Ärzte Zeitung, 14.10.2011

Verkäufe im Kliniksektor werden zunehmen

Für viele Kliniken wird das Überleben angesichts steigender Kosten immer härter. Für notwendige Sanierungen werden neue Wege gesucht. Mit der größten Klinikübernahme seit mehreren Jahren kommt wieder Bewegung in den deutschen Krankenhaussektor.

FRANKFURT/KIEL (dpa). Der Fresenius-Konzern mit seiner Kliniksparte Helios will knapp 95 Prozent an der im Norden starken Damp-Gruppe, dem siebtgrößten privaten Klinikbetreiber in Deutschland übernehmen (wir berichteten). Branchenkenner gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten Kliniken in Kiel, Offenbach, Wiesbaden oder Duisburg voll- oder teilweise privatisiert werden, um Geld in die leeren Kassen der Kommunen zu spülen. Laut einer RWI-Studie droht den Kliniken eine Pleitewelle.

Als Interessenten für solche Objekte werden neben Fresenius vor allem die Konkurrenten Rhön-Klinikum AG sowie Asklepios und Sana gehandelt. Derzeit seien mehr Projekte auf dem Markt als im vergangenen Jahr, sagte Rhön-Klinikum-Chef Wolfgang Pföhler jüngst.

Der Transaktionsmarkt hat wieder Fahrt aufgenommen

Der Transaktionsmarkt scheint wieder Fahrt aufgenommen zu haben. Denn auf die deutschen Krankenhäuser kommen magere Jahre zu.

Bis zum Jahr 2020 werden ohne Gegenmaßnahmen voraussichtlich etwa zehn Prozent von derzeit rund 2000 deutschen Kliniken ihre Pforten schließen, heißt es in einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI).

Seit dem Jahr 1991 hat sich in den Kliniken nach RWI-Berechnungen ein Investitionsstau von mittlerweile 14 Milliarden Euro angehäuft. Besonders für kleine Häuser in kommunaler Trägerschaft werden die nächsten Jahre wirtschaftlich hart.

Emotionen schlagen hohe Wellen

Bei dem Verkauf kommunaler Kliniken an private Klinikbetreiber schlagen die Emotionen hohe Wellen. Kritiker warnen vor Arbeitsplatzabbau und hohem Arbeitsdruck.

Befürworter sprechen von einer Erfolgsgeschichte und verweisen auf den Verkauf des Klinikums Gießen und Marburg an die Rhön-Klinikum AG. Schon seit dem zweiten Jahr in privater Hand schreibt das Klinikum schwarze Zahlen.

2009 machte es einen Umsatz von 500,3 Millionen Euro und fuhr einen Gewinn von 4,8 Millionen ein. 2005 hatte die Klinik noch einen Verlust von 15 Millionen Euro ausgewiesen.

2009 hatte Rhön-Klinikum eine Finanzspritze über 460 Millionen Euro aufgezogen. Doch die Mittel aus der Kapitalerhöhung wurden von dem MDax-Konzern bisher kaum genutzt. Damals rechnete die Führungsriege um Rhön-Chef Pföhler damit, dass Kommunen rasch ihre Kliniken verkaufen, um mit den Erlösen ihre Kassen zu füllen. Geschehen ist bisher wenig.

Dies dürfte sich nach Einschätzung von Fachleuten nun ändern: Bei den zum Verkauf stehenden Salzlandkliniken soll die Schweizer Ameos-Gruppe den Zuschlag erhalten haben. Und in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden wird seit Juni eine Lösung für die Dr. Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) gesucht. 49 Prozent sollen an einen Investor verkauft werden.

Mit der Übernahme der Damp-Gruppe entsteht der mit Abstand größte deutsche Klinikverbund

Mit der jetzigen Übernahme der Damp-Gruppe entsteht der mit Abstand größte deutsche Klinikverbund mit über drei Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Den Kaufpreis schätzen Branchenbeobachter auf etwas weniger als einen Jahresumsatz. Im Markt kursiert ein Barkaufpreis von 290 Millionen Euro.

Einschließlich der Übernahme von Schulden wird mit rund 450 Millionen Euro gerechnet. Nach Umsatz ist Helios fünf Mal so stark wie die Damp-Gruppe. Damp hatte 2008 nach Steuern noch knapp schwarze Zahlen geschrieben und im vergangenen Jahr ein Sanierungsprogramm eingeleitet.

Helios will nach dpa-Informationen auch beim Universitätsklinikum Schleswig-Holstein mitmischen, dem einzigen Kranken-Maximalversorger im Norden. Zwar ist die lange Zeit von der schwarz-gelben Koalition in Kiel mit ins Kalkül gezogene Vollprivatisierung des Klinikums mit 10.600 Beschäftigten in Kiel und Lübeck inzwischen vom Tisch. Das Land hält an der öffentlich-rechtlichen Trägerschaft fest.

