Ärzte Zeitung, 16.08.2011

Kliniken locken mit Kinderbetreuungsoption

Für Klinikärzte mit Familie werden Kinderbetreuungsmöglichkeiten immer wichtiger. Im Klinikum Kassel gehören Teilzeit-Modelle und Kitas bereits zur Unternehmenskultur. Viele Chefärzte müssen aber noch umdenken.

Von Sabine Schiner

Kliniken locken mit Kinderbetreuungsoption

In der Kita des Klinikbetreibers Gesundheit Nordhessen werden Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu dreieinhalb Jahren betreut. Hier kümmert sich Erzieherin Andrea Wolf um Kinder der "Mäusegruppe".

© Gesundheit Nordhessen Holding

KASSEL. Betriebseigene Kitas sind nach Angaben der Ärztegewerkschaft Marburger Bund bei der Stellensuche eines der wichtigsten Auswahlkriterien. Das Klinikum Kassel versucht seit Jahren, Ärzten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Doch mit dem Angebot von Betreuungsplätzen alleine ist es nicht getan, wie das Beispiel Kassel zeigt.

Zweieinhalb und elf Monate alt sind die beiden Kinder von Dr. Thomas Voelker. Er ist Kinderarzt in der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie des Klinikums Kassel.

Beide Kinder werden ganztags in der Kita des Klinikums betreut. "Da wir beide berufstätig sind, ist es für meine Frau und mich sehr angenehm, dass wir hier gleich zwei Plätze für unter Dreijährige gefunden haben", erzählt er. Auch eine Betreuung im Schichtdienst ist möglich.

Ganzjährig von sechs bis halb neun abends geöffnet

Die ganzjährig geöffnete Betreuungsstätte gibt es seit 1973 und bietet Platz für 101 Kinder. Öffnungszeiten sind von sechs Uhr morgens bis 20.40 Uhr abends. Wenn Birgit Dilchert, Personalvorstand der Gesundheit Nordhessen Holding AG, bei Ausschreibungen um Ärzte wirbt, ist die Kita ein Pluspunkt.

Noch vor zehn Jahren sei das anders gewesen, erzählt sie: Ärzte standen damals rund um die Uhr dem Klinikum zur Verfügung. Teilzeitarbeit war allenfalls in der Pflege möglich. In den vergangenen Jahren hat sich das geändert. "Die Berufsgruppe der Ärzte hat sich emanzipiert", betont Dilchert. "Ärzte formulieren ihre Bedürfnisse selbstbewusster."

Auch immer mehr Männer beantragen Elternzeit

Die Holding ist mit 4.700 Mitarbeitern und mehr als 350 Ausbildungsplätzen einer der größten Arbeitgeber der Region. 2004 wurden im Klinikum Kassel Arbeitszeitkonten für Ärzte eingeführt. Es gibt Teilzeitmodelle für Ärzte, einen Springerpool im Pflegebereich und unterschiedliche Schichtmodelle.

"Ich glaube, dass die Vereinbarkeit von Beruf und privaten Interessen zunehmend an Bedeutung gewinnt", meint Dilchert. Auch immer mehr Männer beantragen Elternzeit. "Früher fiel ein Chefarzt bei einem solchen Ansinnen fast vom Stuhl", erinnert sich Elisabeth König, Referentin des Personalvorstands der Holding.

Die Teilzeitquote im gesamten Unternehmen beträgt bei allen Berufsgruppen 50 Prozent, davon sind 78 Prozent Frauen.

Im Klinikum Kassel arbeiten knapp 20 Prozent der Ärzte in Teilzeit. Eine von ihnen ist Kathrin Gräser, Mutter einer anderthalbjährigen Tochter. Die Assistenzärztin am Ludwig-Noll-Krankenhaus in Kassel - das psychiatrische Haus gehört ebenfalls zur Holding - arbeitet wöchentlich 20 Stunden.

Ihr Mann arbeitet zwei Stockwerke über ihr auch als Arzt in Teilzeit. Kathrin Gräser ist zusammen mit einem Kollegen, der 30 Stunden in der Woche arbeitet und einem Psychologen, der eine Vier-Tage-Woche hat, für die Betreuung von bis zu 17 Patienten zuständig.

"Steter Tropfen höhlt den Stein"

Das Modell klappt gut, findet sie. In der Regel kommt sie pünktlich raus. Sie kennt aber auch Kollegen, die Teilzeit arbeiten und unter Strom stehen, weil sie jeden Tag einen Berg unerledigter Aufgaben vor sich her schieben.

Etabliert hat sich das Teilzeitmodell in Fächern wie der Kinderheilkunde, der Anästhesie und der Psychiatrie. Dort gibt es auch mehr Teilzeitjobs als in anderen Abteilungen. "Steter Tropfen höhlt den Stein", lautet die Prognose von Birgit Dilchert. Der Teilzeitgedanke sei keine Einzelmaßnahme, sondern integraler Bestandteil der Personalpolitik.

Auch das Audit "Beruf und Familie" der Hertie-Stiftung bestätige dem Klinikum, dass es eine familienbewusste Unternehmenskultur fördere. "Über Teilzeit im ärztlichen Bereich gibt es heute keine Diskussionen mehr", unterstreicht Dilchert. Für viele alteingesessene Chefärzte sei das ein Kulturwandel.

Doch auch sie werden nicht alleine gelassen, wenn es Probleme mit dem Dienstplan gibt: Demnächst wird ein Workshop angeboten, der mit "Fantasie und Vorstellungsvermögen" praktische Lösungen finden möchte.

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