Ärzte Zeitung online, 13.08.2013

Psychische Erkrankungen

Amtsärzte und Kliniker im Norden kooperieren

Modellprojekt in Schleswig-Holstein will die kategorische Trennung zwischen Amtsärzten und Patientenbetreuern überwinden.

Von Dirk Schnack

HEIDE. Amtsärztliche Aufgaben und Patientenbetreuung sind in der Regel strikt getrennt - in Dithmarschen erprobt man nun erstmals eine Kooperation.

Das Westküstenklinikum (WKK) Heide und der Kreis bauen in einem dreijährigen Modell ihre Zusammenarbeit bei der Betreuung psychisch kranker oder von psychischer Krankheit bedrohter Menschen schrittweise aus. Ziel ist eine einzige Anlaufstelle, die alle Anfragen zu psychischen Störungen regelt.

Nach Angaben der Klinik ist das Modell in dieser Form bundesweit einzigartig, die schleswig-holsteinische Landesregierung wolle sich am Projekt beteiligen.

"Während in vielen anderen Kreisen die kategorische Trennung zwischen amtsärztlichen Aufgaben und der Betreuung von Patienten gepflegt wird und vieles parallel verläuft, streben wir in Dithmarschen eine weitestgehende Zusammenarbeit an", sagte Dr. Thomas Birker, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am WKK.

Hausbesuche sollen Eskalation verhindern

Eine Kooperation besteht schon: Klinikfachärzte werden gerufen, wenn ein psychisch Kranker dekompensiert. "Durch den Einsatz der Fachärzte konnten wir die Zahl der Zwangseinweisungen auf weniger als die Hälfte verringern", berichtete Daniela Erdmann, Leiterin des Fachdienstes Eingliederungshilfe beim Kreis.

Oft könnten die Patienten ambulant oder in der Tagesklinik behandelt werden und müssten nicht stationär aufgenommen werden. Bei den Einsätzen handelt es sich um Maßnahmen nach dem Landesgesetz zur Hilfe und Unterbringung psychisch kranker Menschen (PsychKG).

In Dithmarschen werden Ärzte und Pflegekräfte auch in der häuslichen Umgebung des Patienten eingesetzt, um eine akute Verschärfung eines psychiatrischen Problems zu erkennen und zu behandeln, bevor es zu einer Eskalation kommt. Wenn etwa ein an Schizophrenie Erkrankter nicht zu seinem festen Termin in die Kliniksprechstunde gekommen ist, besucht das Personal den Patienten zu Hause.

Außerdem wird durch personelle Verflechtungen zwischen Klinik und Fachdienst die Abstimmung erleichtert.

So arbeitet etwa die leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am WKK Heide mit einer halben Stelle als neue Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Kreises und dient damit als Schnittstelle zwischen behördlichen und klinischen Bereichen.

Die Zusammenarbeit wird durch eine besondere Form der Finanzierung ermöglicht. Die Psychiatrie in Dithmarschen und die Eingliederungshilfe sind mit festen Budgets ausgestattet. Die Verteilung des Geldes und die Ausgestaltung der Leistungen liegen in den Händen der Fachleute.

Obwohl nicht mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als früher, ist nach Beobachtung der Klinik dennoch eine qualitative Verbesserung der Versorgung von psychisch Kranken zu beobachten.

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