Ärzte Zeitung, 22.06.2015

Therapiehund Nox

Der Doc auf vier Pfoten

Im Braunschweiger Kinderklinikum werden sogar ADHS-Kinder ganz ruhig, wenn Therapiehund Nox bei der Behandlung anwesend ist - eine große Hilfe für Ärzte und Patienten gleichermaßen.

Von Christian Beneker

Therapiehund Nox: Der Doc auf vier Pfoten

Oberärztin Dr. Antje Mey mit Therapiehund Nox.

© Christian Beneker

BRAUNSCHWEIG. Diese Lehre gehört zum Erwachsenwerden - dass man gleichzeitig gegensätzliche Gefühle haben kann. Angst und Vertrauen zum Beispiel.

In der Braunschweiger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin haben viele Kinder Angst vor dem Blutabnehmen oder wenn ihnen Oberärztin Dr. Antje Mey die seltsame Haube aufsetzt für das EEG. Da scheint das Vertrauen, die verunsichernden und beängstigenden Untersuchungen einfach über sich ergehen zu lassen, weit entfernt.

Aber dann kommt Nox: feuchte Nase, weiches Fell, zwei warme braune Augen und ein unstillbares Anlehnungsbedürfnis. Nox ist ein Border Collie und ein Profi im Kinder-Ermutigen. Deutschlandweit ist der Rüde der erste Therapiehund, der regelmäßig in einer EEG-Abteilung tätig ist und dem Krankenhaus zudem auch noch gehört, so die Kinderklinik.

Ein Spiegel des kindlichen Vertrauens

Wenn er im Raum ist, beruhigen sich die kleinen Patienten, liegen still, einen Arm um Nox gelegt, während ihnen aus dem anderen Arm Blut entnommen wird. Nox ist ein Spiegel des kindlichen Vertrauens. Mehr noch, er kann sogar durch seine schiere Anwesenheit den Blutdruck der Patienten im Raum senken.

"Nox kann 30 Minuten ganz still liegen", sagt Mey, "so konnten wir zum Beispiel einem Jungen mit ADHS das EEG abnehmen." Mey zeigt Bilder: Ein vielleicht Achtjähriger auf einer Liege, den Kopf verkabelt, die Beine unter einer roten Decke, die großen Turnschuhe gucken keck heraus und quer über dem Jungen liegt in aller Ruhe - Nox.

Der Junge strahlt. Und für die Ärztin kann die Behandlung beginnen. "Wenn die Kinder sich bewegen, ist die Abnahme eben störanfällig. Mit Nox dagegen haben wir bedeutend weniger Störeffekte", sagt Mey.

Mit liebenswürdiger Neugier beschnüffelt und umkreist der Hund in Meys Büro alles und jeden. Inzwischen ist er auf Meys Couch gesprungen, und von dort auf Frauchens Schoß. Hier ist er gut aufgehoben: Auf der Rückenlehne der Coach balancieren abgeschmuste Stofftiere, zwei Lego-Männchen präsenteren auf dem Schreibtisch die Telefonnummer der Chefin.

Das Ganze ist der Inbegriff von kinderlieb. Hier passt der Hund hinein. Nox schnappt nicht, bellt nicht, beißt nicht, springt an niemandem hoch - abgesehen von Mey, die sich manchmal der ständigen Liebesbeweise erwehren muss.

Wenn es nicht gerade im Dienst ist, lebt das Tier im Familienhaushalt der Familie Mey. "Aber das ist das Besondere an Nox", sagt Mey, "er lebt zwar in unserer Familie, aber er hört nicht nur auf eine Person, wie ein Polizeihund, sondern auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Station." Auf dem schwarzen Fell leuchtet die neongelbe Arbeitsweste.

Ausbildung in spezieller Hundeschule

Dass Nox all dies kann und aufs Fingerschnipsen gehorcht, ist kein Zufall. Erstens ist es das Wesen dieser Hütehunde, außerordentlich ruhig und folgsam zu sein. "Will to please", nennen das die Fachleute, die Freude am Gefallen.

Zweitens ist der Border Collie, seit er ein achtwöchiger Welpe war, in einer speziellen Hundeschule ausgebildet worden, im Servicehund-Zentrum Rostock.

Der Hund wurde darauf trainiert, sich auch gegenüber Kleinkindern ganz ruhig zu verhalten, trotz Kindergeschrei; und auch dann, wenn ein Kind sich mal ruppig in sein Fell krallt.

Rund 400 Ausbildungsstunden und 7200 Euro hat es gekostet, bis man Nox in Braunschweig auf den Fluren der Ambulanz losgelassen hat; in andere Abteilungen darf er nicht. Bezahlt hat das Tier ein Förderverein.

Unerschöpflich sind Nox Kräfte indessen nicht. "Ein bis zwei Abnahmen und zwei bis drei Blutentnahmen am Tag kann Nox begeiten - dann ist er müde", sagt Mey. Noch mehr erschöpfen ihn Therapiegespräche, etwa mit magersüchtigen jungen Patienten. "Nach eine halben Stunde nehmen wir ihn raus."

Natürlich achtet man im Braunschweiger Krankenhaus auch auf die Gesundheit des Hundes. Eine Amtsveterinärin musste prüfen, ob Nox vielleicht von der Arbeit überfordert sei. Auch diesen Test bestand Nox überzeugend.

Nach fünf Minuten kraulte die Ärztin den Hund hingebungsvoll.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Selbstlernende Software erkennt Psychosegefahr

PCs denken anstatt nur zu berechnen: Big Data wird vielleicht schon bald die Psychiatrie umkrempeln. Selbstlernende Algorithmen erkennen das Psychoserisiko durch MRT-Aufnahmen, simple Apps warnen Patienten, wenn sie in eine Manie kippen. mehr »

Selbstlernende Software erkennt Psychosegefahr

PCs denken anstatt nur zu berechnen: Big Data wird vielleicht schon bald die Psychiatrie umkrempeln. Selbstlernende Algorithmen erkennen das Psychoserisiko durch MRT-Aufnahmen, simple Apps warnen Patienten, wenn sie in eine Manie kippen. mehr »

"Urteil ist verheerendes Signal"

Medi-Chef Baumgärtner ist enttäuscht vom Urteil des Bundessozialgerichts, das Vertragsärzten kein Streikrecht zubilligt. Den Kasseler Richtern attestiert er Mutlosigkeit – nun will er nach Karlsruhe ziehen. mehr »