Ärzte Zeitung online, 31.08.2016

Impfmanagement

Defizite in Hausarztpraxen Schuld an niedrigen Quoten?

Die STIKO mahnt zu höheren Impfquoten. Doch schlichtes Vergessen ist oft der Grund für eine nicht erbrachte Impfempfehlung von Hausärzten, so eine Umfrage. Hilft ein besseres EDV-Terminmanagement?

Von Matthias Wallenfels

Defizite in Hausarztpraxen Schuld an niedrigen Quoten?

Vergessen, die Patienten an Impfungen zu erinnern: Das ist laut einer Studie ein Grund für niedrige Impquoten.

© Yantra / fotolia.com

BRAUNSCHWEIG. Defizite im Impfmanagement in deutschen Hausarztpraxen legt eine vor Kurzem veröffentlichte Umfrage der Abteilung Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig nahe.

Bei der Pneumokokken-Impfung zum Beispiel gaben die Befragten demnach in gut 70 Prozent der Fälle als Grund dafür an, die Empfehlung vergessen zu haben, bei der Grippe-Impfung nannten rund 50 Prozent diesen Grund.

Des Weiteren wurde sowohl die Pneumokokken- als auch die Grippe-Impfung von jeweils knapp 30 Prozent der Befragten schon einmal nicht empfohlen, weil sie das Risiko einer Infektion für den entsprechenden Patienten als sehr gering eingeschätzt haben.

Für die Erhebung wurden laut HZI Fragebogen an 5000 zufällig ausgewählte Hausarztpraxen in Deutschland verschickt. Darin fragten sie den Kenntnisstand und die Einstellung zu Impfungen bei älteren Menschen sowie deren praktische Umsetzung ab.

Sowohl Ärzte als auch Medizinische Fachangestellte (MFA) wurden darum gebeten, die Fragen zu beantworten. Insgesamt haben sich 16,3 Prozent der Praxen beteiligt. Ihre Umfrage haben die Wissenschaftler im frei zugänglichen Online-Fachjournal BMC Family Practice veröffentlicht.

Keine Impfmuffel

Wie die Umfrage weiter ergab, sind die Praxisteams durchaus keine Impfmuffel. "Die Einstellungen zu den Impfempfehlungen sind bei Ärzten und MFA generell gut", attestiert Carolina Judith Klett-Tammen. Trotzdem bleibe die Weitergabe an die Patienten gelegentlich aus.

Den Schwarzen Peter schiebt sie dabei den Praxis-EDV-Anbietern zu. "Um dem entgegenzuwirken, müsste das Erinnerungssystem in der Praxismanagement-Software verbessert werden", fordert Klett-Tammen. Es gebe zwar bereits entsprechende Recall-Programme, die an ausstehende Impfungen erinnern, doch würden diese noch zu wenig genutzt.

Recalls langfristig planbar

In der Tat erlauben es wohl die meisten Praxis-EDV-Systeme, mit wenigen Handgriffen zielgruppenspezifische Impf-Recall-Aktionen für Kassen- wie auch Privatpatienten zu erstellen.

Wichtig ist der elektronische Vermerk in der Praxis-EDV, wenn Patienten ausdrücklich keine Erinnerungen an Termine wünschen. Denn andernfalls könnten sie sich von gut gemeinten Recall-Aktivitäten belästigt fühlen oder sogar gerichtlich wegen unerwünschter Werbeanrufe gegen Ärzte vorgehen.

Das Recall-Management in der Praxis lässt sich je nach Präventionsmaßnahme sehr langfristig angehen. Wie zum Beispiel bei Tetanus- oder Diphtherie-Impfungen, auf die jeder GKV-Versicherte alle zehn Jahre Anspruch hat.

Da vorangegangene Impftermine von Patienten in der Praxis-EDV dokumentiert sind, können Praxisteams auf Jahrzehnte hinaus Recall-Maßnahmen planen.

Bei kurzwelligen Präventionsangeboten wie der jährlich vorgesehenen Grippeschutzimpfung, auf die viele gesetzlich versicherte Patienten Anspruch haben, kann man die einzelnen Abrechnungsziffern in der Praxis-EDV als Suchbefehle anlegen und sich so individuelle Recall-Listen mit in Frage kommenden Patienten erstellen.

Wer Zweifel hat, ob seine Praxis-Software über diese Funktion verfügt oder nicht weiß, wie diese eingerichtet wird, kann ohne Weiteres Rat über die Hotline seines Anbieters suchen.

Das Recall-Management lässt sich auch bequem auf Selbstzahler übertragen. Analog der Verwendung der EBM-Ziffern kann man sich dabei der GOÄ-Ziffern bedienen, um Recall-Maßnahmen für IGeL-Vorsorgeuntersuchungen wie reisemedizinische Schutzimpfungen zu gestalten.

Bessere Infos von STIKO gewünscht

Anlässlich der jährlichen Aktualisierung ihrer Impfempfehlungen hat die Ständige Impfkommission (STIKO) jetzt unter anderem die Empfehlung der seit 1983 zugelassenen 23-valenten Pneumokokken-Polysaccharid-Impfung (PPSV23) für alle Menschen ab einem Alter von 60 Jahren untermauert.

Der zugrunde liegende Impfstoff schützt vor 23 von insgesamt rund 90 bekannten Pneumokokken-Serotypen. Zudem hat das Robert Koch-Institut beklagt, dass die Empfehlung der Pneumokokken-Impfung für Menschen über 60 zu wenig befolgt werde.

Anscheinend erreicht die STIKO mit der Aufbereitung ihrer Informationen aber nicht immer ihre impfrelevante Zielgruppe der Hausärzte. Denn laut HZI-Umfrage wünschen sich insgesamt zwei Drittel der Ärzte und MFA eine bessere Aufbereitung der Informationen zu Änderungen der offiziellen Impfempfehlungen.

Immerhin gaben 86 Prozent der MFA an, die STIKO-Empfehlungen grundsätzlich zu kennen. "Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass gerade Medizinische Fachangestellte als Vermittler der Impfempfehlungen gezielter unterstützt werden sollten", betont Dr. Stefanie Castell, Ärztin und Epidemiologin am HZI und Letztautorin der Studie.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »