Ärzte Zeitung online, 03.01.2014

Promis in Kliniken

Strategien gegen plötzlichen Medienansturm

Der Fall des schwer verunglückten Michael Schumacher zeigt, wie Medien den Klinikbetrieb lahmzulegen drohen. Mit der richtigen Strategie können sich Krankenhäuser aber für den Krisenfall wappen.

Von Matthias Wallenfels

Klinik-Strategien gegen plötzlichen Medienansturm

Weltweites Medieninteresse: Journalisten verfolgen vor dem Centre Hospitalier Universitaire in Grenoble eine Pressekonferenz, in der Michael Schumachers Managerin Sabine Kehm Auskunft zum Zustand des beim Skifahren verunfallten, mehrfachen Formel-1-Weltmeisters gibt.

© David Ebener/dpa

GRENOBLE/NEU-ISENBURG. Der dramatische Skiunfall des mehrfachen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher stellt nicht nur eine Herausforderung für die Ärzte am Universitätskrankenhaus in Grenoble dar, sondern auch an das Klinikmanagement.

Schließlich soll der ärztliche Betrieb in der Klinik trotz des Promi-Patienten weitgehend routinemäßig weitergehen. Sind deutsche Kliniken auf ähnlich gelagerte Ausnahmesituationen vorbereitet?

Für Rudi Schmidt, Unternehmenssprecher des privaten Klinikbetreibers Asklepios, sind Promi-Patienten und das dazugehörige, teils globale Medieninteresse vor allem eine Frage der Organisation.

Schmidt spricht aus Erfahrung, schließlich lassen oder ließen sich in Hamburger Asklepios-Häusern viele Politiker wie etwa Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und dessen verstorbene Ehefrau Loki behandeln.

Aufsehen erregende Fälle wie Polonium- oder EHEC-Patienten sowie Prominente müssen immer wieder vor der Presse genauso geschützt werden, wie Opfer aus dem Bereich der organisierten Bandenkriminalität vor "Besuchern" rivalisierender Vereinigungen.

Ein Krisenplan allein hilft nicht weiter

"Ein Krisenplan alleine reicht Ihnen als Klinik nicht aus, um dem Medienansturm Herr zu werden. Vielmehr kommt es darauf an, dass das prozedurale Wissen zum Beispiel auch beim leitenden Personal in den Abteilungen verankert ist, wenn solche Patienten in die Klinik kommen", verrät Rudi Schmidt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Dazu müsse das Personal entsprechend instruiert sein.

"Natürlich muss man auch die Schwachstellen im Klinikbetrieb kennen", ergänzt er mit Blick auf potenzielle Info-Lecks, etwa aus den Reihen der Mitarbeiter oder Angehörigen.

Für ihn gehört im Sinne des Krisenmanagements - und nichts anderes ist eine solche Situation - dazu, dass zum Beispiel die Presseabteilung des Krankenhauses respektive des Trägers die Belange und die Arbeitsweise von Journalisten versteht.

"Wir haben einen Modus vivendi mit den Boulevard-Journalisten", ergänzt Schmidt. Das steigere das gegenseitige Vertrauen und ermögliche es erst, Promis auch mal ohne Rummel im Haus zu haben.

Schweigepflichtentbindung ist essenziell

Wenn der Patient aber publik wird, ist es nach Aussage Schmidts essenziell, von den Angehörigen schnellstmöglich eine Schweigepflichtentbindung zu bekommen, um den Medienrummel beherrschen zu können.

"Sonst können wir gegenüber den Medien nicht im Sinne des Patienten handeln", gibt er zu bedenken, schiebt aber nach, dass zumindest im Falle der A-Promis "die meisten Angehörigen sowieso Bescheid wissen, wie der Hase läuft und man mit ihnen Statements abstimmen kann".

Um den Wissensdurst der Medienvertreter zu befriedigen, setzt Schmidt auf regelmäßige Information der Journalisten. Die Form und Häufigkeit hänge dabei vom individuellen Fall ab.

"Ob das ärztliche Bulletin oder gar die Pressekonferenz immer die richtige Wahl ist, wage ich zu bezweifeln", sagt Schmidt mit einem Blick auf die aktuelle Situation am Universitätskrankenhaus in Grenoble.

Ohne Polizei und Hausordnung geht es nicht

Um Promi-Patienten vor dem ungewollten Medienrummel oder Paparazzi-Attacken am Krankenbett zu schützen, gibt es für den Kliniksprecher mehrere Verbündete, darunter die Polizei.

Sie sei nicht nur zuständig für die Sicherung des Krankenhauses zur Aufrechterhaltung des Betriebs, sondern auch für effektive Zutrittskontrollen zum Patientenzimmer.

"Klinikleitungen sollten nicht vergessen, Medien und deren Vertreter in der Hausordnung zu berücksichtigen", rät Schmidt zusätzlich.

