Ärzte Zeitung, 27.10.2015

Göttingen

Testlauf mit ambulanter Ethikberatung gestartet

In fast jeder zweiten deutschen Klinik gibt es mittlerweile Ethikberatungen. Ambulante Angebote gab es dagegen bisher nicht. Ein Projekt in Göttingen soll das nun ändern. Welche Fragen im Mittelpunkt stehen, muss sich zeigen.

Von Christian Beneker

Die ethischen Herausforderungen im ambulanten Sektor sind offenbar breiter gefächert als in der Klinik. Das hat eine Studie des Institutes für Allgemeinmedizin der Universität Göttingen ergeben. Nun soll ein deutschlandweit einmaliges Projekt, diesem Umstand Rechnung tragen, das "Netzwerk ambulante Ethikberatung Göttingen".

Es hat am 29. September seine Arbeit aufgenommen. Getragen wird es vom Institut für Allgemeinmedizin und dem Institut für Palliativmedizin der Unimedizin Göttingen, von der Akademie für Ethik in der Medizin und der Ärztekammer Niedersachsen.

Speziell geschulte Mitarbeiter

Die Projektbeteiligten wollen Hausärzten, Angehörigen und Pflegenden in Stadt und Landkreis Göttingen eine klinische Ethikberatung für die ambulante Versorgung anbieten. Speziell geschulte Mitarbeiter kommen auf Anfrage von Angehörigen, Ärzten oder auch Pflegenden als Moderatoren zu den Patienten nach Hause und ins Pflegeheim.

"Dort werden die anstehenden Fragen mit allen Beteiligten, gegebenenfalls auch den Patienten, besprochen", sagt die Sprecherin des Projektes, die Hausärztin Dr. Karin Meier-Ahrens zur "Ärzte Zeitung".

Die Beratungen werden "kein Massenphänomen" werden, meint sie, "denn 90 Prozent der schwierigen Fälle managen die Hausärzte allein sehr gut." Aber die in Frage kommenden Beratungsanlässe nähmen zweifellos zu.

"Weil die alten Patienten heute nach Klinikaufenthalten viel länger leben und überwiegend ambulant versorgt werden, stellen sich eben auch im ambulanten Bereich die ethischen Fragen."

Es sei in der Vergangenheit immer öfter vorgekommen, dass Patienten in der ambulanten Versorgung oder deren Angehörige sich an die Ethikkomitees der Kliniken gewandt haben, in denen die Patienten einmal behandelt worden waren. Das berichtet Professor Alfred Simon, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Göttinger Akademie für Ethik in der Medizin.

"Inzwischen hat ja jedes zweite Krankenhaus in Deutschland ein Klinisches Ethikkomitee", sagt Simon. "Im ambulanten Bereich fehlt das. Diese Lücke wollen wir schließen."

Es geht nicht nur um Leben und Tod

Laut einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts für Allgemeinmedizin Göttingen vom Februar 2015 biete die ambulante Situation "ein durchaus anderes Spektrum an ethischen Fragen", sagt Dr. Ildikó Gágyor, Fachärztin für Allgemeinmedizin am Göttinger Institut.

Sie ist Projektleiterin der Studie "Ethikberatung für die ambulante Versorgung", die von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wurde.

Ergebnisse einer qualitativen Datenerhebung unter Ärzten, Angehörigen und Pflegenden zeigen, dass es im ambulanten Sektor nicht nur um Fragen über Leben und Tod geht. "Sondern da müssen auch in der Versorgung von Menschen mit Schlaganfall, Herzschwäche, Demenz, oder anderen fortschreitenden Erkrankungen Entscheidungen getroffen werden.

Fragen über Therapie sind aus Sicht der Betroffenen oder deren Angehörige genauso existenziell wie Fragen über Wohnortwechsel von zu Hause ins Altenpflegeheim. Auch das Gebot der Schweigepflicht gegenüber Patienten oder deren Angehörigen kann zum Beispiel beim Umgang mit Sucht, Depressionen oder Gewalt in der Familie zum ethischen Konflikt führen", sagt Gágyor. Das alles haben die Studienteilnehmer berichtet.

Natürlich kommen im ambulanten Sektor auch existenzielle Fragen zur Sprache. "Aber der Unterschied zur klinischen Beratung ist, dass Fragen aus vielen verschiedenen Lebensbereichen kommen."

Supervision erwünscht

Allerdings wissen die Initiatoren noch gar nicht, ob all die Themen, die in der Studie als relevant ans Licht kamen, überhaupt in eine Ethikberatung gehören. Vielleicht stehe hinter manchen Problemen auch einfach mangelnde Kommunikation, eine rechtliche oder finanzielle Frage. Viele Fragen werden sich auch telefonisch lösen lassen, zeigt sich Gágyor überzeigt.

Die an der ambulanten Versorgung Beteiligten wünschen sich darüber hinaus zum Beispiel Ad-hoc-Kommissionen, die den Entscheidungsprozess begleiten, Supervisoren, die zwischen Heimen und Ärzten vermitteln oder Informationen darüber, wo etwa ein Hausarzt sein Team schulen lassen kann.

Klar ist nach der Studie: Es besteht offensichtlicher Bedarf an der ambulanten Ethikberatung.In Göttingen plant man zunächst für die Stadt und den Landkreis. "Sonst wären gegebenenfalls die Wege in andere Landkreise für die Moderatoren viel zu lang", sagt Simon. Aber: "Wenn das Projekt sich bewährt, kann es auch auf andere Landkreise übertragen werden."

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