herausforderung. Um den Personalnotstand in den Kliniken abzumildern, hat der Personaldienstleister Trenkwalder Medical Care aus München nun eine viermonatige Fachweiterbildung für Rettungsassistenten zu "Pflegeassistenten für Funktionsbereiche" entwickelt.

Neue berufliche Perspektiven

"Damit können wir einerseits die Personalsituation an den Kliniken entzerren und andererseits für die Berufsgruppe der Rettungsassistenten ganz neue berufliche Perspektiven schaffen", sagt Alexander Heimerl, Prokurist bei der Trenkwalder Medical Care.

Der Weiterbildung liegt der Gedanke zugrunde, dass Rettungsassistenten über eine Ausbildung verfügen, die bereits zahlreiche Aspekte der Pflegeausbildung umfasst. Darüber hinaus weise der Arbeitsalltag eines Rettungsassistenten viele Analogien zu der Arbeit in einer Notaufnahme oder auf einer Intensivstation auf, sagt Heimerl.

Innerhalb eines 480 Theorie- und 160 Praxisstunden umfassenden Vollzeitlehrgangs werden interessierte Rettungsassistenten sattelfest für ihren Einsatz in der Klinik gemacht.

"Pflegeassistenten für Funktionsbereiche"

Der Unterricht umfasst Themen wie zum Beispiel Pharmakologie, Anästhesieverfahren, präoperatives Management und Grundpflege. Die theoretische Ausbildung erfolgt bei der "medakademie", einem staatlich anerkannten Bildungsträger. Den Praxisteil können die künftigen "Pflegeassistenten für Funktionsbereiche" in ausgewählten Krankenhäusern absolvieren.

Dabei werden die Inhalte der Fachweiterbildung an die betreffende Klinik und die Erfordernisse der Stationen, auf denen die Teilnehmer arbeiten werden, angepasst. Die Kliniken übernehmen die Lohn- und Lehrgangskosten - im Gegenzug verpflichten sich die Absolventen, dem betreffenden Krankenhaus nach dem Lehrgang für mindestens zwei Jahre als Fachkraft zur Verfügung zu stehen.

Ein im vergangenen Jahr gestartetes Pilotprojekt am Deutschen Herzzentrum in München hat gezeigt, dass das in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Rettungsdienstschulen entwickelte Konzept aufzugehen scheint: Die Rettungsassistenten wurden als Intensivpflegeassistenten in zwei herzchirurgischen Intensivstationen fortgebildet und eingesetzt. Sämtliche Absolventen wurden zum Abschluss der Ausbildung von ihrer jeweiligen Klinik übernommen.

Die erste reguläre Fachweiterbildung hat nun im Mai 2011 in Frankfurt am Main begonnen. Die rund 40 Absolventen sollen später an der dortigen Universitätsklinik zum Einsatz kommen.

Interesse der Krankenhäuser an den neuen Fachkräften ist sehr groß

Nach Angaben von Alexander Heimerl ist das Interesse der Krankenhäuser an den neuen Fachkräften sehr groß. "Vor allem im Bereich der Anästhesie und der Intensivmedizin wird dringend Personal gebraucht", konstatiert Heimerl im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Für die Rettungsassistenten liegen seiner Einschätzung nach die Vorteile auf der Hand: "Ihren neuen Arbeitsalltag in den Krankenhäusern können sie mit dem Privatleben besser abstimmen. Dort haben die Assitenten eine deutlich geringere Bruttoarbeitszeit, und das bei annähernd gleichem Verdienst."

Attraktiv sei die Weiterbildung darüber hinaus für angehende Medizinstudenten, die ihre Wartesemester sinnvoll nutzen wollen. "Sie können sich erst einmal zum Rettungsassistenten ausbilden lassen und mit einer solchen Weiterbildung schon einmal den Klinikalltag kennen lernen", verdeutlicht Heimerl.

Potenzielle Teilnehmer der Fachfortbildung müssen sich einem ausführlichen Eignungsfeststellungstest unterziehen. Weitere Voraussetzung: Die Bewerber müssen bereits zwei Jahre im Rettungsdienst tätig gewesen sein.

