Ärzte Zeitung, 18.12.2013

Frauendomäne

Was Ärzte ins MVZ zieht

Vor Kurzem erst hat es seine Pforten geöffnet: das ärztlich-therapeutische MVZ Wagenhaus in Rendsburg. Dabei steht das Zentrum für viele andere: Denn es zieht überwiegend Ärztinnen an. Und die erklären auch, warum die Arbeit im MVZ so attraktiv ist.

Von Dirk Schnack

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Das MVZ Wagenhaus in Rendsburg: acht angestellte Ärzte und eine Weiterbildungsassistentin arbeiten hier.

© Dirk Schnack

RENDSBURG. Acht Ärzte und zahlreiche Therapeuten unter einem Dach, das ihnen die Konzentration auf ihre ärztliche und therapeutische Tätigkeit erlaubt: Mit diesem Konzept hat das MVZ Wagenhaus im schleswig-holsteinischen Rendsburg eröffnet.

Das große Foyer im Wagenhaus, einer früheren Remise für Militärfahrzeuge, war prall gefüllt. Zur Eröffnung des neuen MVZ Wagenhaus mussten die zahlreichen Patienten etwas Geduld mitbringen.

Die könnte sich insbesondere für die unter ihnen auszahlen, die nicht nur einen Termin wahrnehmen müssen. Denn Ärzte und Therapeuten im Wagenhaus wollen möglichst abgestimmt Hand in Hand arbeiten und den Patienten damit unnötige Wege ersparen.

"Vieles geht über den kurzen Dienstweg, aber auch über Fallkonferenzen", sagt die ärztliche Leiterin Christiane Stöhr. Die Fachärztin für Psychiatrie ist eine der acht ausschließlich angestellten Ärzte, die sich die Sitze (drei für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zwei für Neurologie und Psychiatrie und einer für Allgemeinmedizin) teilen.

Überwiegend Frauen haben sich für das MVZ entschieden. "Das Arbeiten im Team ist ein entscheidendes Motiv für die Ärzte, im MVZ tätig zu sein. Sonst könnten sie ja auch in Einzelpraxis arbeiten", hat Geschäftsführerin Heike Rullmann beobachtet. Sie strebt an, dass ihre Ärzte und Therapeuten sich auf ihr Kerngebiet konzentrieren können.

Der Arbeitgeber, die Wagenhaus Medizinisches Versorgungszentrum GmbH, nimmt ihnen die von Ärzten oft als Belästigung empfundene Begleitmusik wie etwa die administrativen Aufgaben ab. "Damit sind wir für Ärzte attraktiv", sagt Stöhr, die bis zu ihrem Wechsel ins MVZ viele Jahre als Oberärztin in einem Schleswiger Krankenhaus gearbeitet hatte.

Sie stand mit Eröffnung des MVZ vor der Entscheidung: entweder noch einmal mitten im Berufsleben etwas Neues aufbauen oder den eingeschlagenen Weg bis zur Rente weitergehen.

"Ausschlaggebend war, dass ich hier etwas Neues mit aufbauen kann - ohne das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Niederlassung", sagt Stöhr. Die Perspektive, an Wochenenden und Feierabenden stets frei zu haben, versüßte das Angebot.

Regelmäßige Fallkonferenzen

Stöhr ist wie die meisten Ärzte im MVZ teilzeitbeschäftigt (31 Stunden pro Woche) und will die Vorteile des Arbeitens unter einem Dach nutzen. Gleich am ersten Tag gelang es ihr durch enge Abstimmung mit der Neurologin eine stationäre Einweisung zu verhindern. Auf sich allein gestellt, hätte sie die Patientin voraussichtlich eingewiesen.

Das Arbeiten Tür an Tür ermöglichte, dass die Neurologin ihre Zweitmeinung beisteuern konnte. Neben solchen Ad-hoc-Abstimmungen treffen sich beispielsweise die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten des MVZ regelmäßig alle sieben Tage zu Fallkonferenzen. Weitere Abstimmungen, auch zwischen Ärzten und Therapeuten, sollen folgen.

"Viele unserer Patienten brauchen eine komplexe Behandlung, die durch eine Abstimmung unter einem Dach erleichtert werden kann. Selbstverständlich steht es aber jedem unserer Patienten frei, mit einem Rezept auch andere therapeutische oder ärztliche Angebote aufzusuchen", stellt Rullmann klar.

Die Wagenhaus Medizinisches Versorgungszentrum GmbH ist Teil der Brücke-Gruppe Rendsburg-Eckernförde, die außer in Rendsburg noch ein weiteres MVZ in Eckernförde betreibt. Einige der Sitze im Wagenhaus gehörten der Brücke schon vorher, wurden an anderen Standorten in Rendsburg betrieben und nun verlegt.

Der hausärztliche Sitz dagegen wurde von einem Allgemeinmediziner, der seine Praxis aufgegeben hat, frisch übernommen und mit einer jüngeren Kollegin besetzt. Eine weitere Expansion mit weiteren MVZ im Kreis ist derzeit zwar nicht geplant, aber auch nicht ausgeschlossen.

Im 1500 Quadratmeter großen Wagenhaus, das vorher für Veranstaltungen genutzt und für 170.000 Euro vom Träger umgebaut wurde, sind noch Flächen frei. Und die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte im Kreis lässt vermuten, dass dem Betreiber weitere Sitze angeboten werden.

Über ihre Tochter-GmbH ist die Brücke im ambulanten Sektor kurz nach Inkrafttreten des Versorgungsstrukturgesetzes tätig geworden und hat bestehende Praxen übernommen. Der Verein ist seit 25 Jahren im Kreis aktiv und beschäftigt über 900 Mitarbeiter, davon über 40 im neuen MVZ Wagenhaus.

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