Ärzte Zeitung online, 10.05.2017

Teleneurologie

Schlaganfall ist nur der Anfang

Die Telestroke-Netzwerke gelten in Deutschland als große Erfolgsgeschichte. Immer mehr Regionen bauen entsprechende Strukturen auf, zuletzt in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Viele denken schon weiter und sehen die Schlaganfall-Telekonsile als Blaupause einer regional strukturierten Telemedizin für neurologische Notfälle.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Schlaganfall ist nur der Anfang

Neuroradiologe beim Befunden: Kollegenrat kommt heute per Telemedizin in Echtzeit.

© Aleksey Khripunkov / fotolia.com

Im April 2016 ging es los. Seither läuft das telemedizinische Schlaganfallnetzwerk Rheinland-Pfalz im Echtbetrieb. Zwei Monate später, im Juni 2016, startete das Teleneurologie-Netzwerk der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH TNN) in Niedersachsen – zwei aktuelle Beispiele für einen Trend, der weite Teile Deutschlands erfasst hat. Je nach Zählweise gibt es aktuell 15 bis 20 regionale telemedizinische Schlaganfallnetzwerke. Vorreiter war das 2003 gegründete, bayerische TEMPiS-Netz, das viele jener Daten lieferte, auf die sich praktisch alle Netzwerke heute beziehen.

In Rheinland-Pfalz sind die Akteure stolz auf das bislang Erreichte: "Unser Netz ist insofern eine Besonderheit, als wir mit sechs überregionalen Stroke Units arbeiten, die den Bereitschaftsdienst für die teleneurologische Beratung der regionalen Stroke Units 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche unter sich aufteilen", erläutert Professor Armin Grau, Direktor der Neurologischen Klinik am Klinikum Ludwigshafen. Die sechs überregionalen Stroke Units versorgen aktuell sieben Kliniken mit regionalen Stroke Units. Zwei weitere werden im Herbst dazukommen.

Zehn bis zwölf Telekonsile je Dienst

Prinzipiell ist das Netz offen für alle Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz, die entweder eine regionale Stroke Unit haben oder sie anstreben. Letztere müssen in ausreichendem Abstand zu existierenden Stroke Units sein. "Wir interferieren nicht mit der Landeskrankenhausplanung", so Grau. Sechs "Hubs" sind für ein TeleStroke-Netz relativ viel. TEMPiS arbeitet mit zweien, das nordbayerische STENO-Netz mit dreien. "Wir haben einen größeren organisatorischen Aufwand, aber es wird dadurch auch leichter, den telemedizinischen Dienst im Dienstplan abzubilden. Jedes Haus ist nur alle sechs Tage dran", so Grau. Wer Dienst hat, ist beschäftigt: Am Wochenende muss der jeweils diensthabende Neurologe schon mal zehn bis zwölf Telekonsile absolvieren.

Das funktioniert, weil gemäß den Anforderungen für die Abrechnung der OPS-Ziffer "TeleStroke" ein eigener Neurologe für die Betreuung der regionalen Krankenhäuser freigestellt wird. Die Telekonsile erfolgen also nicht nebenbei. "Ob ein regionales Krankenhaus die OPS-Ziffer abrechnet oder nicht, schreiben wir nicht vor. Aber wir empfehlen es, auch weil das sonst finanziell nicht abbildbar ist", so Grau. Aus seiner Sicht sei die Ziffer angemessen dotiert. Medizinisch kann Grau die TEMPiS-Daten nach jetzt 14 Monaten bestätigen: "Die Zeiten bis zur intravenösen Lyse sind in den regionalen Stroke Units sehr gut. Die Telemedizin ist kein Faktor, der zu unnötiger Verzögerung führt." Als sehr hilfreich empfindet der Neurologe die Telemedizin nicht zuletzt bei der Indikationsstellung zur mechanischen Thrombektomie. Seit mehrere randomisierte Studien im Jahr 2015 den Nutzen dieses Katheterverfahrens demonstriert haben, müssen Neurologen bei einem Schlaganfall rasch entscheiden, wer in ein Zentrum gebracht werden muss. Das funktioniere dank Telekonsil sehr gut, so Grau. Wird im Telekonsil die Indikation für eine Thrombektomie gestellt, werden die Patienten bei laufender Lyse ins Zentrum transportiert, wo die Angiografie bereits vorbereitet werden kann.