Die Gebäude der Krankenversorgung sollen aber verkauft und von Privaten saniert werden. Das Klinikum, das bis 2010 ein Defizit von 130 Millionen Euro angehäuft hat und nach Einschätzung des Landesrechnungshofes im Grundsatz pleite ist, mietet sie dann zurück.

Ausschreibung für einen "wettbewerblichen Dialog" werden vorbereitet

Insgesamt 17 Unternehmen haben sich am Markterkundungsverfahren beteiligt, darunter Krankenhausbetreiber wie Helios. "Wir sind dabei, die Ausschreibung für einen sogenannten wettbewerblichen Dialog vorzubereiten", sagte der Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Kiel, Harald Haase.

Dieses Verfahren ist eine Premiere im Norden und wird angewandt, weil für das beschlossene Projekt keine hinreichenden Erfahrungen vorliegen. Anders als bei einer klassischen Ausschreibung mit klaren Vorgaben bis ins Detail bleibt hier Spielraum für den weiteren Verlauf, um gemeinsam mit den Bewerbern den besten Weg zu finden.

Anfang 2014 ist als Baubeginn im Visier. Wer zum Zuge kommt, wird einen dicken Fisch an der Angel haben: Es geht zunächst um einen Sanierungsbrocken von 340 Millionen Euro.

[17.10.2011, 20:46:15]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ceterum censeo - Fremde Federn und Doubletten
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Beiträge die von anderen Autoren wortwörtlich übernommen worden sind, wie dies durch Helmut Karsch erfolgt ist, entsprechend gekennzeichnet sein sollten. Der Leserkommentar von Herrn Karsch ( s.u.) ist wortwörtlich von dem Beitrag von Bernard Braun im Forum Gesundheitspolitik übernommen worden, der am 17.04.10 veröffentlicht worden ist.

Lästig sind auch die zahlreichen Doubletten aus immer wieder verwendeten Textbausteinen, die ein andererer Dauerkommentierer beharrlich serviert.
Die Ärztezeitung könnte diesem Phänomen abhelfen ohne Zensur auszuüben, denn der Computer macht die Texterkennung möglich.  zum Beitrag »
[17.10.2011, 13:55:08]
Dr. Jürgen Schmidt 
Privatisierung um jeden(?) Preis - oder: Das vorletzte Gefecht!
So recht verstehen konnte man weder den Privatisierungstrend noch die Erhebungen, die neben der Wirtschaftlichkeit sehr komplexe weitere Faktoren einbeziehen und einer Formalisierung ohnehin nur schwer zugänglich sind. Selbst wenn man eine Klinik vor und nach Privatisierung vergleicht, gehen Faktoren wie Methodenfortschritt etc ein, die ein verzerrtes Bild liefern.

Sicher ist jedoch:
1. Nach einer Privatisierung muss eine Kapitalrendite erwirtschaftet werden, die von der öffentlichen Hand nicht benötigt wurde.
2. Die hinter den Kliniken stehenden Konzerne und Kapitalgesellschaften (Helios/Fresenius ist nur ein besonders offensichtliches Beispiel) streben nach einer zentralen Position im Gesundheitswesen, beschleunigt durch die gegenseitige Konkurrenz.

Weil dies vorhersehbar und fast marktgesetzmäßig abläuft, musste die Privatisierungbereitschaft der öffentlichen Hände verwundern, denn Erkenntnisse zur entstehenden Marktmacht und Preisbildung lagen doch bereits im Arzneimittelsektor hinreichend vor.

Die Problematik verschärft sich durch die Konzentrationsprozesse der Klinikkonzerne, die derzeit noch knappe Renditen hinnehmen. Das wird sich ändern, wenn die Marktsituation dies erlaubt.

Die gesundheitspolitischen und sozialen Folgen sind vielleicht noch gravierender. Die von Klinikkonzernen errichteten MVZ'S streben eindeutig eine regionale Dominanz an. Ihrem Vordringen hat die niedergelassene Ärzteschaft mangels Organisiation und kompetenter Führung bislang wenig entgegen gesetzt. Die in privater Hand gegründeten MVZ's sind kein wirkliches Gegengewicht, denn im finalen Verdrängungswettbewerb mit den zahlreichen Konzern-MVZ's entscheidet nicht zuletzt die Kapitalstärke.

