Ärzte Zeitung, 23.09.2016

Gesundheits-Apps

Die Selbstvermessung des eigenen Ichs

Der Markt an Gesundheits-Apps wächst und wächst - derzeit gibt es 379.000 Anwendungen fürs Smartphone oder Tablet. Die Selbstvermessung kennt keine Grenzen. Was sind die Folgen des Optimierungswahns?

Von Christian Beneker

Die Selbstvermessung des eigenen Ichs

Komplette Kontrolle: Über Tablet und Handy können Körperdaten eingegeben und Entwicklungen verfolgt werden.

© fotoinna / fotolia.com

Man möge sich noch einmal tief entspannt zurücklehnen, empfahl jüngst Kay Oberbeck, der Sprecher der Firma Google in Mittel- und Nordeuropa, den Teilnehmern der 12. nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock Warnemünde: "So langsam wie jetzt wird die digitale Entwicklung nie mehr sein", prophezeite er.

In der Tat – auch wenn die Zahlenkolonnen von Big Data schon jetzt alles Vorstellbare überschreiten, wird in Zukunft allein das medizinische Monitoring weitere Massen hinzufügen. "Derzeit zählen wir zum Beispiel 379.000 Gesundheits-Apps, und im Jahr 2018 werden wir 1,7 Milliarden Nutzer haben", so Peter Vullinghs, Chef der Philips GmbH in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in Warnemünde.

Jeder fünfte Deutsche habe inzwischen eine solche App auf seinem Smartphone. Für 2060 rechnet Vullinghs allein in Deutschland mit rund 25 Millionen Patienten mit Bluthochdruck und 18 Millionen Übergewichtigen – für den Philips-Chef sind diese Menschen die potenziellen Konsumenten digitaler Gesundheitsangebote, wie zum Beispiel Online-Monitoring. Sie alle sollen messen, wiegen, zählen.

Blutdruck, Zucker, Adrenalin

Die Entwicklung galoppiert. Allen voran: Die Selbstvermesser des "lifetrackings" oder "lifeloggings". Lieferanten der Daten sind Waagen, Fitnessarmbänder, die über Bewegungssensoren die Schritte zählen, oder Smartwatches, die über einen optischen Sensor Puls und Sauerstoffsättigung messen.

Weiter im Angebot: vernetzte Thermometer, Lichtsensoren oder Eyetracker. Wie schwer bin ich? Wie schnell? Wie groß? Wie pocht mein Herz? Wie dick bin ich, wie dürr? Wo befinde ich mich? Was und wie viel und wann esse ich? Wie schnell und wie tief atme ich? Wie lang schlafe ich? Wie hoch ist mein Blutdruck, mein Zucker, mein Adrenalin?

Die Selbstvermesser wollen sich optimieren und zum Beispiel kürzer, aber erholsamer schlafen. So könnte man einen ganzen Arbeitstag in der Woche herausholen, heißt es auf www.was-ist-quantified-self.de, der Homepage einer Bewegung, die die Selbstvermessung auf die Spitze treibt.

Dazu messen sie die Schafphasen (leicht, REM, Tiefschlaf), die Herzfrequenz, den Geräuschpegel und die Lichtintensität während der Nacht, die durchschnittliche Raumtemperatur.

Der Soziologe Professor Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen unterscheidet vier Arten des Selftrackings: Zunächst das Körpermonitoring als kurative oder präventive Maßnahme. Hierher gehören die klassischen medizinischen Anwendungen, wie etwa das EKG.

Überwachung und Unterwachung

Durch das "Human Tracking" lasse sich zweitens feststellen, wohin etwa ein Kind gelaufen ist und wie schnell oder wo ein Mitarbeiter sich befindet und ob er zügig genug arbeitet. Drittens sieht Selke das erweiterte Gedächtnis durch digitale Speicher – von Erinnerungsfotos bis hin zur Unsterblichkeit des Einzelnen als interaktiver Avatar im Netz – als Kategorie des Selftrackings.