[29.08.2011, 15:50:53]
Jan Gregor Steenberg 
Äußerst fragliche "Fortbildung"
Ich persönlich empfinde den Vorstoß der Firma Trenkwalder eher befremdlich. Da ich selber auch eine Ausbildung zum Rettungsassistenten besitze und über Jahre an einer Berufsfachschule für Rettungsassistenten gelehrt habe, möchte ich die Behauptung aufstellen, dass ein gut ausgebildeter Rettungsassistent noch lange nicht eine gut ausgebildete Pflegekraft ersetzten kann. Hier wird eher versucht das Überangebot von Rettungsassistenten zu günstigen Arbeitskräften "umzuqualifizieren".
In meinen Augen widerspricht sich der Artikel auch:

"Attraktiv sei die Weiterbildung darüber hinaus für angehende Medizinstudenten, die ihre Wartesemester sinnvoll nutzen wollen. "Sie können sich erst einmal zum Rettungsassistenten ausbilden lassen und mit einer solchen Weiterbildung schon einmal den Klinikalltag kennen lernen", verdeutlicht Heimerl.

Potenzielle Teilnehmer der Fachfortbildung müssen sich einem ausführlichen Eignungsfeststellungstest unterziehen. Weitere Voraussetzung: Die Bewerber müssen bereits zwei Jahre im Rettungsdienst tätig gewesen sein."

Also: der angehende Medizinstudent absolviert zunächst eine zweijährige Berufsausbildung zum Rettungsassistenten, anschließend ist er weitere zwei Jahre im Rettungsdienst aktiv, um dann in einer Fortbildung in die Klinik zu wechseln? Nach ca. fünf Jahren Wartezeit beginnt der Medizinstudent dann mit dem Studium?
Diese Argumentation scheint mir vollkommen aus der Luft gegriffen.

Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen:

Wir brauchen keine Umschulungslehrgänge, sonder hochqualifiziertes Personal und zwar sowohl in der Klinik, als auch in der Präklinik. Die Arbeitsfelder sind äußerst unterschiedlich und ich halte nichts davon, die beiden Felder der Präklinik und der Klinik miteinander zu verbandeln. Vielleicht reicht ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Das Berufsbild des Dipl. Rettungssanitäter HF und auch des/der Dipl. Pflegefachmann/-frau HF zeigen gut auf, wie man die Paramedizinischen Ausbildungen auf einem äußerst hohen Niveau und für alle Beteiligten sehr attraktiv umsetzten kann.

Jan Gregor Steenberg LL.M. (Medizinrecht)
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[23.08.2011, 14:11:12]
Jürgen Bause 
Mehr examinierte Pflegekräfte braucht das Land
Rettungspersonal in Kliniken einzusetzen ist das eine; gut ausgebildetes Pflegepersonal auszubilden ist das andere. Mir kommt die Initiative der Firma Tenkwalder wie ein schlechter Scherz vor. Nach Berechnungen von Experten werden in wenigen Jahren nicht etwa 112.000, sondern etwa 300.000 examinierte Pflegekräfte fehlen.
Dieser Mangel an Pflegepersonal lässt sich nur durch eine erheblich verbesserte Ausbildung der Pflegekräfte und eine Erhöhung der Vergütung kompensieren.
Dieses rumlamentieren im Gesundheitsbereich auf den verschiedensten Ebenenen bis hin zur Generika-Debatte oder die "Schwester-Agnes" Initiative verbessern unser Gesundheitswesen nicht. Hier werden die berufsständischen Aufgaben der Krankenschwestern und Krankenpleger mit staatlicher Hilfe nur verwässert.
Gerade bei einer Verkürzung der Liegezeiten in den Kliniken benötigen wir hochqualifiziertes Personal, um die Pflegestandards einzuhalten.

Eine signifikante Verbesserung im Pflegesektor bringen nur sehr gut ausgebildete examinierte Pflegekräfte. Dieser Beruf ist deshalb so unattraktiv, weil er schlecht bezahlt wird und keine gesellschaftliche Anerkennung geniesst. Krankenschwester/pfleger wird von zahlreichen Patienten als billige Hilfskraft angesehen.
In zahlreichen Nachbarländern hat dieser Berufsstand eine erheblich besser Ausbildung, muss teilweise sogar an einer FH studiert werden.
Hier hat Deutschland versagt. Ich warne vor weiteren Hilfsschwestern und Pfleger. Diese bringen keinen Fortschritt in der Pflege - auch keine Entlastung. zum Beitrag »

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