Ärzte Zeitung, 20.07.2016

Versorgung auf dem Land

Erst eine Anstellung, dann eine ganze Praxiskette

Zweigpraxen helfen bei der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. Was das praktisch für den ärztlichen Betreiber bedeutet, zeigt das Beispiel von Raimund Leineweber aus Schleswig-Holstein.

Von Dirk Schnack

Erst eine Anstellung, dann eine ganze Praxiskette

Allgemeinmediziner Raimund Leineweber mit seinem Team aus der Büchener Praxis.

© Praxis Leineweber

BÜCHEN. Im südöstlichen Schleswig-Holstein hat Raimund Leineweber mehrere Kassenarztsitze aufgekauft und eine kleine Praxiskette gebildet. Neben seiner Stammpraxis in Büchen, wo sich der Facharzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin vor sechs Jahren niedergelassen hat, betreibt er inzwischen fünf Zweigpraxen im Herzogtum Lauenburg.

Darunter sind drei allgemeinmedizinische Praxen in Güster, Kuddewörde und Lauenburg sowie zwei pädiatrische Praxen in Schwarzenbek und Büchen. Leineweber hat damit dazu beigetragen, dass die Praxen in diesen Orten erhalten bleiben.

Angestrebt hatte der Arzt eine solche Praxiskette nicht. Als er für seine Stammpraxis in Büchen eine Ärztin suchte, bekam er zahlreiche qualifizierte Bewerbungen. Als sich zeitgleich für eine Praxis in der Nähe kein Nachfolger fand, entschloss er sich zur Übernahme und zur Besetzung mit zwei angestellten Ärztinnen, die er über die schon vorliegenden Bewerbungen fand.

Ob sich die Kette auch betriebswirtschaftlich für ihn lohnt, lässt sich derzeit nicht abschätzen: "Das fragen Sie mich in zwei Jahren noch einmal", sagt Leineweber.

Fest steht aber, dass der organisatorische Aufwand immens ist. Rund 35 Stunden verbringt er pro Woche in einer Sprechstunde, mindestens weitere 25 Stunden kommen für das Management der Praxiskette hinzu. Insgesamt rund 50 Angestellte, darunter zehn Ärzte, beschäftigt Leineweber in seinen Praxen.

Vor allem Ärztinnen sind interessiert

Fast ausschließlich Ärztinnen interessieren sich für die Tätigkeit und ohne Ausnahme legen diese wert auf Teilzeitarbeit. Die meisten von ihnen wohnen in Hamburg oder Lübeck und pendeln in die Praxisstandorte - hierfür muss der Praxisinhaber zusätzliche Anreize bieten und hat entsprechend höhere Lohnkosten.

Eine weitere Rahmenbedingung, die er berücksichtigen muss: Die Ärztinnen wollen aus familiären Gründen überwiegend vormittags arbeiten. Leineweber widmet sich deshalb vormittags organisatorischen Fragen und ist selbst nachmittags meist voll in der Sprechstunde tätig. Die hohe Nachfrage der angestellten Ärztinnen nach Vormittags-Sprechstunden führen außerdem zu einem erhöhten Raumbedarf mit entsprechenden Kosten.

Leineweber versorgt zahlreiche ältere multimorbide Patienten auf dem Land, was von ihm und seinen angestellten Ärzten einen höheren Zeitaufwand je Patient bedeutet. Dieser Aufwand wird bislang aber nicht über die Abrechnungsziffern abgebildet.

"Da die medizinische Sicherstellung auch auf dem Land nicht verhandelbar ist, braucht es dort auch finanzielle Anreize. Das könnte man mit einer Landarzt-Zulage ausgleichen", sagt er. Seine Forderung ist auch vor dem Hintergrund seiner massiven Investitionen nachvollziehbar.

Er hat für die Kassensitze unterm Strich über 400.000 Euro ausgegeben und weitere 300.000 in Ausstattung und Renovierung investiert. Allein die Lohnkosten für seine Angestellten schlagen über 100.000 Euro monatlich zu Buche. Sein unternehmerischer Mut stößt nicht bei allen Kollegen auf Verständnis.

Die Reaktionen reichen von Verwunderung und Unverständnis bis zu Kopfschütteln mit der Aussage: "Das könnte ich mir nicht vorstellen". Leineweber selbst aber hat die Expansion bis heute nicht bereut. Er hat zwar den anvisierten Zeitaufwand von unter 60 Stunden pro Woche noch nicht erreicht. Trotz des hohen organisatorischen Aufwands sagt er aber: "Ich fühle immer noch mehr als Arzt denn als Unternehmer."

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