So lasse sich ein Hausverbot gegen Journalisten auch rechtssicher durch die Polizei durchsetzen. Dies helfe laut Schmidt auch gegenüber rabiateren Pressevertretern aus dem Ausland.

So wird in der Asklepios-Hausordnung explizit darauf hingewiesen, dass die Klinik "kein öffentlicher, sondern ein geschützter und ein beschützender Raum" ist.

Es "ist daher verboten, Patienten ohne vorherige Zustimmung zu fotografieren oder zu filmen - dies gilt auch dann, wenn die Aufnahmen hinterher anonymisiert werden sollen. Für Patienten-Interviews und Aufnahmen auf dem Klinikgelände und im Gebäude sind andere Maßstäbe anzulegen als in der Öffentlichkeit."

Auch zeigt die Hausordnung Journalisten die Rote Karte, wenn sie undercover auf dem Klinikgelände arbeiten wollen: "Journalisten, die sich im Rahmen ihrer Tätigkeit auf dem Klinikgelände an einen Patienten, Besucher oder Mitarbeiter wenden, müssen sich vorher als Journalist zu erkennen geben."

Mit derartigen vorbeugenden Maßnahmen lasse sich der Klinikbetrieb auch im Ausnahmefall gegen Zugriffe von außen wirksam schützen.

[05.01.2014, 15:38:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Hang zum Publizitäts-Drang vs. ärztliche Zivilcourage?
Michael Schumachers Managerin und derzeitige Pressesprecherin, Sabine Kehm, hat mit Sicherheit uneingeschränkt Prokura und eine vertraglich vorformulierte, von M. Schumacher persönlich unterschriebene Entbindungserklärung von der Schweigepflicht in der Tasche, wenn sie und behandelnde Ärzte Auskünfte zum Zustand des beim Skifahren mit Schädel-Hirn-Trauma (SHT) schwer verunfallten, mehrfachen Formel-1-Weltmeisters geben. Das ist bei Promis so üblich und würde andernfalls dem diesem Personenkreis eigenen Hang zum Publizitäts-Drang widersprechen.

Viel bedenklicher ist m. E. die übertrieben-hysterische Medien- und Öffentlichkeits-"Hype": Im Zusammenhang mit der sensationslüsternden Medien-"Meute", die vor dem Centre Hospitalier Universitaire (CHU) in Grenoble nach dem Motto wartet, "only bad news are good news", ist es schon mehrfach zu Behinderungen des Klinikablaufs, der Rettungszufahrten und des Notfall-Eingangsbereichs "Urgences" gekommen.

Einzig wohltuend hebt sich der Bericht aus der "Südddeutschen Zeitung" hervor
http://www.sueddeutsche.de/panorama/schumachers-arzt-in-grenoble-zorn-in-seinen-augen-1.1854315
"Niemand kennt Schumachers Kopf momentan besser als dieser Intensivmediziner: [Prof. Dr. med.] Jean-François Payen. Er war es, der den Ex-Rennfahrer ins künstliche Koma versetzte. Unter Kollegen gilt er als umgänglich, als Team-Arbeiter. Doch auf den ihm so lästigen Pressekonferenzen lässt er Dampf ab...Gegen Ende einer der ihm so lästigen Pressekonferenzen hat er nun Dampf abgelassen. Zorn flackerte in seinen Augen, als er über den Brillenrand auf die Journalisten starrte: 'Wir behandeln hier jeden anderen Patienten genauso wie Michael Schumacher', giftete Payen, 'der einzige Unterschied sind Sie!"' (Zitat Ende). Vor so viel Zivilcourage kann ich nur den Hut ziehen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[05.01.2014, 03:36:34]
Dr. Reinhard Naar 
Schweigepflichtentbindung von den Angehörigen?
Die Entbindung von der Schweigepflicht ist ausschließliches Recht des Patienten. Und wenn der nicht handlungsfähig ist, dann wars das mal vorläufig mit den Auskünften. Kein Angehöriger, nicht mal ein Richter kann dies ersatzweise erlauben.
Der Herr Schmidt mag als Manager eines privaten Klinikbetreibers was von Wirtschaft verstehen, aber wenn er derart mit dem Persönlichkeitsrecht der Patienten umgeht, wäre er in einem Unternehmen außerhalb der Heilberufe m.E. besser aufgehoben.
Und bevor jemand auf die Idee kommt: nein, ein Prominenter ist kein Mensch mit weniger, auch nicht mit mehr Rechten als jeder andere. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Kompromiss im Tauschhandel?

18:31 Kaum verkündet, war der Kompromiss zur Pflegeausbildung auch schon wieder vom Tisch. Doch jetzt soll der Koalitionsausschuss eine Einigung bringen. Offenbar bahnt sich ein Handel zwischen CDU und SPD an. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »