Ärzte Zeitung online, 23.09.2013

Kooperationen

Die richtige Software fürs Ärztenetz

Einer der Hauptvorteile der Versorgung im Netz - für Patienten und Ärzte - ist die schnelle Kommunikation zwischen Praxen, Kliniken und Co. Doch längst nicht jede technische Lösung eignet sich auch für jedes Netz.

Von Rebekka Höhl

Die richtige Software fürs Ärztenetz

In Kooperationen kommen Ärzte kaum mehr ohne Software aus. Doch dabei sollte sich die Software nach dem Netz richten und nicht umgekehrt.

© Rajewski / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Nicht nur in den ländlichen Regionen ist ein zunehmender Trend zur Vernetzung von Ärzten zu spüren. Um eine gute Versorgung auf die Beine zu stellen und vielleicht auch eigene Verträge mit den Kassen zu bekommen, setzen auch in den Städten immer mehr Ärzte auf die Kooperation im Netz.

Kein Wunder also, dass die Zahl der Ärztenetze stetig steigt. Zählte man im Jahr 2002 bundesweit noch rund 200 Netze, so seien es mittlerweile doppelt so viele, so die Agentur Deutscher Arztnetze e.V. (ADA).

Damit die Vernetzung rund läuft, braucht es aber auch die richtige Technik im Hintergrund. Und hieran beißen sich Netze oft eine Weile die Zähne aus.

Das Problem: Die Möglichkeiten der EDV-Vernetzung der Praxen sind schier unendlich geworden. Jeder Schritt ist aber auch mit Kosten oder einer Umstellung der eigenen Arbeitsweise verbunden.

Da ist es wichtig, innerhalb des Netzes erst einmal zu definieren, wo es überhaupt technische Unterstützung braucht. Und welches Budget die Ärzte maximal zur Verfügung haben.

Dem geht allerdings eine noch wichtigere Frage voraus: Worin besteht die Kooperation? Werden nur gemeinsame Patientenschulungen angeboten oder ist ein schnelleres internes Terminvergabesystem Kern der Kooperation, müssen die Netzärzte nicht unbedingt über eine elektronische Fallakte verfügen.

Dann reicht vielleicht ein gemeinsames Online-Terminsystem, das mit den jeweiligen Praxis-EDV-Kalendern kommuniziert, und eine geschützte Kommunikationsplattform.

Wer aber gemeinsam Leistungen erbringen, umfangreiche Versorgungsverträge mit den Kassen aufsetzen und bestimmte Behandlungspfade auch direkt in der EDV samt der zugehörigen Dokumentation abbilden will, der wird um eine Netzsoftware kaum umhin kommen.

Individuelles Pflichtenheft ist ein Muss

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Stehen die Ziele der Kooperation und ist die Frage nach den zugehörigen EDV-technischen Wünschen geklärt, geht es daran, eine Art Pflichtenheft für die Netz-Software zu erstellen.

Nicht nur die großen bzw. bekannten Anbieter von Netzsoftware unterscheiden sich deutlich in ihren Software-Features. Es gibt auch noch viele kleinere Anbieter, unter denen Netze wählen können. Und natürlich die Möglichkeit, eine komplett eigene Kommunikations-Plattform für die Vernetzung aufzubauen.

Dabei hat die Netz-Software Marke Eigenbau ihre Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, dass das Ärztenetz die Software ganz nach den eigenen Wünschen konfigurieren lassen kann. Das Netz muss sich dazu aber zumindest einen Informatiker oder Anbieter suchen, der die Software programmiert.

Netzsoftware Marke Eigenbau

Heikel sind immer Bekannte, die einem so etwas als Freundschaftsdienst programmieren. Denn wenn der bekannte Informatikstudent irgendwann wegzieht oder später zeitlich zu stark in seinem Job gebunden ist, dann ist auf einmal niemand mehr da, der die Software pflegt und auf den aktuellen technischen Stand bringt.

Wer einen festen Vertrag mit einem Informatiker hat, in dem auch festgelegt wird, dass es im Falle einer Vertragsaufhebung eine ordentliche technische Übergabe an einen anderen Informatiker geben muss, ist auf der sicheren Seite.

