Ärzte Zeitung, 25.06.2012

Zoff um Blutentnahmen absehbar

Richtlinie mit ungeahnten Folgen: Weil Pflegekräfte für Blutentnahmen künftig eine Zusatzqualifikation benötigen, könnte es für Kliniken personell eng werden. Aber auch Praxen sind betroffen: Ihnen droht neue Konkurrenz.

Von Christian Beneker

Delegation: Neue Regeln für die Blutentnahme

Bislang galt: An dreijährig examinierte Schwestern und Pfleger durfte die Blutentnahme delegiert werden.

© Klaus Rose

LÜNEBURG. Die neue Heilkundeübertragungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) setzt die Klinikleitungen unter Druck und schützt vorerst die Interessen der Niedergelassenen.

Auf Dauer werden im ambulanten Bereich jedoch Honorare wegbrechen. Am wenigsten dürften die Patienten von der neuen Richtlinie profitieren. Das sagte der Jurist Dominik Roßbruch auf einer Fachveranstaltung am Klinikum Lüneburg.

Die Richtlinie sieht in Verbindung mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz von 2008 vor, dass ärztliche Tätigkeiten, die früher unter bestimmten Bedingungen an dreijährig examinierte Pfleger und Schwestern übertragen werden konnten, nur noch dann übertragen werden dürfen, wenn die Pflegenden eine entsprechende Zusatzqualifikation absolviert haben.

Die Folge: Schwestern, denen etwa die Blutentnahme bisher übertragen worden war, können sie nun verweigern. Denn nach neuer Rechtslage ist eine dreijährig examinierte Schwester für die Durchführung etwa einer Blutentnahme kein qualifiziertes Personal mehr.

Ausbildung, die es noch nicht gibt

Es sei denn, sie verfügt über die neue Zusatzqualifikation. Zivilrechtlich haftet dann der Klinikträger im Rahmen seines Organisationsverschuldens, wenn er zu wenig qualifiziertes Personal zur Durchführung bestimmter Tätigkeiten einsetzt, erklärt Roßbruch.

Die neue Qualifikation hat aber einen Haken: "Die Ausbildung gibt es noch gar nicht", so Roßbruch.

Erst Ende des Jahres könne man mit den ersten Ausbildungsgängen rechnen. Kurz: Die Träger sollen Personal zur Verfügung stellen, das es noch gar nicht geben kann.

Damit es nicht dazu kommt, "könnte man hausintern Regelungen treffen, dass die Pflege auf ihr Arbeitsverweigerungsrecht verzichtet, wenn das persönliche zivilrechtliche Haftungsrisiko im Rahmen des Durchführungsverschuldens vom Träger übernommen wird", sagt Roßbruch.

Substitution statt Delegation

Allerdings: Den MDK interessieren solche Abmachungen nicht. "Der MDK wird die Fortbildung des Personals anmahnen und das Haus rügen, weil es nicht qualifiziertes Personal zur Durchführung von ärztlichen Tätigkeiten einsetzt, und das kann Geld kosten."

Viele Kliniken lösen das Problem mit dem Taschenrechner, sagt Roßbruch. "Sie errechnen, wie hoch voraussichtlich die Haftungssummen sein werden und wie teuer die Fortbildungen für das Personal und entscheiden dann."

Für den ambulanten Bereich bedeutet die neue Richtlinie, dass bald entsprechend fortgebildete Pflegedienste Blutentnahmen oder ZVK-Entfernungen sowohl verordnen, vornehmen und abrechnen können.

"Es handelt sich hier ganz klar um eine Substitution von Aufgaben", sagt Roßbruch. Vor allem die Krankenkassen haben ein Interesse daran.

"Denn eine Blutentnahme durch Pflegende wird geringer vergütet werden, als eine Blutentnahme durch Ärzte."

[26.06.2012, 20:55:50]
Petra Pesch 
Zoff um Blutabnahmen absehbar
ich finde es unmöglich was mit uns Krankenschwestern gemacht wird.
Ich habe mein Examen im Jahr 1994 abgelegt bei 2000 UE.Im Jahr 2004 wurde darüber nachgedacht,und man hat dem Ganzen einen neuen Begriff gegeben: Gesundheitspfleger mit 2500 UE.
Das hat zur Folge das den älteren Schwestern im 21 Jahrhundert 500 UE fehlen.

