Ärzte Zeitung, 14.10.2015

Healthcare

Brasilien sucht Investoren

Brasilien befindet sich mitten in einer schweren Wirtschaftskrise. Dennoch tun sich mit neuen Gesetzen Chancen für ausländische Investoren auf - gerade im Gesundheitsbereich. Kliniken und Medizintechnikhersteller aus Deutschland bekunden ihr Interesse.

Von Matthias Wallenfels

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Für ausländische Investoren ergeben sich in Brasilien im Gesundheitsbereich mitunter interessante Chancen.

© sfmthd/fotolia.com

BERLIN/JOINVILLE. Für deutsche Krankenhausbetreiber, Medizintechnikunternehmen und sonstige Vertreter der Gesundheitswirtschaft bleibt Brasilien als Standort für Investitionen interessant.

Denn der brasilianische Gesetzgeber erlaubt es nach Auskunft des in São Paulo ansässigen und auf den Healthcare-Markt spezialisierten Rechtsanwalts Roberto Liesegang seit diesem Jahr ausländischen Investoren, Kliniken und auch Laboratorien vollumfänglich zu finanzieren und unabhängig von einem brasilianischen Partner zu betreiben.

Wie Liesegang vor Kurzem auf den vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Kooperation mit dem Partnerverband Confederação Nacional da Indústria (CNI) organisierten Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen (DBWT) in Joinville im Bundesstaat Santa Catarina im Rahmen des Forums Gesundheitswirtschaft erläuterte, schaffte das am 19. Januar in Kraft getretene Bundesgesetz Nr. 13.097 die Rahmenbedingungen.

Liesegangs Sozietät Motta, Fernandes & Rocha Advogados (MFRA) war an der Ausformulierung beteiligt. Die brasilianische Verfassung vom 5. Oktober 1988 hatte, so der Jurist auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung", in Artikel 199 die direkte oder indirekte Beteiligung ausländischen Kapitals im Healthcare-Sektor fast gänzlich ausgeschlossen, 2009 sei dann per Gesetz eine Minderheitsbeteiligung ermöglicht worden.

BDI-Präsident Ulrich Grillo warb bei den DBWT um Kooperationspartner in den Reihen der brasilianischen Wirtschaft. "Auch wenn die Situation im Moment schwierig ist - die deutsche Industrie hat Vertrauen in das Potenzial Brasiliens. Die jüngsten Investitionen unterstreichen das.

Die Chance, dass Brasilien in der Liste der größten Volkswirtschaften ganz nach oben aufsteigt, sind nach wie vor gut", betonte Grillo in Joinville zur Eröffnung der DBWT. "Die Zusammenarbeit mit Deutschland lohnt sich für Brasilien: bei der Überwindung seiner gegenwärtigen Schwächephase und auch bei seinem wirtschaftlichen Aufstieg", so Grillo weiter.

Triebfeder demografische Transition

Nach Angaben der deutschen Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest (gtai) verfügte Brasilien 2012 über 2,3 Krankenhausbetten je 1000 Einwohner und 18,9 Ärzte je 10.000 Einwohner.

Der Leiter des DBWT-Forums Gesundheitswirtschaft Dr. Jörg Heukelbach von der Kölner Gitec Consult verweist im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" auf die demografische Transition, die Brasilien einem tiefgreifenden strukturellen Wandel unterziehe.

Das Land weise gerade im Gesundheitswesen einen großen Fachkräftemangel auf. Auch sei Brasilien sehr interessiert am Aufbau eines Systems von Berufsgenossenschaften nach deutschem Vorbild - inklusive Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Kontakte bestünden bereits.

Zwar sei der Markteintritt für deutsche Unternehmen noch immer schwierig, so Heukelbach, der auch Brasilien-Sprecher der vom BDI initiierten German Healthcare Partnership (GHP) ist, aber es könne sich lohnen. Das zeige nicht zuletzt das Engagement von zum Beispiel Siemens. Der Medizintechnikanbieter betreibt in Joinville eine lokale Fertigung bildgebender Systeme.

Die Öffnung des Gesundheitsmarktes für ausländische Investoren könnte, so schätzt es die gtai, den Konsolidierungsprozess im Healthcare-Bereich beschleunigen. Große US-amerikanische Versicherungsgruppen hätten bereits lokale Krankenkassen übernommen.

Wie Heukelbach bestätigt, eruieren bereits auch private Klinikbetreiber aus Deutschland Geschäftschancen in Brasilien.

Politische Rückendeckung

Deutsche Unternehmen, die den Schritt nach Brasilien wagen wollen, können mit politischer Rückendeckung rechnen. Die 2010 vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle gestartete Außenwirtschaftsoffensive sieht Asien und Lateinamerika als Fokusmärkte, die politisch flankiert geöffnet werden sollten.

Auch in dem 2010 verabschiedeten Lateinamerikakonzept der Bundesregierung wird festgestellt, dass deutsche Spitzentechnologie gefragt ist, etwa in der Gesundheitswirtschaft. "Deutschland hat Erfahrung darin, derartige Großprojekte langfristig und nachhaltig zu planen und auszugestalten", heißt es.

Der Bedarf an Medizintechnik wird in Brasilien nach der Einschätzung der Außenhandelsagentur gtai weiter zunehmen. Dafür sprächen die steigende Lebenserwartung, die wachsende Bevölkerungszahl und die Zunahme chronisch-degenerativer Erkrankungen.

Zudem seien die Pro-Kopf-Ausgaben bislang recht niedrig und der Investitionsbedarf im öffentlichen Gesundheitswesen SUS (Sistema Único de Saúde) hoch. Eine Einschränkung der privaten Gesundheitsausgaben zeichnet sich bislang nicht ab.

Defizite bei Gesundheitsversorgung

Zwar garantiere das staatliche System SUS den mittlerweile über 200 Millionen Brasilianern de jure eine umfassende kostenlose Gesundheitsversorgung. De facto aber könnten die SUS-Einrichtungen diesem Anspruch aufgrund unzureichender Finanzmittel und ineffizienter Verwaltung nicht gerecht werden. Zudem sei der SUS-Leistungskatalog deutlich erweitert worden, was auch private Versicherer unter Druck setze.

Seit mehr als einem Jahrzehnt steige die Medizintechnik-Nachfrage in der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt überdurchschnittlich stark. Motor des Wachstums war laut gtai in erster Linie der private Sektor.

Von 2004 bis 2014 habe mit steigender Kaufkraft und Beschäftigung die Zahl der privat Krankenversicherten um 57 Prozent auf etwas mehr als 50 Millionen zugenommen - nach den USA die weltweit größte Anzahl. Private Krankenhäuser, Diagnostikketten und Praxisgruppen expandierten stark.

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