Ärzte Zeitung, 16.05.2008

Praxispartner schaffen sich Raum durch Schichtbetrieb

Neuorganisation als Lösung für Platzprobleme / Arzthelferinnen müssen mitziehen

KÖLN. Beengte Räumlichkeiten können in gut laufenden Praxen zu einem echten Problem werden. Oft muss dann der Wechsel des Standorts in Betracht gezogen werden. Doch einen verkehrsgünstigen Standort mit einem Parkhaus in der Nähe gibt niemand gern auf. Zwei Allgemeinärzte, die einen dritten Kollegen in ihre Praxis holen wollten, fanden einen anderen Ausweg: den Schichtbetrieb.

Von Günther Frielingsdorf

 Praxispartner schaffen sich Raum durch Schichtbetrieb

Fachübergreifende Praxen können von der EBM-Neuregelung profitieren.

Foto: Klaro

Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage für die Ärzte, regelmäßige Überstunden für ihre Mitarbeiterinnen und lange Wartezeiten für die Patienten - so sah der Arbeitsalltag in der Gemeinschaftspraxis zweier Hausärzte schon seit mehreren Jahren aus.

Die beiden Allgemeinmediziner hatten schon des öfteren erwogen, einen weiteren Partner aufzunehmen oder vielleicht auch einen Arzt anzustellen, um die Situation zu verbessern. Das wäre allerdings ohne den Umzug in größere Praxisräume nicht möglich gewesen, hätte im übrigen auch bei Einstellung eines Assistenten erhebliche Kosten verursacht.

Wettbewerbssituation hätte sich drastisch ändern können

Schon jetzt kam es regelmäßig zu Störungen im Praxisablauf, Unmut bei den Patienten und ständige Mehrarbeit, wenn Behandlungsräume durch den einen Arzt noch belegt waren, wenn der andere sie brauchte. Geeignete größere Praxisräume in der Nähe gab es nicht. So wurde der Gedanke an die Aufnahme eines weiteren Kollegen zur Seite geschoben. Als ihnen der nur einige Straßen entfernte, ältere Kollege einer kleineren Allgemeinarztpraxis beiläufig mitteilte, dass er in ein oder zwei Jahren seine Tätigkeit aufzugeben gedenke und jetzt einen Nachfolger suchen wolle, wurde beiden klar, dass unverzüglich eine Lösung gefunden werden musste.

Wenn ein junger, engagierter Kollege die Praxis des älteren Hausarztes übernehmen und modernisieren würde, hätte das für die eigene Praxis über kurz oder lang deutliche Verluste bei der Patientenzahl zur Folge.

Die Situation wurde mit Fachberatern diskutiert, die unter anderem über Erfahrungen aus größeren Einrichtungen verfügten, so etwa über Erfahrungen in einem in einer Nachbarstadt gelegenen, von Ärzten geführten Medizinischen Versorgungszentrum. Auf dieser Basis wurde eine gemeinsame Strategie entwickelt, um dem Platz- und Durchlaufproblem zu begegnen.

Der abgabewillige Kollege arbeitet noch eine Weile mit

Zunächst wurden Gespräche mit dem abgabewilligen Hausarzt geführt, um sicherzustellen, dass dieser seine Praxis im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten an die Gemeinschaftspraxis veräußern würde. Nach der Berechnung seines Praxiswertes durch einen unabhängigen Sachverständigen wurden die drei Ärzte schließlich handelseinig.

Neue Praxiszeiten bescheren den Patienten verkürzte Wartefristen.

Ein Bestandteil des Abkommens, der von allen Beteiligten als großer Pluspunkt geschätzt wurde, war, dass der ältere Kollege noch für mindestens ein Jahr als Angestellter in der erweiterten Praxis arbeitet. Dem älteren Kollegen passte dies im übrigen voll in seine Lebensplanung, nämlich vor seinem Ruhestand frei von unternehmerischer Verantwortung praktizieren und sich ganz auf die Behandlung seiner Patienten konzentrieren zu können.

Für die Suche nach dem neuen dritten Mann ist genug Zeit

Die beiden jüngeren Inhaber ihrerseits schätzten den Vorteil, dass sie bei der Suche nach einem angestellten Arzt nicht unter Zeitdruck geraten sind. Vielmehr können sie sich nun in aller Ruhe bis zum Ausscheiden des angestellten Kollegen nach einem neuen geeigneten Kandidaten umschauen.

Teil der neuen Strategie war, ein angrenzendes Appartement den vorhandenen Räumlichkeiten hinzuzufügen, auch wenn die Umbaukosten erheblich waren. Und weil sich die Fallzahlen durch die Patienten, die aus der übernommenden Praxis hinzukamen, deutlich erhöhten, musste ein neues Zeitmanagement erarbeitert werden.

Es besteht aus einem Drei-Schichten-System, mit dem die Patienten nun viel schneller und effizienter auf die Behandlungsräume verteilt werden können. Erfreulicher Nebeneffekt für die Patienten: Sie haben inzwischen spürbar kürzere Wartezeiten.

Die Praxis bietet ihre Dienstleistungen nun durchgehend an und auch in Zeiten, die ansonsten nur in sehr viel größeren Einrichtungen angeboten werden können.

Das Vorhaben stieß zunächst bei den Arzthelferinnen auf Widerstand. Sie wollten vor allem nicht bis 21 Uhr oder, wie sie fürchteten, sogar noch länger arbeiten. Bis auf eine Mitarbeiterin, die deshalb kündigte, blieben jedoch alle der Praxis treu und haben ihre Entscheidung nicht bereut. Denn im Gegensatz zu früher ist ein pünktlicher Feierabend für sie nun die Regel und nicht die Ausnahme. Und das bedeutet schließlich auch, dass sie während ihrer Frühschicht-Woche jeden Tag ab 14 Uhr frei haben. Zudem erhalten die Mitarbeiterinnen der Spätschicht und der Samstagsdienste eine adäquate Prämie.

Die Arzthelferinnen tauschen auch mal ihre Schicht

Durch die gleichzeitige Einführung eines flexiblen Zeitmanagements, bei dem die Kernzeiten immer besetzt sein müssen, können die Mitarbeiterinnen, soweit es die Betriebsabläufe gestatten, die Zeiten untereinander tauschen, was zu einer sehr großen Zufriedenheit und Mitverantwortung des Personals geführt hat.

Knapp ein Jahr nach der Anstellung des älteren Kollegen und der Einführung des Schichtsystems sind auch die beiden Inhaber mit der Entwicklung ihrer Praxis außerordentlich zufrieden.

Günther Frielingsdorf ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen.

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