Neu dazu gekommen sind jetzt die Arzthelferinnen die sich medizinische Fachangestellte heute nennen dürfen,und ebenfalls im Klinikbereich tätig werden.Man spart an den Schwestern.
Ich ärgere mich über diesen Bericht das wir Schwestern jetzt noch eine Zusatzqualifikation haben müssen um Blutabnahmen durchführen zu können. Aber alle über Fachkräftemangel in Kliniken und Altenheimen stöhnen.
Sollen denn alle älteren Schwestern der 1980er/1990er nichts mehr mit Ihrem Examen im 21 Jahrhundert wert sein.Denn dann müssten alle nochmal die Schulbank drücken und das wird dem Staat bestimmt nicht gut tun.

MFG
Petra Pesch  zum Beitrag »
[26.06.2012, 12:46:04]
Marco Di Bella 
Ball flach halten
Zunächst ist festzuhalten, dass die besagte Richtlinie aktuell keinerlei Auswirkungen auf die bisherige Versorgungsstruktur hat und haben wird.

1.
Zum Hintergrund: Die "Heilkundeübertragungsrichtlinie" beschreibt heilkundliche Tätigkeiten, die im Rahmen eines von GKV-Leistungsträgern durchgeführten Modellvorhabens nach § 63 Abs. 3c SGB V auf hierfür speziell ausgebildete Pflegekräfte übertragen werden können. Es geht also nicht um den Regelbetrieb, sondern um mögliche Modellvorhaben. Der Hinweis auf die Modellvorhaben ist leider im Text unterblieben.

2.
Bis heute ist kein einziges Modellvorhaben nach § 63 Abs. 3c SGB V gestartet worden. Anhand der langen Entwicklungsdauer der Richtlinie kann man auch vermuten, dass die Kassen auch weiterhin keine Eile haben ein solches Projekt zu starten. Aber selbst wenn ein solches Projekt heute initiert werden würde, dann müsste m.E.
a) zunächst ein Ausbildungsträger gefunden werden, der
b) ein Curriculum konzipiert, dass gem. §§ 4 Abs. 7 KrPflG, 4 Abs. 7 AltPflG über Regelausbildung hinausgeht ohne sie zu gefährden, und die Vermittlung der erweiterten Kompetenzen zur Heilkunde beinhaltet, wobei
c) das Curriculum noch vom BMG zu genehmigen ist. Dann könnte
d) eine Ausbildungskohorte gestartet werden. Da die Regelausbildung (die wie oben gesagt nicht gefährdet werden darf) bereits drei Jahre umfasst, kann von einem zeitlichen Mehrbedarf ausgegangen werden (z.B. ein weiteres Jahr). Ersta nach Abschluss dieser Ausbildung kann
e) überhaupt mit dem praktischen Testlauf begonnen werden.

Sollt sich dieser Zeitplan bewahrheiten, so ist es relativ unwahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren gravierende Auswirkungen in der Versorgungslandschaft zu spüren sind.

3.
Der Hinweis "Schwestern, denen etwa die Blutentnahme bisher übertragen worden war, können sie nun verweigern. Denn nach neuer Rechtslage ist eine dreijährig examinierte Schwester für die Durchführung etwa einer Blutentnahme kein qualifiziertes Personal mehr" ist völlig absurd. Wie ausgeführt, bezieht sich die Heilkundeübertragungsrichtlinie allein auf die Situation innerhalb eines Modellvorhabens. Auswirkungen wird es - wenn überhaupt - nur dann geben, wenn die Modellprojektstrukturen in den Regelbetrieb überführt werden würden.

4.
Die Klarheit mit der die Meinung vertreten wird, dass es sich bei der im Rahmen der Heilkundeübertragungsrichtline angesprochenen Übertragung um eine Substitution handelt, teile ich nicht. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass der Grad an selbstständiger Entscheidungs- und Handlungskompetenz größer ist als bei einer reinen Delegation, jedoch ist beim gegenwärtigen Konstrukt die Diagnosesetzung des Arztes Voraussetzung für eine Übertragung. Die Tätigkeiten werden somit "unter Vorbehalt" übertragen. Im Übrigen hatte sich die BÄK auch wiederholt gegen eine Substitution ausgesprochen - wohl auch aus diesem Grund wird in der Richtlinie weder von "Delegation" noch von "Substitution" gesprochen.  zum Beitrag »
[26.06.2012, 12:24:29]
Lutz Barth 
Aufregung nachvollziehbar!
Mir sei es gestattet, im Nachgang zu den zwischenzeitlich eingestellten Kommentaren darauf hinzuweisen, dass ich durchaus Verständnis für den Unmut hege, der sich dort berechtigterweise widerspiegelt.

