Ärzte Zeitung, 30.06.2014

Medizin für Kinder

Pädiatrie voller Probleme

Baustellen ohne Ende, wachsende Herausforderungen und Versorgungsengpässe: Deutschlands Kinder- und Jugendmedizin steckt in einer schweren Krise. Die Widersprüche verschärfen sich.

Von Christoph Fuhr

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Vorsorgeuntersuchung: Die Widersprüche bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen werden größer.

© Klaus Rose

BERLIN. Der Kahlschlag ist beeindruckend: 440 Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland weist die Statistik für das Jahr 1991 aus, 2013 waren es nur noch 364. Dies entspricht einem Rückgang von mehr als 17 Prozent.

Dr. Nicola Lutterbüse von der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland (GKinD hat diese Zahlen beim Hauptstadtkongress genannt. Nahezu jede fünfte Kinderabteilung wurde geschlossen. Vier von zehn Betten in der stationären Kinder- und Jugendmedizin wurden gestrichen.

"Was sind uns eigentlich Kinderkrankenhäuser wert, das ist die zentrale Frage, die wir der Politik stellen müssen", sagte der Präsident der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Professor Norbert Wagner.

"Die Sorge, aus finanziellen Gründen bald keine Kinderstation mehr in der Nähe zu haben, ist berechtigt", warnte er. Ein Sicherstellungszuschlag für Kinderkrankenhäuser und Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin sei in dieser Situation unverzichtbar.

Baustellen gibt im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin mehr als genug: "50 Prozent der Medikamente, die wir heute bei Kindern einsetzen, sind nicht ausreichend geprüft oder für die entsprechende Indikation gar nicht zugelassen", kritisierte Professor Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz.

Dabei sei gerade dieser Lebensabschnitt gekennzeichnet durch biologische Entwicklungsprozesse, die für die Qualität und Gesundheit des gesamten weiteren Lebens eine entscheidende Bedeutung hätten. "Genau in diesem Zeitfenster setzen wir Medikamente ein, die zum größten Teil aus der Erwachsenenmedizin übernommen werden"

Eine ganz besonders Herausforderung bleibt die Versorgung von ADHS-Kindern, wie Dr. Helmut Hollmann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, erläuterte. 2013 war die über mehr als zwei Jahrzehnte immer stärker angestiegene Verordnung von Methylphenidat erstmals leicht rückläufig. Ein Indiz offenbar, dass die zunehmend differenzierte Versorgung dieser Patienten Früchte trägt.

Vehement warnt die Pflegeexpertin Birgit Pätzmann-Sietas davor, bei einer Reform der Pflegeberufe auf eine Schwerpunktsetzung mit Blick auf die speziellen Herausforderungen bei der Pflege von Kindern zu verzichten.

Georg Ralle, Mitglied des Vorstands der Stiftung für das behinderte Kind, vermisst das Thema "Kinder und Jugendliche" auf der Agenda von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Er forderte bei der Veranstaltung eine Berliner Charta mit klaren Forderungen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen.

Das kann aber nur funktionieren, wenn alle unmittelbar mit der Versorgung von Kindern und Jugendlichen Betroffenen bei der Analyse der Probleme einig sind. Daran kann es aus Sicht von Verbandspräsident Wagner keinen Zweifel geben.

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