Ärzte Zeitung, 05.06.2008

INTERVIEW

Mehr Kooperation mit Kliniken - aber auf Augenhöhe!

FULDA. Was erwarten niedergelassene Ärzte von Kliniken? Mit welchen Marketing-Aktionen können Krankenhäuser auf ihre Einweiser zugehen und sie an sich binden? Drei Ärzte aus zwei Praxen im Umfeld der Kleinstadt Fulda - Dr. Bernd Alles, Dr. Jörg Simon und Dr. Andreas Hölscher - haben diese Fragen aus Sicht der Niedergelassenen beantwortet. Im Interview zeigen sie Perspektiven für eine engere Kooperation zwischen den Sektoren auf - und sie benennen Defizite, die sie im Praxisalltag immer wieder spüren.

Was geschieht in der Klinik mit den Patienten? Niedergelassene Ärzte hätten gerne engeren Kontakt als bisher.

Foto: Bilderbox

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Alles, Herr Dr. Simon, Herr Dr. Hölscher: An Marketing von niedergelassenen Ärzten und auch von Krankenhäusern scheiden sich die Geister. Wie sehen Sie Marketing-Aktivitäten von Kliniken? Sind sie eher ein Beitrag zur Information von Ärzten und Patienten oder ein unvermeidbarer Bestandteil einer Ökonomisierung des Gesundheitswesens?

Dr. Bernd Alles: Ich sehe derartige Maßnahmen - bis auf wenige Ausnahmen - fast immer positiv. Gerade hier in Fulda rühren die Häuser ja kräftig die Werbetrommel, sei es mit Vortragsveranstaltungen für Patienten, mit Zeitungsanzeigen oder auch auf Bussen der Verkehrsgesellschaft. Als Arzt sehe ich die Informationen der Werbung und setze sie dann natürlich in Beziehung zu den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Das ist nicht immer deckungsgleich!

Ärzte Zeitung: Von welchen Marketing-Maßnahmen fühlen Sie sich denn besonders angesprochen? Wie sieht es zum Beispiel mit Qualitätsberichten aus?

Simon/Hölscher: Manche Klinikketten machen das ja schon länger. Ich würde derartige Berichte von jeder Klinik fordern. Das muss dann aber weit über die nackte Zahl der Operationen bei einer Indikation hinausgehen. Ohne eine strikte Standardisierung sind zudem Tricksereien zu leicht möglich. Je nachdem, ob Sie als zeitliche Grenze für Nachblutungen nach Op 24 oder 48 Stunden nehmen, erhalten Sie andere Ergebnisse. Aber wenn es solche standardisierten Qualitätsberichte gäbe, würden wir auf jeden Fall reinschauen.

Alles: Die Verantwortung für den Patienten ist bei der Auswahl der Klinik hoch. In neun von zehn Fällen folgen die Patienten meiner Empfehlung. Da muss die Behandlungsqualität immer der entscheidende Faktor sein. Wichtig sind auch die Erfahrungen, die Patienten in einer Klinik machen - das höre ich dann in den Gesprächen nach der Entlassung und auch über Angehörige im Dorf. Objektivierte Qualitätsberichte vor allem aus operativ tätigen Abteilungen wären eine nützliche Ergänzung.

Ärzte Zeitung: Sie sagten, Qualitätsberichte sollten online veröffentlicht werden. Wie wichtig ist insgesamt ein guter Web-Auftritt einer Klinik?

Alles: Die Patienten reagieren zunehmend interessiert auf die Internet-Auftritte der Kliniken, auch ältere. In der Woche gehe ich vielleicht zehnmal mit einem Patienten zusammen auf die Website einer Klinik oder Reha-Einrichtung. Wenn die Qualität von zwei Kliniken bei der Behandlung und Pflege gleich gut ist, dann kann es schon entscheidend für die Wahl eines Hauses sein, welche Klinik den besseren Web-Auftritt hat.

Ärzte Zeitung: Bei Internet-Auftritten von Kliniken denkt man zuerst an die damit verknüpften Informationen über das Haus. Wie sieht es aus mit Ihren Bedürfnissen, mit Kollegen in der Klinik online zu kommunizieren - und wie ist der Status quo?

Alles: Standard in der Kommunikation nach der Entlassung eines Patienten ist immer noch der handgeschriebene vorläufige Arztbrief zur Entlassung mit Diagnose und Medikamenten. Bis der endgültige Arztbrief da ist, kann es immer noch Wochen dauern. Einmal habe ich den Arztbrief mit der Diagnose "Mykose in der Lunge" ein Jahr nach dem Klinikaufenthalt bekommen - an dem Tag, an dem der Patient an den Folgen dieser Erkrankung gestorben ist. Das ist allerdings schon lange her.