Gleichwohl besteht kein nachhaltiger Anlass, allgemeine Justizschelte zu üben, zumal der Beitrag ganz wesentlich seine „Sprengkraft“ aus einzelnen Statements eines einzelnen Juristen bezieht, die allerdings nicht unkommentiert bleiben dürfen.

Entscheidend ist und bleibt, dass es offensichtlich auch so manchen Juristen nicht gelingt, hinreichend zwischen der „Delegation“ und „Substitution“ ärztlicher Leistungen und den damit verbundenen und vor allem gravierenden Rechtsfolgen zu differenzieren, zumal in Kenntnis der strikt voneinander zu differenzierenden Versorgungssektoren. Auch wenn einzelne Modellvorhaben eine Substitution ärztlicher Aufgaben auf das Pflegepersonal vorsehen, werden dadurch eine Delegation und die damit seit Jahrzehnten diskutierten Rechtsfragen nicht obsolet!

Nun scheint es hier im Kommentarteil der Ärzte Zeitung nicht der rechte Ort zu sein, um die noch diskussionsbedürftigen (Rechts-)Probleme der Delegation intensiv zu erörtern, wenngleich doch gerade in der Abgrenzung zur Substitution darauf hingewiesen werden muss, dass gerade letztere keine nennenswerten Probleme (speziell auch unter haftungsrechtlichen Gesichtspunkten betrachtet) aufwerfen dürfte. Pflegekräfte haften in der Folge einer Substitution vollumfänglich, während demgegenüber bei einer Delegation grundsätzlich die Gesamtverantwortung beim Arzt liegt und er im Rahmen der beabsichtigten Delegation weitergehende Sorgfalts- und Organisationspflichten walten lassen muss, damit es überhaupt zu einer Exkulpation seiner Haftung kommt (und zwar im Rahmen der deliktischen Schadenshaftung, § 831 BGB).
Wesentlich allerdings sind hierbei die unterschiedlichen rechtlichen Implikationen, die je nach Versorgungssektor (stationäre Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Arztpraxen etc.) durchaus nicht kongruent sind.

Ungeachtet dessen verbleibt es allerdings bei der maßgeblichen Erkenntnis, dass es aus der Sicht der Leistungsanbieter keine Verpflichtung gibt, bestimmte ärztliche Aufgaben im Wege der Substitution zu übertragen; dies gilt freilich in einem besonderen Maße für die freiberuflich tätigen Ärzte, mal ganz davon abgesehen, dass die nichtärztlichen Mitarbeiter in den Arztpraxen nicht zum Adressatenkreis der sog. „Modellvorhaben“ zählen.

Ein Vakuum in der Versorgung entsteht nicht, zumal es ja auch nicht ausgeschlossen ist, dass nach der erforderlichen Evaluierung der einzelnen Modellvorhaben der parlamentarische Gesetzgeber zur Einsicht gelangt, dass die mit den Modellvorhaben gehegten Visionen nicht eingetroffen sind und demzufolge sich einzelne Projekte in "Wohlgefallen" auflösen.

Allein durch die Möglichkeit, Modellvorhaben auf den Weg zu bringen, hat sich der Gesetzgeber keineswegs vom Delegationsmodell mit den damit verbundenen Voraussetzungen verabschiedet und es könnte daher letztlich Sinn machen, ggf. über die Weisungsbefugnis der Ärzteschaft gerade in stationären Einrichtungen (auch der Krankenhäuser) gegenüber dem Pflegepersonal neu nachzudenken (wie sicherlich bekannt, wird eine solche Weisungsbefugnis nach wie vor von der „herrschenden Lehre“ beharrlich abgelehnt, obgleich sich doch hier auch aus rechtlicher Perspektive einige Alternativen aufdrängen, die dann im Rahmen einer Delegation von bestimmten ärztlichen Aufgaben gerade im Krankenhaus (ggf. auch in einer stationären Alteneinrichtung) zumindest diskussionswürdig erscheinen.