Bevor ein strategisches Konzept zur Abwehr dieser Entwicklung konsentiert werden könnte, müsste die Einsicht in die fatale Situation hergestellt werden. Daran fehlt es! Nun ist es fast zu spät! zum Beitrag »
[17.10.2011, 12:39:01]
Helmut Karsch 
Öffentliche Verarmung und die Konsequenzen
Die öffentliche Darseinsfürsorge als Schlachtvieh der klammen Kommunen, gehört mit zu dem Szenario der Privatisierung der Gesundheitsversorgung. Dabei spielen die Politiker einmal mehr die Steigbügelhalter der Unternehmen. Mit der entsprechenden Rabulistik wird der Öffentlichkeit suggeriert, es gäbe keine Alternative und kein Weg zurück. Das diese nicht so ist und die vermeintlichen Fatamorganen der höheren Wirtschaftlichkeit als Pseudoargument diese "Sonderschlachtungen" voran treiben ist vor dem Hintergrund bekannter Untersuchnung besonders fragwürdig.
Sind private gewinnorientierte Krankenhäuser in Deutschland wirtschaftlicher als öffentliche Krankenhäuser? Nein!
Wer diese Frage unter dem Eindruck von Hochglanzprospekten, Krankenhaus-Hitlisten und öffentlicher "Berichterstattung" mit "Ja" beantwortet und sich als Mitarbeiter oder Befürworter öffentlicher oder frei-gemeinnütziger Krankenhäuser am liebsten vor einer Antwort gedrückt hätte, kann sich hiermit wundern und den Kopf wieder etwas höher tragen.
Eine Analyse der Ökonomen Tiemann und Schreyögg von der "Munich School of Management" hat sich nämlich diese Frage auch gestellt und für die Antwort die umfangreichen betriebswirtschaftlichen Daten zur Arbeit der unterschiedlichen Eigentums- oder Trägertypen von Krankenhäuser gründlich analysiert. Die Forscher verglichen dabei insbesondere die Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern in öffentlichem Eigentum mit der von gewinnorientierten wie nicht gewinnorientierten Kliniken in privatem Besitz.

Anders als einer Reihe früherer Studien ging in ihre Berechnung nicht nur die Anzahl der behandelten Fälle und Finanzdaten bis hin zum Gewinn ein, sondern auch Daten über die Qualität der Versorgung und die Heterogenität der in den unterschiedlichen Krankenhausarten behandelten PatientInnen.

In einem ersten Schritt bewerteten sie für die Jahre 2002 bis 2006 mit einer so genannten "data envelopment analysis (DEA)" die Leistungsfähigkeit von 1.046, d.h. knapp der Hälfte der noch betriebenen Krankenhäuser in öffentlichem und privaten Besitz. Letztere wurden nochmals nach "for-profit" oder "non-profit"-Krankenhäuser unterschieden.
In einem zweiten Analyseschritt verfeinerten sie die Effizienzanalyse durch eine multivariate lineare Regressionsanalyse, in deren Modell auch organisatoriche Merkmale, Umweltcharakteristika und vor allem die Verschiedenheit des "Patientenguts" eingingen.
Die zum Teil unerwarteten Ergebnissen fassten die Forscher so zusammen:

• "Our findings show that public ownership was associated with significantly higher efficiency than other forms of ownership; private for-profit ownership, in particular, was associated with lower efficiency."
• An diesen Schlüsselergebnissen veränderte sich auch nach einer Reihe von Sensitivitätsüberprüfungen nichts.
• Was private Krankenhäuser besser hinbekommen als öffentlich getragene und was diese stattdessen in den Vordergrund ihres Handelns rückten, bringen die Autoren auf folgenden Nenner: "Our results suggest that private for-profit hospitals place greater emphasis on earning profits (i.e. higher revenues per case due to higher prices), whereas public hospitals, because of resource constraints, focus primarily on input efficiency."
• Ein weiteres wichtiges Ergebnis war die positive Assoziation zwischen der Krankenhausgröße und der Leistungsfähigkeit. Private gewinnorientierte Krankenhäuser waren dabei unter den Kliniken mit mehr als 1.000 Betten wirtschaftlicher als alle anderen Krankenhaustypen.
• Private, gewinnorientierte Krankenhäuser, die bekanntermaßen vorrangig kleinere bis mittlere Krankenhäuser kaufen und dort ausgewählte Leistungen anbieten, wären daher "well advised, to change their acquisition strategy in terms of choice of hospital size and location."
• Dort wo ein strammer regionaler Wettbewerb zwischen Krankenhäusern existiert, waren die privaten gewinnorientierten Krankenhäuser allerdings unwirtschaftlicher als ihre Konkurrenten mit anderer Trägerschaft.
• Anders als dies von denjenigen, die Wettbewerb zum ordnungspolitischen Zweck oder Allheilmittel erklären, suggeriert wird, hat der Wettbewerbsdruck nach der Analyse der beiden Ökonomen einen "significant negative impact on hospital efficiency."
• Abschließend stellen sie daher fest: "The ongoing trend towards privatization in Germany may not be an appropriate way to ensure the best use of the scarce resources in the hospital sector, because public hospitals use relatively fewer resources than private for-profit hospitals."

Angesichts der ungehinderten weiteren Privatisierung von Krankenhäusern darf man in jedem Fall auf die Ergebnisse der von den beiden Betriebswirten zusätzlich für notwendig gehaltenen Längsschnittanalyse der Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Krankenhaustypen gespannt sein.
Die mit detaillierten Angaben gespickte Studie "Effects of Ownership on Hospital Efficiency in Germany" von Oliver Tiemann, Jonas Schreyögg ist im Sammelband "BuR - Business Research Official Open Access Journal of VHB" des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (Volume 2, Issue 2, December 2009: 115-145) erschienen und kostenlos erhältlich.
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