Mittwoch, 23. Juli 2014
Ärzte Zeitung, 12.12.2012

Junge Praxisgründer

Adé Einzelkämpfer

Für jeden zweiten Praxisgründer ist mittlerweile die Kooperation die erste Wahl. Das zeigt die Existenzgründeranalyse von apoBank und Zi. Vor allem junge Ärzte bis 40 Jahre entfliehen dem Einzelkämpferdasein.

Von Rebekka Höhl

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Junge Ärzte suchen nicht nur die Zusammenarbeit mit Kollegen. Wenn sie das tun, suchen sie sich meist eine schon bestehende Kooperation.

© CandyBox Images / fotolia.com

DÜSSELDORF. Das leise Sterben der Einzelpraxis? Die aktuelle Existenzgründeranalyse von apoBank und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) lässt dies vermuten.

Denn nahezu jeder zweite Arzt (49,4 Prozent), der im Zeitraum 2010 und 2011 eine Praxis gründete, wählte die Kooperation als Niederlassungsform - bundesweit.

Ein Jahr zuvor - im Zeitraum 2009 und 2010 - waren es noch 46,4 Prozent. Dabei sind Kooperationen in den westlichen Bundesländern zwar beliebter: Hier entschieden sich 2010/2011 immerhin 53,2 Prozent der Existenzgründer für eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) oder eine andere Form des Zusammenschlusses (2009/2011 waren es 50,3 Prozent).

"Aber der Osten holt auf", sagt Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik Graf von Stillfried. Innerhalb von nur einem Jahr sei hier der Anteil der Existenzgründer, die eine Kooperation wählten, von 25 auf 30 Prozent gestiegen.

Es fehlt an jungen Hausärzten

Bedenklich ist, dass die Bereitschaft, sich in einer hausärztlichen Praxis niederzulassen, abnimmt. Denn auch das deckt die Existenzgründerstudie auf: Obwohl sowohl in den alten als auch den neuen Bundesländern die Hausärzte weit über 40 Prozent der Vertragsärzte ausmachen, sind unter den Existenzgründern in den alten Bundesländern nur 27,7 Prozent Hausärzte, in den neuen Bundesländern 30,3 Prozent.

"Es rücken nicht genug Hausärzte nach", kommentiert Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank, das Ergebnis.

"Darin sehen wir eine Gefahr für die wohnortnahe Versorgung." Trotzdem stellen die Hausärzte nach wie vor die größte Zahl der Existenzgründer.

Ein relativ ausgewogenes Verhältnis gibt es hingegen bei den fachärztlichen Internisten. In den alten Bundesländern stellen sie 6,4 Prozent der Existenzgründer und 7,2 Prozent der Vertragsärzte, in den neuen Bundesländern 7,8 Prozent der Existenzgründer und 7,7 Prozent der Vertragsärzte.

Wichtig für Praxisabgeber ist, dass gerade in den alten Bundesländern bei den Existenzgründern mit 41,1 Prozent die Kooperation in der BAG überwiegt. Nur 39,6 Prozent der Nachwuchsärzte waren bereit, eine Einzelpraxis zu übernehmen.

Ein Jahr zuvor waren es noch 42 Prozent. Und auch die Bereitschaft, eine Einzelpraxis neu zu gründen, sinkt in den alten Bundesländern - genauer von 7,7 (2009/10) auf aktuell 7,2 Prozent.

Praxisabgeber müssen sich rüsten

In den neuen Bundesländern stehen die Chancen für Praxisinhaber, eine Einzelpraxis los zu werden, da wesentlich besser. Über 47 Prozent der Existenzgründungen in 2010/11 bestanden dort nämlich aus der Übernahme einer Einzelpraxis.

Aber auch hier ist der Trend zur Einzelpraxisübernahme rückläufig: Ein Jahr zuvor wählten noch 52,9 Prozent der Nachwuchsärzte diesen Weg. Spannend ist, dass in den neuen Bundesländern die Zahl der Einzelpraxis-Neugründungen leicht zulegt: von 21,8 Prozent in 2009/10 auf 22,5 Prozent in 2010/11.

Ärzte, die sich bei der Praxisgründung für eine BAG entschieden, wählten dabei meistens den Einstieg in eine bestehende BAG (19,1 Prozent im Westen, 5,8 Prozent im Osten).

Und noch etwas ist für Praxisabgeber wichtig: Kooperationen liegen insbesondere bei jungen Ärzten im Trend. So haben sich in den alten Bundesländern 56,9 Prozent der Ärzte bis einschließlich 40 Jahre in einer Kooperation niedergelassen.

Das sind 12,8 Prozentpunkte mehr als bei der Altersgruppe 45plus. In den neuen Bundesländern entschieden sich 31,7 Prozent der Ärzte bis 40 Jahre für die Kooperation; in der Altersgruppe 45plus waren es 25,7 Prozent.

"Die Kooperation steht für Flexibilität, fachlichen Austausch und Synergien - genau das suchen viele junge Ärzte", so Stillfried.

Die Datenbasis der Analyse bilden die von der apoBank durchgeführten und auswertbaren Finanzierungen ärztlicher Existenzgründungen. Sie wurden anonymisiert und gemeinsam mit dem Zi statistisch ausgewertet. Die apoBank hat traditionell einen hohen Marktanteil bei Existenzgründungen von Ärzten in Deutschland.

