Ärzte Zeitung, 16.04.2010
E-Health: Flucht aus der Insellösung angepeilt
E-Health-Lösungen in Klinik und Praxis sind
vielerorts bereits Realität. Prüfsteine der
Kooperation sind für die Akteure oft die mangelnde
Kompatibilität der Systeme.

Die Vernetzung im Gesundheitswesen ist
noch nicht optimal ausgestaltet. © Stefan Rajewski /
fotolia.com [M] sth
Von Christian Beneker
HANNOVER. Top in Wissenschaft und
Wirtschaft aber in der Versorgung Flop? "Jedenfalls haben wir im
internationalen Vergleich bei den IT-Anwendungen im Gesundheitssektor
mächtig aufzuholen." Das sagte Professor Reinhold Haux von der
TU Braunschweig vor Kurzem auf der Veranstaltung "eHealth
Niedersachsen" in Hannover.
Beirat soll E-Health-Optionen im Land optimieren helfen
Auf der Veranstaltung des Niedersächsischen
Wirtschaftsministeriums stellten die Referenten die politischen
Rahmenbedingung vor und einzelne beispielhafte Anwendungen. Um der
schleppenden Entwicklung wenigstens in Niedersachsen auf die
Sprünge zu helfen, hat das Land im Januar einen entsprechenden
Beirat ins Leben gerufen. Er soll die Bedingungen für
Industrie, Praxen und Krankenhäuser verbessern. Strukturelle
Probleme gibt es genug. So seien Praxen, Firmen und Kliniken in sich
elektronisch sehr gut aufgestellt, hieß es. "Aber bei der
Zusammenarbeit harmonieren die Einrichtungen schon wegen der
unterschiedlichen Haustechnik nicht", sagte Haux. Der Ausschuss will
unter anderem Best-Practice-Beispiele veröffentlichen. Ein
"Newcomer"-Forum und ein E-Health-Service-Zentrum könnten
ebenfalls über die politischen Ebene mitorganisiert werden.
Elementar schließlich sei die nachhaltige Finanzierung der
Forschung, "um Strohfeuer zu vermeiden." Der Beirat hat sich ein
strammes Programm vorgenommen, aber er hat noch eine lange Strecke zu
gehen.

"Im internationalen Vergleich haben wir
mächtig aufzuholen."
(Professor Reinhold Haux, TU Braunschweig)
Beispiele gelingender IT-Nutzung im Gesundheitssektor
präsentierte unter anderen Mark Winter,
Geschäftsführer bei der auric Hörsysteme
GmbH in Rheine. Die Firma kooperiert bei der Tele-Nachsorge von
Cochlea-Implantat-Patienten mit der Medizinischen Hochschule Hannover
(MHH). Die MHH operiert als weltgrößtes Zentrum
für Chochlea-Implantate Patienten aus ganz Deutschland. Sie
können die Nachsorge beim heimischen HNO-Arzt, machen lassen,
der per Datenleitung mit Experten der MHH verbunden ist. Vor dem
Bildschirm geschieht die Geräte-Einstellung aus der Ferne -
"für alle Beteiligten billiger, besser und bequemer", so
Winter.
Sportmediziner Professor Uwe Tegtbur von der MHH warb
für das Monitoring von Patienten mit transplantierten Lungen.
Dabei habe man erstmals "Telemedizin und Training verbunden",
hieß es. Per Smart Card haben Patienten Trainingseinheiten
mitbekommen. Wenn die Ärzte die Karte auslesen,
können sie erkennen, ob das Training absolviert wurde.
Gerd Dreske, Geschäftsführer der Magrathea
Informatik GmbH, stellte das "IT-Dashboard" seiner Firma vor, ein
großer, flacher Touchscreen, der die
Informationsfülle einer Klinik schnell und sinnfällig
in leicht konsumierbare Häppchen aufteilt. So ist jedes
Krankenzimmer per "Tipp" auf einem Klinik-Grundriss
auswählbar, ebenso die Patienten, ihre Diagnosen und
Medikationen. Daneben bietet das Programm ein "Google"-Funktion
für das klinikeigene Fachwissen, Kapazitätsanzeigen
für Betten oder Mailprogramme für Ärzte -
ein leicht lesbares Cockpit für Klinikpersonal, so Dreske. Das
Wesentliche daran: "Kliniken können das System
ständig selber verändern und ausbauen."
Moralische Leitplanken stecken Spielraum für IT ab
Grenzenlose Computerwelt? Haux wusste die
Zukunftsträume auch zu relativieren. "Natürlich ist
die IT ein gewichtiger Treiber, um die Medizin wirtschaftlicher und
besser zu machen", erklärte er am Schluss seines Vortrages,
"aber wir müssen darauf achten, dass die beiden
großen Quellen der Medizin, die christliche Barmherzigkeit
und die Naturwissenschaft, nicht von der Frage der Wirtschaftlichkeit
in den Hintergrund gedrängt wird."

Weitere Beiträge