Ärzte Zeitung, 30.08.2013

Leitartikel zu psychischen Erkrankungen

Das Pro und Contra von Netzen

Ambulante Versorgungsnetze für Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen verhindern Drehtüreffekte. Doch spart das dem Gesundheitssystem Geld? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Von Angela Misslbeck

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Psychisch Kranke, die in Netzen betreut werden, müssen seltener in die Klinik.

© Getty Images / iStockphoto .com

Die ambulante Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen gelingt am besten in Netzwerken. Das erkennen inzwischen immer mehr Akteure im Gesundheitswesen, seien es Krankenkassen oder Ärzte.

Bei diesen Netzwerken bleiben Ärzte nicht unter sich, sondern schließen sich mit Fachpflegediensten, Sozialtherapeuten und weiteren professionellen Akteuren oder auch Ehrenamtlern aus der Gemeindepsychiatrie zusammen.

Das ist zu begrüßen, denn von diesen multiprofessionellen Zusammenschlüssen profitieren die Patienten. Wer in solch einem Netz versorgt wird, muss nachgewiesenermaßen deutlich seltener ins Krankenhaus. Im Krisenfall stehen Ansprechpartner im Umfeld bereit.

Das kommt der Lebensqualität der Kranken zugute und verbessert somit die Versorgung. Die Kassen rechnen sich auch finanzielle Vorteile aus. Das bundesweit größte mit insgesamt rund 6500 Teilnehmern ist das NetzWerk Psychische Gesundheit (NWpG) der TK, das seit 2009 in 13 Regionen aufgebaut wurde.

Nach TK-Angaben hat es die Krankenhausausgaben für diese Patienten halbiert. Jeder Patient hat einen persönlichen Ansprechpartner, seinen Bezugsbegleiter. 24-Stunden-Betreuung ist gewährleistet.

Tritt eine akute Krise auf, reichen die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten von der Telefonberatung über den Hausbesuch bis zum Aufenthalt in einer Krisenpension.

Ärzte werden entlastet

Interessant ist das Vergütungsmodell der TK-Integrationsversorgung (IV): Die Kasse hat die prospektiven Klinikkosten der Netzwerk-Patienten vorausberechnet und stellt diese Summe ihren Vertragspartnern als Budget zur Verfügung. In Berlin übernimmt die gemeinnützige Pinel GmbH mit fünf eigenen und zwei kooperierenden regionalen Teams die Betreuung der Netzwerk-Patienten.

Ärzte spielen dabei eine Nebenrolle. Sie werden nur im Bedarfsfall hinzugezogen. Mit Blick auf die begrenzten Kapazitäten der Ärzte in der Versorgung psychisch Kranker ist das die richtige Lösung. Auch andere Netze setzen auf Multiprofessionalität.

"Es muss jemand geben, der engmaschig am Patienten dran ist. Das kann und muss nicht der Psychiater sein", sagt Dr. Norbert Mönter, Psychiater und Chef des Vereins Psychiatrie und seelische Gesundheit (vpsg) sowie dessen Managementgesellschaft Psychiatrie Initiative Berlin-Brandenburg (PIBB).

Dem ärztlich initiierten Verein gehören rund 50 psychiatrisch tätige Ärzte, viele psychologische Psychotherapeuten und fast alle Soziotherapeuten und ambulant tätige psychiatrische Fachpflegekräfte der Hauptstadt an. Lange Zeit waren PIBB und Pinel Konkurrenten.

Inzwischen nähern sie sich an. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die ambulante Versorgung psychisch Kranker an der Vernetzung auf lange Sicht nicht vorbeikommt.

PIBB hat Integrationsverträge mit der DAK und der AOK. Im Rahmen der Angebote für schwer psychisch Erkrankte hat der Verein seit 2008 mehr als 1600 Patienten versorgt - mit Erfolg.

Ziel des DAK-Vertrages war es, die Krankenhaustage der IV-Patienten auf 30 Prozent der Tage einer Vergleichsgruppe zu senken. Das ist gelungen. Der Verein hat dafür einen Bonus kassiert.

Dagegen hätten die TK-Netze einen Malus eingefahren, wenn die Kasse nicht eingelenkt hätte. Den gibt es, wenn ein Netzwerk-Patient doch ins Krankenhaus muss. Die TK hat die Vergütungssystematik nun umgestrickt und den Malus bei Krankenhausaufenthalten begrenzt. Ob damit die Anreize besser gesetzt sind, bleibt abzuwarten.

Ob gespart wird, muss sich noch zeigen

Offen ist auch noch, ob sich die ambulante Netzwerkversorgung für die Kassen letztlich auszahlt. Fest steht, dass die Krankenhauskosten deutlich gesenkt werden können. Zu diesem Ergebnis kommt nicht nur die TK, sondern auch eine kürzlich veröffentlichte Evaluation des DAK-Projektes mit dem Berlin-Brandenburger PIBB und weiteren Partnern in Niedersachsen und Bremen.

Von 2008 bis 2011 hat das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité das Modell begleitet und in seiner Evaluation Kassen- und Klinikdaten zusammengeführt. Sie verglichen Kosten für 225 komplett dokumentierte Behandlungsverläufe in einem Zeitraum von 18 Monaten während der Integrationsversorgung mit 18 Monaten vor der IV.

Die Ergebnisse: Die Kliniktage sanken signifikant von 28,6 auf 11,8 Tage. Die Kosten für stationäre Behandlung gingen ebenfalls deutlich zurück. Die Gesamtkosten sanken jedoch nur geringfügig.

Die stationären Kosten waren während der IV zwar signifikant niedriger, dieser Vorteil wurde aber durch die höheren Arzneiausgaben sowie die zusätzlichen Ausgaben für die ambulante Komplexbehandlung verbraucht.

Allerdings sind Prä-Post-Vergleiche immer mit Vorsicht zu genießen, und Untersuchungen mit Kontrollgruppen stehen noch aus. Die TK plant eine solche Analyse ihrer Netzversorgungsprojekte in Zusammenarbeit mit dem AQUA-Institut.

Die Ergebnisse werden jedoch erst Ende 2015 erwartet. Zu hoffen steht, dass die Kassen an den Netzwerken festhalten, solange sie nicht mehr kosten als die Regelversorgung. Denn für die betroffenen Patienten sind sie ein Gewinn.

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