Was also bleibt als Fazit zu ziehen?
Der befürchtete „Zoff“ braucht nicht einzutreten, es sei denn, wir lassen die alte Debatte über die Sicherung vermeintlicher Pfründe wieder aufleben, ohne hierbei die knappe Ressource „Recht“ sachgerecht einzusetzen. Zumindest ist es zwingend erforderlich, zwischen zwei Begriffen, namentlich der Delegation und Substitution, deutlich zu unterscheiden, um von hieraus die arbeitsteilig organisierten Prozesse bewerten zu können. Es macht nun mal auch rechtlich einen Unterschied, ob wir es mit einer vertikalen oder horizontalen Arbeitsteilung zu tun haben, wobei doch auch gegenwärtig eines festgestellt werden darf: Eine sinnvolle Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren gerade in der Medizin ist nicht mehr hinweg zu denken, zumal in hochkomplexen Gesundheitseinrichtungen.
Warum soll also ohne erkennbare Not etwas „über Bord geworfen werden“, was sich im Kern als praxistauglich erwiesen hat, mögen auch einige Detailfragen noch einer befriedigenden Antwort harren (zumindest aus rechtlicher Sicht)?
Die Delegation wird auch weiterhin in einzelnen Versorgungssektoren ein probates Mittel sein, um den Anforderungen einer aus der Sicht der Patienten gewünschten lege-artis-Behandlung trotz steigender Komplexität gerecht werden zu können.
 zum Beitrag »
[26.06.2012, 12:20:46]
Dr. Birgit Bauer 
Wunderlicher gehts wohl nicht mehr ??
All diese Theoretiker besonders die "superjuristischen" sollten mal wieder in die Niederungen des Alltags zurückkehren und selbst tun , was an Kuriositäten aus ihrem Hirn entspringt. Ich denke wenn das in unserem Gesundheitsunwesen so weiter geht, wird es bald kein Personal mehr im pflegerischen und ärztlichen Sektor geben.
Wie kommt es eigentlich, dass diese Damen und Herren glauben, dass alle anderen außer ihnen unverantwortlich in ihrem Beruf handeln ? Wo kommt ihr verworrener Blick auf die Realitäten her ??
Ich würde mich langsam nicht mehr wundern, wenn es bald noch Richtlinien zum juristisch einwandfeien Luftholen in Deutschland gäbe ?
Die Diktatur der Verwaltung lässt grüssen !
M.f.G. B.Bauer
 zum Beitrag »
[26.06.2012, 08:38:41]
Angelika Christina Oles-Guhl 
Blutentnahmen
Als ich vor über 20 Jahren das Blutentnehmen lernte, wäre ich über die Maßen aufgeschmissen gewesen, hätten nicht die guten Schwestern der Uni- Klinik mir dabei geholfen! Wie oft hört man, dass die Patienten in niedergelassenen Praxen die nötigen Entnahmen lieber durch das Personal, als durch den "Chef" durchführen lassen?

Diese Diskussion hier orientiert sich, meiner Meinung nach, zu sehr an rechtlichen Gesichtspunkten. Was soll ein Niedergelassener, z.B., denn noch Alles machen? Neben dem bürokratischen Aufwand soll er auch noch solch "niedere Dienste" verrichten, die evtl. sogar besser von seinen Mitarbeitern ausgeführt werden könnten? So manch universitäter Professor ist gedanklich dermaßen weit weg vom "praktischen Kleinkram", beschäftigt mit Lehre, Forschung, Information...
Muss ein solcher Fachmann sich wirklich jetzt damit beschäftigen, wie er es gemanagt bekommt, seine Schwestern und Pfleger Qualifikationen erhalten lassen zu können, wie er es organisiert bekommt, wie er das bezahlt?

Deutschland, heilig Bürokratie- Land! zum Beitrag »
[26.06.2012, 08:19:31]
Dr. Dirk Kestner 
Grotesk!
Wie sich ein einst respektierter Berufsstand unter Mithilfe der Politik und der Justiz nach und nach selbst bis hin zur Bedeutungslosigkeit demontiert, ist mir nicht nur gänzlich unverständlich, sondern reizt mich mittlerweile schon zu zynischem Gelächter. Meine Mutter war Krankenschwester und hätte ihrem Stationsarzt gehörig den Marsch geblasen, wenn selbiger sie zu "für Blutentnahmen nicht qualifiziertem Personal" herabgewürdigt hätte, und als junger Assistenzarzt auf einer psychiatrischen Akutstation durfte ich vor dem altgedienten Stationspfleger noch strammstehen, als er mich absolut unzweideutig darüber aufklärte, wer in SEINEM Wachsaal die Blutentnahmen macht, Injektionen appliziert und sogar Infusionen anlegt. Gute alte Zeit, als man sich selbst noch respektierte! Glücklicherweise gibt es die Arzthelferinnen, auch wenn sie jetzt nicht mehr so heißen, die stolz darauf sind, wenn "ihr Doktor" sie Blut abnehmen läßt, was in unserem von der Justiz bevormundeten und beherrschten Land sicherlich auch längst "illegal" ist! zum Beitrag »
[26.06.2012, 08:01:30]
Prof. Dr. Erland Erdmann 
Blutentnahmen durch Arzthelferinnen
Soweit ich weiß dürfen doch medizinische Fachangestellte, zu deren Ausbildung die Blutentnahmen gehören, auch in Kliniken tätig werden. Man sollte sowieso einige (30 50%) Krankenschwestern/pfleger durch gute Arzthelferinnen in den Kliniken ersetzen. Sie unterstehen fachlich den Ärzten! zum Beitrag »
[26.06.2012, 08:00:31]
Lutz Barth 
„Zoff“ lässt sich vermeiden!
Der Beitrag wirft mehr Fragen, denn Antworten auf und mit Verlaub, hier scheint der Autor Beneker den wenig überzeugenden „Argumenten“ eines Juristen erlegen zu sein, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass es sich „ganz klar um eine Substitution von ärztlichen Aufgaben handelt“, obgleich gerade die vom G-BA erlassene Richtlinie es tunlichst und aus meiner Sicht nicht ohne Bedacht vermeidet, die Begriffe der „Substitution“ und „Delegation“ zu erwähnen.

