Ärzte Zeitung, 07.01.2013

Rheinland/Hamburg

Zweitmeinung gegen zuviele Op

Die Mengenausweitung in Deutschlands Kliniken treibt die Kassen um. Die AOK Rheinland/Hamburg reagiert - mit einer Zweitmeinung bei orthopädischen Eingriffen.

Von Ilse Schlingensiepen

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Arzt vor einer Rückgrat-Op. Vorher können Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg eine Zweitmeinung einholen.

© Mathias Ernert

DÜSSELDORF. Vor einem geplanten orthopädischen Eingriff können sich Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg künftig eine zweite Meinung einholen, ob die Operation wirklich nötig ist.

Die Kasse vermittelt den Patienten ein Gespräch mit einem Klinikarzt. Bei den konservativen Behandlungsalternativen will sie gleichzeitig die Regressgefahr für die niedergelassenen Ärzte senken.

"Beim Zweitmeinungs-Service beginnen wir mit den orthopädischen Eingriffen, weil wir dort eine starke Mengendynamik haben", sagt Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg.

Allein in den vergangenen drei Jahren habe die Zahl der Bandscheiben-Operationen um 30 Prozent zugenommen. Die Steigerung sei nicht allein mit der Demografie und der Morbiditätsentwicklung zu erklären.

Haben die Versicherten eine Krankenhauseinweisung für eine Bandscheiben-OP, eine Spondylodese, eine Knie- oder eine Hüft-TEP, können sie das Urteil eines Chef- oder Oberarztes einholen.

"Die Zweitmeinung wird erstellt von Orthopäden in Krankenhäusern, die bei der Qualitätssicherung nach Routinedaten gut abschneiden", erläutert Mohrmann. Langfristig sei vorstellbar, auch niedergelassene Ärzte in den Zweitmeinungs-Service einzubeziehen.

Regress soll kein Thema sein

Die AOK Baden-Württemberg hat bei einem vergleichbaren Angebot die Erfahrung gemacht, dass sich rund 20 Prozent der Patienten für eine konservative Behandlung entscheiden.

Damit die Alternativen auch wirklich zum Tragen kommen, will die Kasse die Rahmenbedingungen für die niedergelassenen Ärzte verbessern, sagt Vorstandschef Günter Wältermann. "Wir müssen Lösungen schaffen, dass die Ärzte nicht unter dem Damoklesschwert des Regresses stehen."

Eine Möglichkeit sei, für ausgewählte Indikationen wie Rückenerkrankungen einen Regressverzicht auszusprechen. "Dafür müssen wir die Geschlossenheit mit den anderen Krankenkassen suchen", sagt er. Erste Gespräche liefen bereits.

Nicht zuletzt der AOK-Krankenhausreport hat die Mengenentwicklung in den Kliniken in den Fokus gerückt. Das führe bei vielen Patienten zur Verunsicherung, räumte Wältermann ein.

Deshalb seien die Krankenkassen gefragt, selbst für Lösungen zu sorgen. "Wir dürfen nicht immer nur auf die große Politik warten."

"Empfehlung für Exellenzhäuser"

Künftig will die AOK Rheinland/Hamburg den Versicherten bei der Erstimplantation eines künstlichen Hüftgelenks die aufbereiteten Informationen aus der Qualitätssicherung zur Verfügung stellen.

Die Patienten sollen erkennen können, welche Kliniken bei den risikoadjustierten Komplikationsraten und anderen Qualitätsindikatoren am besten abschneiden. "Eine Veränderung von Patientenströmen ist gewollt", sagt Wältermann.

Er hofft, dass dies langfristig zu einem Anheben des Qualitätsniveaus führt. Die "Empfehlung für Exzellenzhäuser" soll auf weitere Indikationen ausgedehnt werden.

Es sei eine zentrale Aufgabe der Krankenkassen, eine gute Versorgung der Versicherten zu gewährleisten, die AOK Rheinland/Hamburg wolle hier noch stärker aktiv werden, sagt der Vorstandschef.

Zu den Projekten gehört die Erhöhung der Arzneimittel-Therapiesicherheit in Pflegeheimen. Zunächst in einigen Einrichtungen im Rheinland werden die Apotheker der Kasse mit Zustimmung der Versicherten analysieren, welche verordneten und frei verkäuflichen Medikamente sie einnehmen.

Stellen die Apotheker eine Polypharmazie fest, wollen sie gemeinsam mit den behandelnden Ärzten und der Bezugsapotheke des Heims nach einer Lösung suchen. "Wir haben die meisten Daten und können sehen, wo die Missstände liegen", sagt Vorstand Rolf Buchwitz.

Um in Zukunft besser erreichbar zu sein, verlängert die AOK Rheinland/Hamburg in 75 Geschäftsstellen die Öffnungszeiten. Das Angebot, einen Arzttermin zu vereinbaren, stellt sie jetzt auch Versicherten zur Verfügung, die es selbst noch gar nicht versucht haben.

"In mehr als 95 Prozent der Fälle gelingt es uns, innerhalb von drei Tagen einen Termin zu vermitteln, der in der nahen Zukunft liegt."

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