Und schließlich "die Spannung zwischen Überwachung und Unterwachung", wie Selke zur "Ärzte Zeitung" sagt. Also die Bereitschaft Einzelner, sich komplett durchleuchten zu lassen, um zum Beispiel nicht unschuldig verdächtigt werden zu können.

Nun weiß jeder Arzt, jeder Epidemiologe und jeder Kassen-Vertreter erst recht saubere Daten über die Patienten und ihre Versorgung zu schätzen. So hat die Firma Google, wie Oberbeck sagt, "eine smarte Kontaktlinse für Diabetiker entwickelt. Sie misst aus der Tränenflüssigkeit den Glukosegehalt."

Ärzte und Krankenkassen setzen auf Apps

Sekündlich funkt ein integrierter Mikrochip den Wert zum Beispiel an ein Smartphone und von dort zum Arzt. So können er und sein Patient Abweichungen vom angestrebten Wert sofort erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen. "Wir haben die Technik an Novartis lizensiert", sagt Oberbeck zur "Ärzte Zeitung". "In drei bis fünf Jahren kann die Linse marktreif sein."

Auch die Krankenkassen setzen auf Apps. Die Techniker Kasse (TK) etwa bietet ihren Kunden "Tinnitracks". Die App filtert aus der Lieblingsmusik des Tinnitus-Patienten die persönliche Störfrequenz heraus. Das heißt, er hört seine Songs ohne die Frequenzen, die seinen Ohren auf die Nerven gehen, und beruhigt so die überaktiven Tinnitus-Nervenzellen.

Oder die App "Husteblume", die unter anderem die Medikation von Allergikern dokumentiert und über ein Ortungstool individuell die Pollenbelastung anzeigt. Oder Teletherapie gegen das Stottern, oder ein Diabetesmanagement, das die Daten des Patienten über eine App an den Arzt weiterleitet.

"Das wäre Totalitarismus!"

Gewiss, das können sinnvolle Anwendungen sein. Aber auch Einfallstor für Geschäfte. So kann sich zum Beispiel Florian Schumacher, Vertreter der Quantified-Self-Bewegung, vorstellen, mit seinen Daten auf die Krankenkassen zuzugehen und ihnen einen "neuen Daten-Deal" anzubieten. "Ich biete der Kasse an, dass sie auf meine Daten gucken können, wenn sie mir entsprechend Geld zahlen," sagt er zur "Ärzte Zeitung".

Der Soziologe Selke und Mitglieder des Deutschen Ethikrates warnen indessen vor einer zügellosen Entwicklung des Selftrackings.

"In China planen die Behörden so etwas wie einen ,social credit score‘. Er soll die Daten über Aktivitäten in den sozialen Medien, Bonitätsdaten und möglicherweise Konsum- und Gesundheitsdaten mit den Personalausweisen der Bürger zu einem sozialen Index verbinden. Er könnte dann mit darüber entscheiden, wer einen Studienplatz bekommt oder Wohnraum erhält", berichtet Selke. "Das wäre Totalitarismus!"

Aber nicht nur in ohnedies autoritären Staaten dient Selftracking zur potenziell totalen Kontrolle. In den USA fordert die private Oral Roberts Universität in Tulsa im Bundesstaat Oklahoma von ihren Studenten, eine bestimmte Menge Sport zu machen. Das wird über Fitnessarmbänder kontrolliert, die die Daten an die Uni senden. Wer nicht mitmacht und keine Daten liefert, darf nicht studieren.

Ein Vorschlag: "Datentreuhänder"

Auch in Deutschland sieht Selke bereits einen "Evaluationswahn". Jede Vorlesung werde bald bewertet und die Daten gespeichert. "Weil man sich nicht mit den Menschen beschäftigen will, beschäftigt man sich mit Daten", kritisiert Selke.