Der Richtlinientext arbeitet sich eben nicht an den „verbrauchten begrifflichen Gegenpolen“ ab, so deutlich der GBA-Chef Hess (vgl. dazu hier in der Zeitung >>> GBA-Chef sieht bei Delegation die Kassen am Zug v. 25.11.11 <<<) und insofern verbleibt es durchaus bei der Möglichkeit, an der bewährten Delegation „ärztlicher“ Aufgaben auf das nichtärztliche Personal festzuhalten, zumal in den verschiedenen Sektoren der stationären und ambulanten Versorgung.

Dies insbesondere deshalb, weil es nach § 63 SGB V keine Verpflichtung gibt, entsprechende Modellvorhaben abzuschließen und in der Tat: „Modellklauseln haben den Charme, dass man etwas ausprobieren kann, aber nicht ausprobieren muss“, wie seinerzeit Caspers-Merk völlig zutreffend feststellte. Von daher bliebe es den Leistungsträgern vorbehalten, am „alten System“ der Delegation ärztlicher Aufgaben und den dazu entwickelten „Standards“ festzuhalten.

Eine – wie auch immer zu befürchtende – Lücke in den einzelnen Versorgungssektoren steht daher nicht zu befürchten an. Weder die Klinikleitungen noch der ambulante Bereich geraten unter „Druck“, noch gilt es, irgendwelchen Honorareinbrüchen das Wort zu reden, geschweige denn ernsthaft darüber nachzudenken, über hausinterne Regelungen zu philosophieren, in denen die beruflich Pflegenden gegen ein entsprechendes Äquivalent (hier in Gestalt der Haftungsübernahme durch den Träger) auf ihr Arbeitsverweigerungsrecht verzichten.
Es gibt keinen Zwang zum Abschluss irgendwelcher Modellvorhaben und es steht im freien Belieben der Leistungsträger, im Zweifel am bewährten – wenn auch durchaus weiter zu entwickelnden – System der Delegation ärztlicher Aufgaben festzuhalten, zumal es dem Bekunden der Ärzteschaft in erster Linie darum geht, den Gefahren einer „Medizin-Light“ zu begegnen.

Etwas anderes anzunehmen, würde letztlich bedeuten, dass unter dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Richtlinie durch den GBA die ärztliche Versorgungslandschaft bildlich gesprochen „zusammengebrochen wäre“, da es derzeit noch keine ausgebildeten Pflegekräfte gibt, die den Qualifikationsanforderungen genügen. Dass dies nicht geschehen ist, liegt schlicht daran, dass die Leistungsträger nicht gesetzlich angehalten worden sind, sich von der bisherigen „Delegation“ zwingend zu verabschieden.

Mit anderen Worten: Die Leistungsträger können am bewährten System festhalten, zumal unter der Annahme, dass diese über die Ärzteschaft nach wie vor die Gesamtverantwortung für ein gelingendes Arzt-Patienten-Verhältnis und damit eine lege-artis-Behandlung zu übernehmen gedenken.

In diesem Sinne könnte es also darauf ankommen, die Vor- und Nachteile eines Modellvorhabens zu bedenken, bevor sich Leistungsträger zu einer entsprechenden Vereinbarung entschließen.

Nicht nur die Kassen sind am Zug, sondern auch die potentiellen Vertragspartner.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »