Ärzte Zeitung, 30.04.2008

Arbeit gibt es genug - doch stimmt das Honorar?

Neues Leben in einer aufgegebenen Hausarztpraxis in Sachsen-Anhalt

MÖCKERN. Im Juli 2007 war das kleine Städtchen Möckern in Sachsen-Anhalt in die Schlagzeilen geraten: Ein 38-jähriger Hausarzt hatte von heute auf morgen seine Praxis geschlossen, weil er unzufrieden mit dem Gesundheitssystem war. Seit 15. Februar ist die Praxis wieder besetzt. Doch aufatmen können die Menschen in Möckern nicht.

 Arbeit gibt es genug - doch stimmt das Honorar?

Seit Mitte Februar praktiziert Pieter Ziems mit seinen Arzthelferinnen Kathleen Wundersitz (links) und Jana Duner in Möckern.

Foto: zie

Von Petra Zieler

In seinen ersten sechs Wochen in eigener Niederlassung hat Dr. Pieter Ziems mehr als 800 Patienten behandelt. "Der richtige Schwung kam mit dem zweiten Quartal Anfang April." Zum einen, weil etliche Patienten nicht mitten im Quartal wechseln und noch einmal zehn Euro bezahlen wollten, zum anderen, weil sich Ende März ein Möckeraner Hausarzt in den Ruhestand verabschiedet hat. Derzeit praktizieren in dem Städtchen im Jerichower Land rechnerisch zweieinhalb Hausärzte, früher waren es fünf.

Eine Ärztin arbeitet an zwei Tagen in der Woche

Nach der plötzlichen Praxisschließung im Vorjahr hatte sich die KV Sachsen-Anhalt (KVSA) um Schadensbegrenzung bemüht und die Magdeburger Allgemeinmedizinerin Regina Wende gewonnen, an zwei Tagen in der Woche Sprechstunden in Möckern abzuhalten. Da es aber unterdessen im Osten des Jerichower Landes keinen Hausarzt mehr gibt, ist die Situation alles andere als rosig. "Um meine Fallzahlen brauche ich mir keine Sorgen zu machen", meint Pieter Ziems lakonisch. "Wie es um das Honorar bestellt ist, bleibt abzuwarten. Die Frage ist doch: Bekommt man sein Tun auch bezahlt? Oder: Wie viel davon geht durch die Budgetierung verloren?"

Für sein erstes Jahr hat die KVSA dem 35-Jährigen, der Anfang des Jahres seine Weiterbildung zum Facharzt abgeschlossen hat, eine Umsatzgarantie in Höhe des Durchschnittshonorars der Allgemeinmediziner zugesagt. "Das ist für mich ein Stück Sicherheit", sagt Ziems.

Seinen Praxissitz hat Peter Ziems in den Räumen des abtrünnigen Arztes völlig neu eingerichtet, einschließlich Labor und EKG. Ein Sonografiegerät ist noch geplant. Nach Abzug aller Kosten, auch der Gehälter für die beiden Arzthelferinnen und eine Hilfskraft, kommt er zu dem Schluss: "Im Krankenhaus hätte ich wohl etwa das Gleiche verdient, und von den Diensten her wäre ich genauso eingespannt wie hier." Aufgrund fehlender Ärzte hatte die KVSA bereits vor einiger Zeit zwei Notdienstbereiche der Region zusammengelegt. "Wir haben zwar weitere Wege, dafür sind wir 13 Kollegen, die sich die Dienste teilen." Für den Allgemeinmediziner ist es in der Aufbauphase dennoch finanziell notwendig, weiterhin drei bis viermal im Monat Notarztdienste im Jerichower Land zu übernehmen.

Vorm Medizinstudium hatte Ziems eine Ausbildung zum Rettungssanitäter abgeschlossen und war dann über Anästhesie, Augenheilkunde und Innere Medizin bei der Allgemeinmedizin gelandet. "Ich denke, die Familienmedizin liegt mir besonders, und Möckern scheint genau das richtige Pflaster", sagt der gebürtige Magdeburger. "Wegrennen zählt nicht", meint er in Anspielung auf den Vorgänger. Und doch gebe es Schmerzgrenzen. "Wenn Arbeit, auch viel Arbeit sich gar nicht mehr lohnt, müsste ich mir Gedanken machen."

Sind Ärzte Leistungserbringer oder Leistungsverbraucher?

Für Ziems käme dann auch der Weg ins Ausland in Betracht. Während seines Studium war er für einige Zeit in Innsbruck und absolvierte mehrere Praktika in Kanada. Angst vor der Fremde habe er nicht. Dennoch möchte er in Deutschland bleiben. "Es ist traurig, dass Ärzte hier mehr als Leistungsverbraucher denn als Leistungserbringer angesehen werden." Niemand berücksichtige zudem, dass jede kleine Arztpraxis ein mittelständisches Unternehmen sei. Nicht einmal im Studium spielten betriebswirtschaftliche Belange eine Rolle. Das sei ein großes Manko.

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