Claudia Wiesemann, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen und Mitglied des Ethikrates, mahnte auf einer Veranstaltung des Ethikrates im Mai 2015, im Datenstrom die autonome Person in ihrer Privatheit zu schützen.

"Big Data bedeutet eine Machtverschiebung zu Ungunsten des Individuums", so Wiesemann. Deshalb schlägt sie zum Beispiel "Datentreuhänder" vor. "Wir dürfen nicht alle Macht bei den Verwertern lassen!", so Wiesemann.

Gewiss – die Datensammlungen hätten auch viel gutes Potenzial, sagt etwa die Publizistin Anke Domscheit-Berg. "So müsste man nicht manche Studie zehnmal machen, wenn endlich die Rohdaten zugänglich würden."

Auf der anderen Seite stünden aber "sehr unsichere Systeme und steinalte IT", die den neuen Datenmassen gar nicht mehr gewachsen seien. Und die NSA kaufe jährlich für 50 Millionen Euro Informationen über Sicherheitslücken – "nicht um sie zu stopfen, sondern, um sie zu nutzen. Was geht, wird auch gemacht. Wir stehen vor einem Tsunami!"

Digitale Diät

Professor Dr. Marek Zygmunt, Präsident der Warnemünder Konferenz, sagte fast resigniert: "Wir wissen nicht, wohin der Weg führt. Aber wir werden die Digitalisierung nicht stoppen können."

Die rasche und weithin mit großer Begeisterung aufgenommene Verbreitung mobiler Technologien in der Medizin habe bisher zu einem Methoden-Wildwuchs geführt, heißt es auch in einer vom Bundesgesundheitsmnisterium unterstützten Untersuchung über "Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (Charismha)".

Viele Projekte seien auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet und würden bislang ohne eine langfristige strategische Ausrichtung durchgeführt. Diese "facettenreiche Unübersichtlichkeit" für alle Beteiligten erschwere die Abwägung von Chancen und Risiken.

Offenbar wird auch manchem Apostel der Selftracking-Bewegung flau, wenn er an die täglichen Datenmasse und die ständige Beschäftigung mit ihnen denkt. Um dem ständigen Blick auf das Smartphone vorzubeugen, hat Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Uni Bonn, eine Android-App namens "Menthal Balance" entwickelt.

Sie dokumentiert, wann und wie oft der Nutzer etwa sein Telefon entsperrt, welche Apps er startet und wie lange und wie oft er telefoniert. Das Ziel: digitale Diät.

 

"Perfektion ist nicht der Sinn des Lebens"

Die digitale Selbstvermessung verändert den Menschen, warnt der Soziologe Professor Stefan Selke. Sie führt zu einem assistierten Leben mit fatalen Folgen, die bisher unterschätzt werden.

Das Interview führte Christian Beneker

Ärzte Zeitung:Herr Professor Selke, wo Licht ist, ist auch Schatten. Sie warnen eindringlich vor den Folgen der Digitalisierung und des Selftrackings. Warum?

Professor Selke: Die digitale Technik ist extrem ambivalent. Leistungsversprechen können in soziale Prozesse umschlagen, die destruktiv sind: Sicherheitsversprechen können in Kontrollwut umschlagen oder in noch größere Unsicherheit. Das Vorausschauende kann umschlagen in eine Präventionsideologie.

Es gibt zum Beispiel Datensocken, die Eltern ihren Babys anziehen können. Dann lassen sie sich Hauttemperatur, Puls oder Atemfrequenz auf ihr Smartphone senden. Der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen hat in einer Stellungnahme darauf hingewiesen, dass solche Eltern immer ängstlicher werden.

Nervös gucken sie immer wieder auf ihre Smartphones. Oder denken sie an Ortungssysteme für alte, demente Menschen. Die Technik kann eine Kontrolltendenz der Angehörigen umschlagen, weil sie ständig checken, wo Oma oder Opa gerade ist.

Da geht es um Vermessung und Kontrolle anderer ...

