Ärzte Zeitung online, 20.11.2014

Burghausen

Bürger kämpfen gegen Klinikschließung

Politiker und Bürger aus Burghausen wehren sich gegen die empfohlene Schließung ihrer Klinik. Die Gutachter erläutern in einer emotionsgeladenen Kreistagssitzung, warum ihrer Meinung nach zwei Krankenhäuser für den Landkreis Altötting nicht tragbar sind.

Von Thorsten Schaff

ALTÖTTING. Die Zukunft des Krankenhauses in Burghausen liegt wohl in den Händen der Bürger. Stadtpolitiker und Einwohner der oberbayerischen Grenzstadt zu Österreich wehren sich gegen die mögliche Schließung des Hauses und haben ein Bürgerbegehren gestartet, das große Aussicht auf Erfolg hat.

Hintergrund der Initiative ist die Empfehlung der Gutachter, die die Kreiskliniken Altötting-Burghausen unter die Lupe genommen hatten. Diese raten nach eingängiger Prüfung dazu, das Krankenhaus in Burghausen zu schließen und dafür die Klinik in Altötting auszubauen. Nur so kann nach Meinung der Berater die stationäre Versorgung im Landkreis Altötting in öffentlicher Hand langfristig gesichert werden.

Diese Pläne sorgen in der Bevölkerung für regen Widerstand, was sich im gestarteten Bürgerbegehren zeigt. Erwin Schneider, Landrat und Verwaltungsratsvorsitzender des kommunalen Klinikverbundes, geht davon aus, dass dieses erfolgreich verlaufen wird und dann "wir Räte nicht über die Zukunft des Burghauser Krankenhauses entscheiden, sondern die Bürger", wie er in der letzten Kreistagssitzung sagte.

Verluste können mit Rücklagen nicht mehr aufgefangen werden

Nach Auskunft von Schneider beschlossen die Räte in nichtöffentlicher Sitzung, den Kreiskliniken für das Jahr 2014 einen Liquiditätsausgleich von 1,2 Millionen Euro zu gewähren, da sich die Verluste nicht mehr aus den Rücklagen auffangen ließen.

Ausführliche Angaben zur wirtschaftlichen Situation der beiden Krankenhäuser, die im Jahr 2002 fusioniert hatten, machte der Altöttinger Landrat in der öffentlichen Versammlung, zu der rund 350 Besucher aus dem Landkreis wegen der drohenden Klinikschließung kamen.

Zwischen 1990 und 2013 sei hochgerechnet im Klinikum Altötting ein Plus von 12 Millionen Euro erwirtschaftet worden, während der Standort in Burghausen ein Minus von 31 Millionen Euro verzeichnet habe, sagte Schneider.

Um aus der finanziellen Schieflage zu kommen, müssten die Kreiskliniken nun reagieren und alle medizinischen Leistungen auf den Standort Altötting konzentrieren, erklärte Dr. Thomas Rudolf von der Unternehmensberatung Oberender & Partner, die das Gutachten erstellt hat. "Ich hatte noch nie ein Ergebnis, das so eindeutig ist", betonte er.

Die sich überschneidende Angebotspalette in den Bereichen Innere Medizin, Orthopädie, Gynäkologie und Unfallchirurgie und dasselbe Einzugsgebiet der Kliniken, die rund 20 Kilometer auseinander liegen, sprächen auf Dauer gegen zwei Standorte, führte er aus.

Sollte der Status quo erhalten bleiben, bedeute das ab 2016 einen Jahresverlust von zwei Millionen Euro. Und jedes weitere Jahr käme eine Million Euro hinzu, hieß es.

Nur Ein-Standort-Lösung kommt für Gutachter in Frage

Für die Gutachter kommt sowohl aus wirtschaftlicher als auch medizinischer Sicht nur eine Ein-Standort-Lösung in Betracht. Dr. Rudolf stellte die Ergebnisse ihrer Berechnungen vor, immer wieder unterbrochen von Zwischenrufen und Unmutsbekundungen der Besucher.

Zwar würden die Umstrukturierungen wie die Umzugskosten der Abteilungen aus Burghausen nach Altötting und zunächst sinkende Fallzahlen erst ins Kontor schlagen und zu negativen Jahresabschlüssen führen, prognostizierte der Unternehmensberater. Doch ab 2019 komme der Einspareffekt zum Tragen: Dann erwarten die Gutachter erstmals ein Plus von einer Million Euro.

Voraussetzung dafür sei allerdings, dass das Krankenhaus in Altötting ausgebaut werde. Die Gutachter empfehlen, die Kapazitäten um 100 Betten zu erhöhen und zwei neue Operationssäle zu bauen. Zudem sei es wichtig, das fachliche Profil zu schärfen, um auch Patienten außerhalb des Landkreises anzulocken - vorgeschlagen wurde eine Spezialisierung in der Geriatrie, Onkologie, Orthopädie, Pneumologie und in der Schlaganfallversorgung (Stroke Unit).

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