Ärzte Zeitung, 19.05.2015

Big Data & Co

Computerprogramme helfen bei der Diagnose

Beim diesjährigen Wettbewerb "Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen" reüssierten Projekte, die Ärzten in Klinik und Praxis den Alltag erleichtern sollen. Die Spannbreite reicht von der personalisierten Medizin bis zur Zweitmeinung.

Von Matthias Wallenfels

Computerprogramme helfen bei der Diagnose

IT kann auch in der Medizin eine Schlüsselrolle zukommen - etwa in der personalisierten Medizin.

© Maksim Kabakou / fotolia.com

BERLIN. Kaffee kochen, Wäsche waschen, Schuhe binden: Wer einen Arm verloren hat und auf eine Prothese angewiesen ist, lebt mit täglichen Hürden.

Intelligente Prothesen sollen Menschen mit Handicap künftig helfen, in gewohnte Bewegungsabläufe zurückzufinden.

Wissenschaftler der Leibniz Universität Hannover forschen an den Grundlagen, die technischen Helfer mit einer sonst nur vom Menschen bekannten Feinfühligkeit auszustatten.

Erkennt eine Prothese etwa eine ihr noch unbekannte Tätigkeit, sucht sie automatisch in der Cloud nach einem ähnlichen Muster und adaptiert es.

Eine App speichert sämtliche Bewegungen und sorgt dafür, dass die Prothesen aller Anwender digital voneinander lernen.

Die intelligenten Prothesen für mehr Bewegungsfreiheit des Instituts für Regelungstechnik der Leibniz Universität Hannover sind eines der hundert Siegerprojekte des Wettbewerbs "Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen", der dieses Jahr unter dem Motto "Stadt, Land, Netz!" stand.

Über mehr als tausend Bewerbungen hat es laut der Initiative "Deutschland - Land der Ideen" gegeben.

Digitaler Wandel als Türöffner

"Aus der Mitte von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft heraus nehmen die diesjährigen Wettbewerbssieger die Menschen mit auf den Weg in einen veränderten digitalisierten beruflichen und sozialen Alltag. Deutschlands vernetzte Zukunft braucht diese Kreativität, Experimentierfreude und Risikobereitschaft", kommentiert Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, die bei dem Wettbewerb als Partner fungiert.

"Die 100 ‚Ausgezeichneten Orte‘ zeigen, wie vielfältig die Menschen den digitalen Wandel hierzulande gestalten: Mit innovativen E-Health-Projekten, Ideen für Smart Living oder Bildungsprojekten, die vielen Menschen die digitale Teilnahme ermöglichen", ergänzt Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und Vorsitzender des Deutschland - Land der Ideen e. V.

Software unterstützt Krebsdiagnostik

Unter den Siegerprojekten findet sich mit medx/DX eine Software, die Hausärzten hilft, seltene Erkrankungen oder ein Krebsleiden frühzeitig zu erkennen.

Dieser digitale Assistent stellt binnen kürzester Zeit nach Unternehmensangaben eigene Vermutungen an und gibt Empfehlungen dazu, was zusätzlich abgeklärt werden sollte.

Anders als bei klassischen Ansätzen künstlicher Intelligenz sei dieses System nicht entwickelt worden, um menschliches Denken zu ersetzen.

Es solle den Arzt dabei unterstützen, auch seltene und besonders schwerwiegende Erkrankungen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Eine Software des SAP Innovation Center Potsdam - als weiteres Siegerprojekt - erleichtert es Forschern und Ärzten, klinische Daten zu verknüpfen und auszuwerten.

Zielpunkt ist dabei die personalisierte Medizin, die als Zukunftstrend gilt. Neue Diagnosemöglichkeiten wie etwa die Genomanalyse oder bestimmte bildgebende Verfahren führten dabei jedoch zu komplexen Datenbeständen.

Um diese zu verknüpfen, habe bislang die passende Software gefehlt. Die neue Software ermögliche es, entsprechende Daten - Big Data - schnell und unkompliziert zu analysieren.

Zweitmeinung online einholen

Zu den Siegern zählt ebenfalls der Berliner Anbieter Medexo, der es Patienten ermöglicht, über das Online-Portal www.medexo.com Zweitmeinungen von medizinischen Experten einzuholen.

Das funktioniere postalisch oder komplett online - ohne weite Anfahrten und lange Wartezeiten. Nicht nur Patienten profitierten von dem unkomplizierten Kontakt zum Expertennetzwerk.

Für Ärzte sei das Portal oft der erste Schritt, ihr Berufsprofil im Bereich digitaler Medizin auszubauen.

Das Institut für Klinische Anatomie und Zellanalytik der Universität Tübingen überzeugte bei dem Ideenwettbewerb mit dem Ansatz, Studierenden via online übertragener Vorträge aus dem Operationssaal medizinisches Praxiswissen näher zu bringen.

Digitaler Operationssaal

Studierende können sich dabei in einen digitalen Operationssaal zuschalten. Erfahrene Chirurgen zeigen in der Lehrveranstaltung Sectio Chirurgica, wie eng Anatomie, Chirurgie und Radiologie verbunden sind.

Moderne Kameratechnik überträgt die Lehrveranstaltungen live ins Internet. Fragen der Zuschauer werden sofort im Live-Chat beantwortet.

Was früher nur einer kleinen Gruppe zugänglich war, erreicht heute mehr als ein Viertel aller Medizinstudierenden in Deutschland.

Die Brandenburger MMM Medizinische Modellbau Manufaktur GmbH punktete mit dem Projekt, Operationen mittels Knochen- und Organmodellen aus dem 3-D-Drucker besser planen und durchführen zu lassen.

Das Projekt HumanX nutze die dreidimensionalen Kopien für die Medizin. Auf Basis bildgebender Verfahren wie CT oder MRT entstehen anatomische Modelle, die Organe oder Knochen mit Muskel- und Hautgewebe "originalgetreu" abbilden.

Sie eignen sich laut Anbieter zum Beispiel, um besonders schwierige chirurgische Eingriffe besser zu planen. Mit den 3-D-Modellen lässt sich aber auch der medizinische Nachwuchs trainieren und Innovationen beschleunigen.

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