Ja, aber auch die digitale Selbstvermessung verändert die Menschen: In den USA wird zum Beispiel die "LOS"- Kennziffer genutzt, um den Zustand von Beziehungen zu beschreiben. LOS steht für "loss of spark", also den Verlust des Funkens zwischen zwei Menschen. Mit Hilfe einer LOS-Skala von 1 bis 10 lässt sich der Zustand der Beziehung vermessen: "6" – das geht ja noch; "3" – da muss der Scheidungsanwalt her.

Liebesbeziehungen werden plötzlich zu einer in Stufen/Abstufungen/Kennzahlen messbaren Angelegenheit. Wenn wir auf diese Weise immer mehr glauben, Liebe sei messbar, oder Studienerfolg, Loyalität sowie Leistungen bei der Arbeit seinen quantifizierbar, dann verzichten wir auf eine qualitative Sichtweise auf das Leben und zählen nur noch plump nach. Und so wird unsere Wahrnehmung selber plump und holzschnittartig.

Heißt das, dass wir nicht mehr lernen und nur noch messen und zählen?

Hannah Arendt, eine Philosophin, hat von der Vita Activa gesprochen: Wir nehmen das Leben in die Hand, wir setzen uns auseinander, lernen und wachsen dabei. Aber die Digitalisierung führt zu einer Vita Assistiva, also zu einem assistierten Leben.

Die vielen Hilfsangebote sind so komfortabel, dass wir regredieren und Lernen nicht mehr stattfindet. Wenn wir ständig unsere Körperdaten messen, verlernen wir zugleich das Gefühl für den eigenen Körper. Die Intuition wird noch weiter abgewertet als bisher. Wir verlernen, uns zu orientieren, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen – denn die digitale Technik unterstützt uns ja so "smart"!

Zugleich werden die Opportunitätskosten für den Einzelnen immer höher. Wer die "smarten" Angebote nicht nutzt, gilt – früher oder später – als Versager. Ich finde, man muss sich bewusst von zu komfortablen Technologien befreien, zum Beispiel vom Navigationssystem im Auto, um bewusst auf Assistenz zu verzichten und wieder lernfähig zu werden.

Was bedeutet Self-Tracking fürs Zusammenleben in einer Gesellschaft?

Ich habe mal mit einem Krankenkassenvertreter gesprochen. Er sagte immer: "Herr Selke, was haben Sie gegen moderne Produkte?" Gar nichts habe ich gegen moderne Produkte! Sie sind leider nur mit vormodernem Gedankengut verbunden. Sie individualisieren die Verantwortung.

Ich kann nur so lange mit meinen Daten auf den Markt treten, solange sie wirklich gut sind und von einem gesunden Körper zeugen. Dabei stehen wir alle auf dünnem Eis. Wir können sofort krank werden, verarmen, verletzt und damit arbeitsunfähig werden und vieles mehr.

Was dann? Wie stehe ich dann da auf dem Markt? Zu glauben, man sei stets auf dem richtigen Weg, wenn man nur den richtigen Tracker habe und 10.000 Schritte am Tag laufe, ist naiv. Damit wird das ganze Leben marktförmig organisiert. Wir laufen als Lebendbewerbung durch die Welt und wollen uns perfekt präsentieren.

Aber die Perfektion ist nicht der Sinn des Lebens. Es muss wieder mehr marktfreie soziale Räume geben, in denen sich Menschen angstfrei und ohne Optimierungsdruck austauschen können.

 Ich bin seit 30 Jahren Segelflieger. Zu Beginn flog man nach Karte, heute navigiert man digital. Jeder Flugkilometer wird online weltweit verglichen. Segelfliegen hat sich von einem Breitensport mit Mythos zu einem Dauerwettbewerb gewandelt. Wer landet, sieht, dass andere mehr "Punkte" erflogen haben, organisiert sein Hobby marktförmig. Und vergisst, auf das Schöne zu achten. Wer vergleicht, verliert. Wer einen eigenen Maßstab hat, kann nicht verlieren.

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