Ärzte Zeitung, 17.11.2014

Medizintechnik

Kliniken als Bremser

Zwei Drittel des Umsatzes erzielen deutsche Medizintechnikfirmen mit Exporten. Im Inland wird die Branche durch die Mittelknappheit der Kliniken gebremst.

FRANKFURT MAIN / DÜSSELDORF. Die politischen Rahmenbedingungen für exportorientierte Medizintechnikunternehmen stimmen. So lobte anlässlich des Medica Tech-Forums am Freitag der stellvertretende ZVEI-Vorsitzende Dr. Michael Meyer: "Die politischen Instrumente zur Stärkung unserer heimischen Anbieter in der Fremde sind beispielsweise die Exportinitiative Gesundheitswirtschaft und das Auslandsmesseprogramm des Bundes".

Eine vergleichbare Unterstützung der Branche auf dem deutschen Markt sei wünschenswert. Dafür biete der Nationale Strategieprozess "Innovationen in der Medizintechnik" vielversprechende Ansätze.

Die Exportquote deutscher Medizintechnik beträgt nach Verbandsangaben 70 Prozent. Der Gesamtumsatz der im Inland mit eigenen Gesellschaften ansässigen Medizintechnikhersteller erreiche rund 24 Milliarden Euro, heißt es weiter. Insgesamt beschäftige die Branche hierzulande 125.000 Mitarbeiter.

Aktuell spricht der ZVEI von 25 Milliarden Euro Investitionsstau in deutschen Kliniken, was den Einsatz moderner Medizintechnik angehe. Rund 60 Prozent davon entfielen auf bildgebende Diagnostik. Ursache sei die Mittelknappheit der Länder sowie Systemfehler bei der Entgeltung ambulanter und stationärer Versorgung, "die keine langfristige, am Lebenszyklus orientierte Bewertung von Investitionen unterstützen".

Wachstumsimpulse erhalte die Branche gleichwohl weiterhin aus dem Ausland. Die weltweite Entwicklung der Gesundheitssysteme, "maßgeblich beeinflusst durch die Demografie und die immer passgenaueren Angebote der Industrie", kämen der Medizintechnik zugute - auch wenn die Branchenkonjunktur in Schwellenländern wie China und Russland zuletzt einen Dämpfer erhielt. (cw)

[18.11.2014, 17:45:37]
Dr. Segei Jargin 
Neuliche Entwicklungen vom Gesundheitswesen in Russland
Auf den ersten Blick kann es erscheinen, dass es bei den neuesten Entwicklungen des russischen Gesundheitswesens [1] der gleiche Weg eingeschlagen wird, wie er in den Neuen Bundesländern ab 1990 gegangen wurde, nämlich der Reduktion der staatlichen Arztstellen bei gleichzeitiger Mehrbelastung der verbleibenden angestellten Ärzte. Nach meiner Erfahrung im Ausland (1989-2002 mit Unterbrechungen) war die Belastung jedoch nie übermäßig. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wenn es nicht genug Zeit gab, klarzukommen bzw. eine konsiliarische Mitbeurteilung in Anspruch zu nehmen. Es gibt immerhin wesentliche Unterschiede zwischen beiden Ländern. In Deutschland gab es die Krankenkassen, die alle nötigen Kosten gedeckt haben, d.h. eine praktisch kostenlose Gesundheitsfürsorge auf einem hohen modernen Niveau. Hier deckt die Versicherung nicht alles; außer anderem die Arzneimittel nicht. Es gibt die sogenannten mediko-ökonomische Standards, wo die Leistungen aufgelistet sind, die von der verbindlichen Krankenversicherung zu übernehmen sind; doch werden solche Leistungen nicht unbedingt in allen Fällen problemlos erbracht, insbesondere bei ambulanten Patienten in den Polikliniken. Es kann zum Beispiel eine Alternative geben – lange warten oder fürs Geld machen. Das Personal ist vom kaufmännischen Geist angesteckt, die medizinische Ethik ist wenig bekannt, Schmiergelder werden stellenweise genommen und erwartet, auch im Gesundheitsministerium [2], Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft werden fast als Norm betrachtet. Es fehlt an kompetente und faire Verwalter: leitende Chefarzte (die gleichzeitig auch Verwaltungsleiter der Krankenhäuser sind) kooperieren in Bestattungs-, Bau- und anderen Geschäften. Es fehlt an gute Fachliteratur, an die Verantwortung usw. Die Ärzteorganisationen - so etwas wie eine deutsche Ärztekammer - gibt es in Russland nicht; zum Teil deswegen sind weder der Status des ärztlichen Berufes noch die medizinische Ethik als verbindliche Norm wenig beachtet. Das dürfte natürlich schwerer fallen, wenn der Rest der Gesellschaft weiterhin Bestechung und Vetternwirtschaft als normale Teile des täglichen Lebens ansieht und praktiziert. Eigentlich braucht Russland eine internationale Hilfe in Sachen Gesundheitswesen, doch gibt es Befürchtungen, dass ausländische Fachleute in die Korruption verwickelt werden. Doch meines Erachtens kann eine internationale Hilfe in dieser Hinsicht eher hilfreich sein, sonst verstehen hier viele Mitarbeiter kaum, dass den öffentlichen Angestellten einschließlich der Mediziner die Annahme jeglicher Geschenke, in welcher Form auch immer, verboten werden sollte. Bereits kleine Vergehen müssen geahndet werden. Außerdem gibt es hier viel Selbstzufriedenheit: warum sollen wir uns über die Lebenserwartung und Überlebensraten kümmern, diese Ziffern betreffen meistens die Rentner [3], die haben mit der Wirtschaft und Verteidigung des Landes wenig zu tun. Es kommt schließlich auf die Prioritäten an, und die Prioritäten werden zum Teil von externen Faktoren, vor allem, von internationalen Konflikten, abhängig. In diesem Zusammenhang muss man auch erwähnen, dass einige Militärkrankenhäuser ein besonders hohes Ansehen genießen. In einer militärischen Einrichtung kann es mehr Ordnung geben, doch nicht unbedingt mehr fachliche Kompetenz und weniger Korruption (z.B. um dort als Nicht-Militärangehöriger operiert zu werden). Insbesondere scheinen die Führungskräfte dort nicht immer nach der fachlichen Kompetenz gewählt zu werden. Die Träger der fachlichen Kenntnisse sind viele Vertreter der Intelligenzia, die im militärischen Milieu nicht immer willkommen sind. Gekoppelt mit der Disziplin und gehemmter Kritik kann es unter Umständen ungünstige Folgen haben [2]. Es wäre aber vielleicht nicht schlecht, wenn ein Teil der militärischen Disziplin (nicht mit den Rotarmeesitten zu verwecheln) auf das übrige Gesundheitswesen übertragen werden würde. Der Erlaß Putins über die Erhouhung der Arztlöhne ist jedenfalls nicht schlecht, aber er scheint von den Behörden konterkariert zu werden, indem notwendige Arztstellen gestrichen werden [1].
1. Vlassov V. Doctors in Moscow rally against planned hospital closures. BMJ. 2014;349:g6623.
2. Jargin SV. A comment. Dermatopathology: Practical & Conceptual 2010;16(4) http://www.derm101.com/dpc-archive/october-december-2010-volume-16-no.4/dpc1604a21-a-comment/
3. Jargin SV. Societal and political will for cancer prevention in Russia. Lancet Oncol. 2014;15(8):e298.
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