Ärzte Zeitung, 21.05.2010
Auch
Ärzte können rechnen
Von Hauke Gerlof
Es ist ein harter
Kampf, den der Marburger Bund
gerade ausficht. Der Streik soll Lohnerhöhungen und vor allem
eine anständige Bezahlung von Nachtdiensten für die
Ärzte an kommunalen Kliniken bringen. Niedergelassene
Ärzte, die ja selbst einmal die Knochenmühle Klinik
mitgemacht haben, werden die Forderungen mit Sympathie begleiten.
Der Marburger Bund begründet seine Forderungen auch
damit, dass eine attraktive Entlohnung ein Mittel gegen
Ärztemangel sein könnte. Wenn die
Klinikärzte damit Erfolg haben, sollte allerdings klar sein,
dass das auch Folgen für den direkt konkurrierenden ambulanten
Sektor hat.
Als rational handelnde Teilnehmer am Wirtschaftsleben werden
sich Ärzte nur dann niederlassen, wenn sie die Hoffnung haben,
dass sich diese Entscheidung für sie auszahlt, sei es in Form
von höherer Lebensqualität oder von finanziellen
Vorteilen.
Einen finanziellen Vorteil wird es aber nur dann geben, wenn
der Gewinn hoch genug ist. Dieser bemisst sich in erster Linie nach der
Verzinsung des eingesetzten Kapitals und natürlich nach einer
Entlohnung der ärztlichen Tätigkeit.
Die Einkommensmöglichkeiten für
Ärzte außerhalb der Patientenversorgung oder auch im
Krankenhaus schlagen vor einer Entscheidung zur Niederlassung also
direkt zu Buche. Je mehr ein Oberarzt in der Klinik verdienen kann,
desto höher muss der erwartete Gewinn einer Praxis sein. Wer
wissen will, wie rentabel Arztpraxen arbeiten, kommt nicht umhin,
dieses kalkulatorische Arztgehalt mit in die Rechnung einzubeziehen.
Doch in den Statistiken zu den Erträgen von Arztpraxen fallen
diese sogenannten Opportunitätskosten meist unter den Tisch.
Bei der Kalkulation des Punktwertes von 5,11 Cent ist ein
kalkulatorisches Arztgehalt von 105 000 Euro eingeflossen. Der
aktuelle Punktwert liegt weit darunter. Junge Klinikärzte, die
rechnen können, wissen das - und richten ihre Entscheidungen
danach aus.
Wenn jetzt die Gesundheitspolitiker der Union die moralische
Keule schwingen und eine Nullrunde für Vertragsärzte
fordern, ist das politisch verständlich. Aber den Akteuren
sollte bewusst sein: Ein Rezept gegen drohenden Ärztemangel
ist das nicht.
Hauke Gerlof ist stellvertretender Chefredakteur der
"Ärzte Zeitung" und Leiter des Ressorts Praxis &
Wirtschaft. Schreiben
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