Aber für die interne Software-Lösung ist noch eine Frage zu klären: Wo sollen die Daten liegen? Bleiben sie auf den einzelnen Praxisrechnern oder soll ein gemeinschaftlicher Server genutzt werden? Und wo soll der Gemeinschaftsserver stehen?

Netze, die ein gemeinsames Netzmanagement samt Büro haben, können den Server dort unterbringen. Möglich wäre aber auch, dass eine der Netzpraxen den Platz zur Verfügung stellt. Sie müsste sich dann aber um die regelmäßige Datensicherung kümmern.

Einen Server in ein Rechenzentrum auszulagern ist für Praxen immer eine heikle Sache. Denn aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht gelten für sie viel schärfere Regeln in Sachen Datensicherheit und Datenschutz.

In einem zertifizierten Rechenzentrum sollten die Daten zwar sicher sein, aber auch hier empfiehlt es sich, Daten besser nur verschlüsselt zu übertragen. Noch mehr gilt das, wenn die Netzärzte eine Cloud-Lösung nutzen wollen.

Der Vorteil wäre, dass die Ärzte dann vielleicht nicht einmal eine Netzsoftware benötigen, sondern auf Cloud-Dienste zurückgreifen.

Aber: Nach Paragraf 11 Bundesdatenschutzgesetz (Auftragsdatenverarbeitung) müssten sich die einzelnen Netzärzte oder zumindest der Netz-Vorstand nicht nur davon überzeugen, dass sich der Cloud-Anbieter technisch und organisatorisch für das Speichern und Verarbeiten der sensiblen Patientendaten eignet. Sie müssten dies auch regelmäßig überprüfen.

Dazu fehlen vielen Ärzten aber Zeit und technische Kenntnis. Das Problem lässt sich nur umgehen, wenn die Daten nur verschlüsselt - und zwar mindestens mit den aktuellen Verschlüsselungsstandards des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) - übertragen werden, und der Schlüssel nur in der Hand der Praxis liegt.

Die großen Unterschiede der Big Player

Wer den Weg über eine bereits bestehende Netzsoftware wählt, muss nicht weniger wichtige Entscheidungen treffen. Denn manche Netzsoftware läuft etwa nur als Parallelsystem zur eigenen Praxis-Software.

So etwa Curanet von Health Concept Limited. Die Software arbeitet mit einer zentralen Patientenakte, die mit Daten aus der Praxis-EDV über eine HL7-Schnittstelle gefüllt werden kann.

Das hat den Vorteil, dass sich die Netzärzte nicht auf eine einheitliche Praxissoftware einigen müssen, aber eine gemeinsame Patientenakte nutzen können.

Der Nachteil: Das Arbeiten in zwei parallelen Systemen und das Anstoßen des Datenabgleichs per Hand erfordern etwas mehr Arbeitszeit und bei dem ein oder anderen Netzarzt auch Überzeugungsarbeit.

Andere Systeme lassen sich - ebenfalls per Schnittstelle - direkt in die Praxissoftware integrieren. Das ist etwa mit x.comdoxx von medatixx oder cordoba von CompuGroup Medical möglich.

Allerdings laufen beide Systeme längst nicht mit jeder Praxissoftware. Es kommt immer darauf an, ob der Praxis-EDV-Anbieter die Schnittstelle für die Netzsoftware offenlegt. Und ob der Netzsoftware-Anbieter seinerseits die Anbindung an die jeweilige Praxissoftware ermöglicht.

Andere Netzsoftware-Systeme erfordern, dass die Ärzte im Netz auch alle auf eine einheitliche Praxissoftware umsteigen. Das kann je nach technischer Ausstattung und Größe der einzelnen Praxis mit einem Investment von 5000 bis 10.000 Euro verbunden sein.

So ein Schritt macht aber ohnehin nur Sinn, wenn es nicht zu viele verschiedene Praxissysteme im Ärztenetz gibt. Denn sonst wird der interne Widerstand gegen die Netzsoftware irgendwann zu groß sein.

x.comdoxx: Netze können mit Modulen spielen

Die Netzsoftware des Anbieters medatixx ist als sichere Kommunikationsplattform aufgebaut. Dabei werden die Daten dezentral auf den Praxisrechnern gehalten. Und die einzelnen Module der Software, wie der elektronische Arztbrief, das operative Netzmanagement oder die zentrale Patientenakte lassen sich einzeln erwerben.