Auch für Privatdozent Hans Worthmann von der MHH ist die Indikationsstellung zur mechanischen Thrombektomie eine wichtige Komponente bei der Telemedizin: "Ohne die Telekonsile würden wir viele Patienten, bei denen eine Thrombektomie indiziert ist, gar nicht rechtzeitig erkennen." Die MHH versorgt aktuell fünf Krankenhäuser mit Telekonsilen, vier davon ohne eigene Neurologie. Im Schnitt werden etwa drei bis vier Konsultationen pro Tag angefragt.

Regionale Organisation wichtig

Das Beispiel der Thrombektomie zeigt Worthmann zufolge auch, wie wichtig es ist, dass die Schlaganfallnetze regional organisiert sind: "Die Einrichtungen müssen für die Verlegungen eng kommunizieren, der Rettungsdienst muss eingebunden sein. Das würde nicht funktionieren, wenn es irgendwo in Deutschland eine große Telemedizinzentrale für alle gäbe." Kein Wunder also, dass die Einführung der Thrombektomien den TeleStroke-Netzen noch einmal einen Schub verliehen hat.

Natürlich ist nicht zuletzt beim Stichwort Thrombektomie eine gewisse "Versorgungssensibilität" gefragt. "Genauso wie bei der Thrombolyse ist eine zeitnahe Therapie bei der Thrombektomie entscheidend. Es geht nicht darum, möglichst viele Thrombektomie-Patienten ins eigene Haus zu holen", so Worthmann. In Niedersachsen lautet die Regel, dass der Patient in die jeweils nächstgelegene Einrichtung verlegt wird, die eine Thrombektomie anbietet – auch wenn das nicht die MHH ist. Von der Schlaganfalltelemedizin der MHH profitieren also auch andere neuroradiologische Zentren, was wiederum die regionale Versorgung stärkt.

Hilfe auch bei Krampfanfällen

Anders als in Rheinland-Pfalz können Patienten in Niedersachsen auch bei anderen akuten Notfällen per Teleneurologie vorgestellt werden. Aktuell betreffe das etwa jeden vierten Patienten, so Worthmann. Die wichtigsten Indikationen sind der komplizierte Krampfanfall bzw. Status epilepticus, der Verdacht auf akute Meningitis/Enzephalitis und die unklare Bewusstseinsstörung. Nicht für alle Patienten ist die übliche Infrastruktur, bei der ein CT/MRT übertragen und eine Videoverbindung aufgebaut wird, gleich gut geeignet. Eine Videoverbindung während eines laufenden Status epilepticus ist wenig praktikabel. Auch die Beurteilung eines Nystagmus per Video ist schwierig, weswegen einige Netze spezielle telemedizinische Nystagmusbrillen testen.

Letztlich dürften sich die meisten technischen Hürden aber lösen lassen. "Perspektivisch nötig wäre noch eine bessere Abrechenbarkeit für die Kooperationskliniken ohne Neurologie. Ideal wäre es, wenn auch andere teleneurologische Notfallkonsile mit einer Komplexziffer wie bei der Schlaganfallkomplexbehandlung bzw. einem Telemedizinzuschlag abgerechnet werden könnten", so Worthmann. Das scheint zumindest denkbar: Am heutigen Mittwoch fällt in Berlin der Startschuss für das Innovationsfonds-Projekt ANNOTeM, das die Erfahrungen der TeleStroke-Netze auf andere neurologische Notfälle übertragen will. Drei Maximalversorger und ein spezialisiertes Epilepsiezentrum stehen als Konsilpartner für elf regionale Versorgungskrankenhäusern in Berlin und Brandenburg zur Verfügung. Die Leitung liegt bei Professor Heinrich Audebert von der Charité Berlin, einst Initiator und treibende Kraft hinter dem bayerischen TEMPiS-Netzwerk.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Notfall sorgt eine App für schnelle Hilfe

Kann die Reanimation außerhalb des Krankenhauses mit einer Ersthelfer-App optimiert werden? In einem Pilotprojekt wurden gute Erfahrungen gemacht. mehr »

"Es wird nichts sein wie früher!"

Zeitenwende für Großbritannien und für die EU: Ein Land steigt aus dem Club der bisher 28 Staaten aus. Der Korrespondent der "Ärzte Zeitung" in Großbritannien begleitet den Brexit künftig in einem Blog. mehr »

"Ohne Impfung keine Kita"

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach reicht die Pflicht zur Impfberatung nicht. Er forderte jetzt, dass künftig jedes impffähige Kind vor Eintritt in eine Kita den Nachweis erbringen müsse, dass es STIKO-konform geimpft ist. mehr »