Was kostet den Nachwuchs die Praxisgründung?

Ein Investitionsvolumen auf moderatem Niveau? So beschreibt die apoBank die Kosten, die auf Praxisgründer im Zeitraum 2010 bis 2011 zukamen. Denn für die teuerste Form der Existenzgründung, die Einzelpraxisübernahme, mussten Hausärzte in den alten Bundesländern im Schnitt 161.000 Euro investieren, in den neuen Bundesländern 121.000 Euro.

Die Daten stammen aus der aktuellen Existenzgründeranalyse von apoBank und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). In die Analyse sind alle von der apoBank durchgeführten Finanzierungen von ärztlichen Existenzgründungen im Zeitraum 2010/11 eingeflossen.

Doch Praxisabgeber sollten angesichts solcher Daten nicht gleich einen Jubelgesang anstimmen. Denn die Investitionssumme, die apoBank und Zi ermittelt haben, setzt sich nicht nur aus dem Substanzwert und Goodwill einer übernommenen Praxis zusammen.

Sie beinhaltet auch die Neuanschaffungen, die ein Praxisgründer tätigen muss (in den alten Bundesländern rund 46.000 Euro, in den neuen 27.000 Euro), Bau- und Umbaukosten (in den alten Bundesländern rund 8000 Euro, in den neuen 6000 Euro) und den Betriebsmittelkredit (in den alten Bundesländern ca. 35.000 Euro, in den neuen 29.000 Euro), mit dem das Umlaufvermögen der Praxis vorfinanziert wird.

Als reiner Kaufpreis (Sachwert und Goodwill) kämen somit im Schnitt für eine West-Praxis gerade einmal 72.000 Euro, für eine Ost-Praxis von 59.000 Euro heraus.

Die günstigste Form der Existenzgründung für Hausärzte in 2010/11 war laut der Analyse die Überführung einer Einzelpraxis in eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG). Diese kostete die Ärzte in den alten Bundesländern 116.000 Euro. Für den Beitritt in eine BAG als zusätzlicher Partner mussten Hausärzte in den alten Bundesländern insgesamt 131.000 Euro zahlen, der Einstieg in eine BAG (Austausch von Praxisinhabern) schlug mit 139.000 Euro zu Buche.

Und wer mit mehreren Hausärzten gemeinsam eine BAG übernehmen wollte, musste pro Arzt 148.000 Euro investieren. "Die Zahlen zeigen, dass das vermeintliche finanzielle Risiko einer Existenzgründung überschaubar ist. Der Grund, warum sich immer weniger Hausärzte niederlassen ist also nicht hier zu suchen, sondern in den generellen Rahmenbedingungen", sagt Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank.

Dabei hält der Trend der Nachwuchsärzte, sich eher in der Stadt niederzulassen, an: Mehr als jeder zweite Arzt in den alten Bundesländern hat sich 2010/11 in einer Großstadt selbstständig gemacht, in den neuen Bundesländern waren es 38,8 Prozent.

Nur 2,3 Prozent der Nachwuchsärzte im Westen und 3 Prozent im Osten entschieden sich für eine Landarztpraxis. Aber: Sowohl im Westen als auch Osten legte die Quote um 0,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr zu. Außerdem war die Präferenz der Hausärzte für die Großstadt weniger stark: Im Westen wählten 39,5 Prozent der Hausärzte im Osten 34,1 Prozent die Großstadt als Ort für die Selbstständigkeit.

Eine Chance für Praxisabgeber ist die Tatsache, dass unter den Existenzgründern immer mehr Ärztinnen sind, denn dass die Medizin zunehmend weiblich wird, dürfte niemandem entgangen sein.

"Die Analyse dokumentiert, dass Frauen der Selbstständigkeit offen gegenüberstehen", kommentiert die apoBank in einer Mitteilung das Ergebnis, dass im Westen 45 Prozent und im Osten sogar 61,7 Prozent der Existenzgründer weiblich sind.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ärztinnen starten durch

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[13.12.2012, 10:15:51]
Dr. Michael Freitag 
Einzelkämpfer ist nicht weiblich
Müsste die Überschrift nicht treffender "Adé Einzelkämpferin" heißen? Auch auf dem Bild ist doch zweifellos eine Ärztin abgebildet, trotzdem liest man unter dem Bild "Junge Ärzte suchen...".  zum Beitrag »
[13.12.2012, 07:09:04]
Dr. Christian Schulze 
Kompromissfähigkeit nicht unterschätzen
Bei aller Liebe zur Flexibilität und dem Austausch in der BAG, den ich selbst auch sehr schätze, ist das A&O letztlich aber auch die Toleranz und Akzeptanz gegenüber den Partner und damit die Fähigkeit Kompromisse einzugehen. Scheitert dies ähnlich wie in einer Ehe eben auch, dann kommt es zu Bruch. Daher gute Verträge abschliessen, worin eigentlich nur der potenzielle Bruch geregelt sein muss und festgeschrieben werden sollte, wie die Gewinne zu entnehmen sind. Dann läuft es eigentlich rund. Die BAGs bieten ja auch die höheren Einkommen, weil man das Investitionsvermögen besser ausnutzen kann und dem Patienten kann man längere Öffnungszeiten über das ganze Jahr anbieten. So wird man dann zur Premiumpraxis, die Patienten mit entsprechendem Anspruch überzeugt. zum Beitrag »

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