Das System beinhaltet mehrere Konfigurationsparameter, über die die Netze etwa eigene Formulare, Ziffern oder Kassenverträge einpflegen können. Die Datenübermittlung erfolgt über ein Virtual Private Network. Alle x.comdoxx-Lösungen sind in die Praxissoftwaresysteme x.comfort, x.concept und x.isynet der medatixx integriert.

Das heißt, Informationen, die via x.comdoxx ausgetauscht werden, bezieht die Vernetzungslösung direkt aus dem medatixx-Praxissoftwaresystem. Außerdem ist die Schnittstelle für das x.comdoxx-Produktportfolio laut medatixx offen, damit können auch andere Praxissoftwarehersteller ihr System an x.comdoxx anbinden.

Weitere Infos unter: www.medatixx.de

M-tnet: Ein Internetanschluss genügt

M-tnet ist eine Netzsoftware, die völlig unabhängig von der Praxissoftware ist. Der Arzt benötigt im Prinzip nur einen Internetanschluss. Die Software ist vergleichbar mit einem E-Mail-System.

Jeder Datenversand wird explizit vom Arzt ausgelöst, der empfangende Arzt muss den Empfang der Daten quittieren. Es lassen sich problemlos Briefe, Befunde etc. versenden und in die Praxis-EDV übernehmen. Der Datenaustausch erfolgt über ein Virtual Private Network.

Weitere Infos unter: www.apm-it.de

IBS: Der Patient bleibt Herr seiner Daten

Die Software basiert auf einem SecureMail-System. Das heißt, die Daten werden verschlüsselt verschickt und müssen vom Empfänger wieder entschlüsselt werden. Damit das funktioniert, schreibt sich der Patient bei seinem Arzt in das Projekt ein und erhält eine Schlüsselkarte.

Mit dieser kann er bei einem anderen Netzarzt die Daten, die über Nacht an den On-Lab-Server übertragen und von dort zum Mitbehandler gesendet werden, für den Arzt freigeben. Zudem ist ein zielgerichteter Versand von Arztbriefen möglich.

Weitere Infos unter: www.onlab.de

Cordoba: Behandlungspfade sind schon hinterlegt

Die Netzsoftware ist modulartig aufgebaut und stellt neben der klassischen gemeinsamen Patientenakte auch Managementtools zur Verfügung. Dabei kann das Netz auch eigene Kennzahlen fürs Netzmanagement einpflegen lassen.

Außerdem können die Netze die Behandlungspfade des Gesunden Kinzigtals nutzen, die bereits in Cordoba hinterlegt sind - es werden aber auch netzeigene Pfade integriert.

Alle Daten werden auf einem zentralen Server gespeichert, der wahlweise in Räumlichkeiten des Arztnetzes, im Rechenzentrum der CompuGroup Medical (CGM) oder einem Trustcenter stehen kann. Die Ärzte werden über telemed.net miteinander vernetzt.

Die sichere Online-Verbindung funktioniere ähnlich wie das KV-SafeNet, erklärt Dr. Florian Fuhrman, bei CGM Deutschland verantwortlich für die Geschäftsentwicklung Arztnetze. Die Anbindung sei auch SafeNet zertifiziert.

Allerdings werden die Datenpakete, bevor sie über den gesicherten VPN-Tunnel verschickt werden, in der Praxis zusätzlich verschlüsselt und auch nur verschlüsselt auf dem Server abgelegt.

Die Software ist in die CGM-Systeme komplett eingebunden. Das heißt, hier arbeiten die Netzärzte in gewohnter Umgebung. Aber auch Ärzte, die keine CGM-Praxissoftware nutzen, könnten mit der Netzsoftware arbeiten, so Fuhrmann. Hier würden die Praxen dann ein Parallelsystem zur eigenen Praxissoftware aufrufen, das über eine Schnittstelle Daten mit der Praxis-EDV austausche.

Weitere Infos unter: www.cgm.com

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