Ärzte Zeitung, 05.12.2011

Spahn will Praxisgebühr ändern

BERLIN (chb). Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn plädiert für Änderungen bei der Praxisgebühr.

"Bislang erfüllt die Praxisgebühr die vorgesehene Steuerungsfunktion offenkundig nicht ausreichend, nämlich ein Nachdenken darüber zu befördern, ob ein Arztbesuch wirklich notwendig ist. Ich bin dafür, dass wir uns das Thema Praxisgebühr noch in dieser Legislaturperiode vornehmen", sagte Spahn der Wochenzeitung "Das Parlament".

Die Deutschen gingen im Schnitt 18 Mal pro Jahr zum Arzt, das sei im internationalen Vergleich sehr viel. Auch darüber werde man reden müssen, kündigte Spahn an.

[05.12.2011, 09:37:55]
Dr. Klaus Günterberg 
DIE ZUZAHLUNG, SOG: "PRAXISGEBÜHR" HAT IHR ZIEL NICHT ERREICHT: ABER DIE VIELEN ARZTBESUCHE HABEN EINEN GANZ ANDEREN HINTERGRUND
ÜBER VERKÜRZTES DENKEN

„Die Leute gehen zu oft zum Arzt.“ klagte ursprünglich die Barmer/GEK und verwies auf unsere Nachbarländer. Dort sucht man tatsächlich seltener den Arzt auf. Aber ist das wirklich ein Grund zur Klage? Zu klagen hätten allenfalls die deutschen Vertragsärzte, die bei zunehmendem Ärztemangel, vor allem, um den medizinischen Fortschritt zum Wohle ihrer Patienten umzusetzen, ihre Budgets überschreiten und immer mehr Leistungen, trotz „leistungsbegrenzender Maßnahmen“, für die Krankenkassen dann unentgeltlich, erbringen! Hier stellt sich wirklich die Ressourcenfrage.

Natürlich geht mancher mit jedem Wehwehchen zum Arzt. Wem will man das verdenken? Aber wir kennen auch den anderen Fall: „Warum kommen Sie denn erst jetzt???“ Das gibt es aber in jedem Land. Die vielen Arztbesuche hierzulande haben aber auch andere Gründe:

Wir Deutschen werden immer älter. Und mit dem Alter mehren sich Krankheiten und Behandlungen. Früher z.B. sind die Leute nach Thrombose am Schlaganfall oder an der Embolie verstorben – heute bekommen sie Gerinnungshemmer und werden dadurch älter. Drohende Gefäßverkalkungen lassen sich heutzutage verhindern; man braucht dazu aber auch täglich Medikamente und die regelmäßige ärztliche Überwachung der Gerinnung.
Mit dem Alter und dem Verschleiß, mit den Beschwerden an Knochen, Rücken und Gelenken hat man sich früher abgefunden – heute brauchen wir CT, MRT und Mikrochirurgie, Knorpel-Reparatur und künstliche Gelenke; wenigstens wollen wir mobil und schmerzfrei sein.
Früher hat der Krebs das Schicksal stets besiegelt, heute nicht immer. Das Beispiel Brustkrebs zeigt das am besten: Diese Diagnose war früher ein Todesurteil; erst ging die Brust verloren, dann das Leben. Heute ist das die Ausnahme, meist bleibt die Brust erhalten, teure Medikamente, über Jahre gegeben, verhindern den Rückfall. Viele Menschen haben inzwischen sogar mehrere Krebserkrankungen überlebt. Aber die Medikamente und die Nachsorge erfordern auch regelmäßige Arztbesuche. Für die HIV-Infektion gilt das Gleiche. Müssen wir diese Entwicklung beklagen?
Wer heute schwanger ist, erwartet ein gesundes Kind; viele Erkrankungen lassen sich schon vor der Geburt erkennen, viele lassen sich verhindern. Wer keine Kinder bekommen kann, erwartet Hilfe. In der Kinderwunschbehandlung und der Schwangerenbetreuung leistet Deutschland Vorbildliches. Doch, wie soll das alles ohne Arztbesuche gehen?
Wir fördern prophylaktische Maßnahmen: Vorsorge-Untersuchungen der Neugeborenen und Kinder, Impfungen, allgemeine Früherkennungs-Untersuchungen Erwachsener, dann speziell für den Mann, für die Frau, gegen Brust-, Darm- und Hautkrebs, wir führen neue Impfungen ein. Zweimal jährlich sollte man vorsorglich zum Zahnarzt gehen; kleine Schäden bereiten nur kleine Kosten. Prophylaxe ohne Arztbesuch??

Hat die Barmer-GEK wirklich Grund zur Klage? Wir kennen das Problem verkürzten Denkens auch aus der Impfpraxis: Über Krankheiten, die nicht mehr auftreten, spricht man nicht mehr. Die Leute fürchten nicht mehr die Krankheit, sie beklagen die Spritze. So beklagen die Krankenkassen schon lange die steigenden Kosten der Medikamente. Über bekämpfte Krankheiten und die Kosten der Impfstoffe sprechen sie nicht. Nun beklagt man auch die Arztbesuche.

Wir haben hier ein Beispiel verkürzten Denkens. Man spricht bei solchen Erscheinungen auch volkstümlich von dem „Prinzessin auf der Erbse“-Syndrom oder auch von dem Prinzip „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“
Nun ist das Klagen schon dort angekommen, wo wir auf Erreichtes eigentlich stolz sein könnten, auf mehr Gesundheit und längeres Leben. Es gibt nichts Wertvolleres als Leben und Gesundheit; aber das ist auch mit Aufwand verbunden, z.B. mit Arztbesuchen.

Dr. Klaus Günterberg
Frauenarzt. Berlin


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