Ärzte Zeitung, 18.10.2016

Marburger Bund

Schieflage bei Ärzten in kommunalen Krankenhäusern

Mitten in den Tarifverhandlungen für die 55.000 Ärzte an kommunalen Kliniken präsentiert der Marburger Bund eine Mitgliederumfrage. Derzufolge gebe es für Ärzte in kommunalen Häusern bei der täglichen Arbeit nicht viel zu lachen.

Von Matthias Wallenfels

Schieflage bei Ärzten in kommunalen Krankenhäusern

© tunedin / fotolia.com

BERLIN. In vielen der rund 550 kommunalen Kliniken sind personelle Engpässe im ärztlichen Bereich nach Ansicht des Marburger Bundes (MB) an der Tagesordnung. Für diese Aussage stützt sich der MB auf den am Montag veröffentlichten "MB Survey 2016", einer Mitgliederbefragung zur Arbeitssituation im ärztlichen Dienst kommunaler Krankenhäuser. Teilgenommen hatten rund 2400 Ärzte in kommunalen Kliniken, die zugleich Mitglieder des MB sind.

Der Aussage von 2309 Umfrageteilnehmern zufolge, seien in der Spitze in acht Prozent der Fälle mehr als vier Arztstellen in der betreffenden Klinikabteilung derzeit nicht besetzt. Dass vier Arztstellen nicht besetzt seien, gaben sechs Prozent der Ärzte an, in zwölf Prozent der Fälle waren drei Arztstellen vakant. Zwei unbesetzte Arztstellen gaben 26 Prozent der Befragten an, 24 Prozent berichteten von einer Vakanz. "Stellenpläne bestehen oft nur auf dem Papier, die Realität sieht anders aus", kommentiert der MB und weist darauf hin, dass Arztstellen in den kommunalen Häusern vielfach monatelang unbesetzt blieben.

Häufig bis zu sechs Monate Lücke

Die kommunalen Krankenhäuser scheinen indes mehrheitlich recht zügig Nachfolger für ausscheidende Ärzte zu finden. So gaben 40 Prozent der 1853 Mediziner, die über ärztliche Jobvakanzen in ihrer Klinikabteilung berichteten an, dass die Stelle für mindestens drei Monate unbesetzt bleibe, weitere 28 Prozent gaben einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten an – Werte, die in der freien Wirtschaft nicht unüblich sind.

 Acht Prozent berichteten, dass die Stellen neun Monate vakant blieben, 15 Prozent sprachen von einem Jahr. In vier Prozent der Fälle scheinen die kommunalen Kliniken zwei Jahre keine neuen Ärzte zu finden, in der Spitze blieben laut Umfrage in fünf Prozent der Fälle vakante Arztstellen über einen längeren Zeitraum als zwei Jahre unbesetzt. Die Unterbesetzung in den Klinikabteilungen ist nach Lesart des Marburger Bundes eine der Ursachen für die hohe Arbeitsbelastung und beeinträchtigt die Patientenversorgung: Drei Viertel der Ärztinnen und Ärzte in kommunalen Kliniken geben an, nicht ausreichend Zeit für die Behandlung ihrer Patienten zu haben.

Korrespondierend damit weist der MB darauf hin, dass 83 Prozent der befragten Ärzte die Frage bejahten, ob sie das Gefühl hätten, dass sie die Gestaltung der Arbeitszeiten in ihrer Gesundheit beeinträchtigten – zum Beispiel in Form von Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit.

Wie die Umfrage weiter ergab, arbeitet das Gros der Ärzte in kommunalen Kliniken im Schnitt zwischen 40 und 59 Stunden die Woche. Zwei Prozent gaben an, zwischen fünf und 29 Stunden zu arbeiten, drei Prozent taxierten ihr Pensum auf 30 bis 39 Wochenstunden. 22 Prozent gaben eine Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 40 bis 48 Stunden an, 50 Prozent eine zwischen 49 und 59 Stunden. Immerhin arbeitet mit 23 Prozent fast ein Viertel der Mediziner mehr als 60 Stunden wöchentlich.

"Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass die meisten Ärztinnen und Ärzte in kommunalen Krankenhäusern ihre derzeitigen Arbeitsbedingungen lediglich als ‚mittelmäßig‘ einstufen (50 Prozent)", argumentiert der MB. Zwei Prozent gaben an, sehr gute Arbeitsbedingungen vorzufinden, 22 Prozent sprachen von guten, ebenso viele von schlechten. Nur vier Prozent gaben an, ihrer ärztlichen Tätigkeit unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen nachzugehen.

Kritik an Tarifpartner

Die Umfrage des MB dürfte nicht zufällig gerade jetzt veröffentlicht worden sein. Denn der Marburger Bund fordert in der am 22. September gestarteten Tarifrunde für die rund 55.000 Ärzte an kommunalen Krankenhäusern eine lineare Gehaltserhöhung von 5,9 Prozent. Verhandlungspartner ist die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA). Der Tarifvertrag gilt mit Ausnahme von Berlin und Hamburg bundesweit.

Am Montag startete die zweite, auf zwei Tage angesetzte Verhandlungsrunde in Bonn. Der MB spart indes nicht mit harscher Kritik an der VKA. "Es ist vor jeder Tarifrunde das gleiche Ritual: Die VKA beschreibt die Situation der kommunalen Krankenhäuser in düstersten Farben. Verbesserungen in der Grundfinanzierung der Kliniken bleiben unerwähnt, stattdessen wird eine Notlage der Häuser herbeiphantasiert", heißt es auf der Website des MB.

Die Ärztegewerkschaft wirft der VKA vor, sie behaupte, die vom Marburger Bund geforderten 5,9 Prozent mehr Gehalt würden "jeglichen Rahmen sprengen", das angebliche Volumen der Gehaltserhöhung von 320 Millionen Euro sei für die kommunalen Krankenhäuser "nicht finanzierbar". Schon jetzt seien die kommunalen Klinikärzte "im Vergleich zu anderen Berufsgruppen" Spitzenverdiener. "Für diese Behauptungen bleibt die VKA erneut jeden Beweis schuldig und belastet damit" die Verhandlungen, so der MB. Aus Sicht der Gewerkschaft sei mit der Krankenhausstrukturreform gerade für kommunale Kliniken eine Verbesserung der finanziellen Ausstattung in Sicht.

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