Simon/Hölscher: Die Qualität der vorläufigen Entlassberichte hat sich schon gebessert. Der Anteil im PC verfasster Briefe wird höher. Außerdem bekommen wir heute oft schon die Laborwerte mit der ersten Information mit übermittelt. Die können die Ärzte in der Klinik offenbar inzwischen ohne hohen Zusatzaufwand ausdrucken. Aber es wäre weniger Aufwand, wenn wir die Berichte online bekämen. So kommt der Brief aus dem PC aufs Papier, und wir scannen ihn ein, um ihn abzuspeichern. Muss der Patient dann wieder in die Klinik, drucken wir ihm das Ganze wieder in einem dicken Packen Papier aus. Das könnte man einfacher und günstiger haben.

Ärzte Zeitung: Arztbriefe online, ist das die einzige Online-Anwendung, die Sie sich im Kontakt mit Kliniken vorstellen können?

Simon/Hölscher: Auf keinen Fall! Wir haben eine Portallösung vorgesehen, die es ermöglicht, den Weg der Patienten in der Klinik anhand der Befunde mit zu verfolgen. Vor allem bei sehr schwer erkrankten Patienten oder bei schwierigen Verdachtsdiagnosen ist das interessant und kann im Kontakt mit Angehörigen auch hilfreich sein. Und wenn man auch die Arztbriefe über eine solche Plattform austauscht, könnte das auch für die Kommunikation unter Niedergelassenen genutzt werden. Die Klinik wäre dann sozusagen das Online-Postamt für Niedergelassene. So ein Portal wäre ein echter Wettbewerbsvorteil für eine Klinik.

Ärzte Zeitung: Stichwort integrierte Versorgung: Mittlerweile gibt es mehrere tausend Verträge. Steckt da aus Ihrer Sicht auch Potenzial, die Bindung zwischen Niedergelassenen und Krankenhäusern zu stärken?

Simon/Hölscher: Auf jeden Fall! IV-Verträge bringen Kliniken nicht nur zusätzliches Budget und sollen die Versorgung der Patienten verbessern. Patienten, deren Krankenkasse an dem Vertrag beteiligt ist, gehen dann ja fast ohne Ausnahme an die Klinik im IV-Vertrag, wenn dort die Qualität stimmt.

Ärzte Zeitung: Sind dann auch Entschädigungen für zusätzlich von Niedergelassenen erbrachte Vor- oder Nachuntersuchungen interessant? Oder geht so etwas über die Grenzen ärztlicher Ethik hinaus?

Alles: Von solchen Aufwandsentschädigungen sollte man besser ganz die Finger lassen - zumindest dann, wenn sie letztlich dazu dienen, Einweiser käuflich zu machen. Wenn das bekannt wird, verlieren Sie schnell Ihren Ruf bei den Patienten.

Simon/Hölscher: Wenn es allerdings tatsächlich darum geht, bisher stationäre Leistungen in den ambulanten Bereich auszulagern, dann sieht die Sache schon anders aus. Dann würde im Krankenhaus Geld gespart, und die Niedergelassenen erbringen mehr Leistungen für dasselbe Geld - das kann letztlich auch nicht sein.

Ärzte Zeitung: Welche Bedeutung haben bei der Einschätzung einer Klinik persönliche Beziehungen zu den behandelnden Ärzten?

Alles: Eine sehr hohe Bedeutung. Wenn ich weiß, was der Chirurg am Op-Tisch kann, dann kann ich einen Patienten ohne Sorgen einweisen. Das ist ein gutes Gefühl. Und wenn ich den Chefarzt persönlich kenne, schaut der vielleicht bei meinem Patienten genauer hin, auch wenn der nicht privat versichert ist.

Ärzte Zeitung: Was tun die Kliniken denn dafür, um die persönlichen Beziehungen zu verstärken?

Alles: Da wird nicht viel gemacht. Aktionen wie interdisziplinäre Fortbildungen oder ähnliches gibt es wenig. Persönliche Beziehungen hängen weitgehend vom Zufall ab.

Simon/Hölscher: Es gibt keine speziellen Foren mehr, auf denen man sich als Arzt heute noch trifft und persönlich austauschen kann - so wie früher die Ärztebälle. Ein schönes Mittel der Zuweiserpflege wäre es daher zum Beispiel, wenn einmal im Vierteljahr zwischen Fachkollegen Falldiskussionen organisiert würden. Doch so etwas gibt es leider kaum.

Ärzte Zeitung: Wie könnte ein Krankenhaus Sie in Ihrem Einweiserverhalten direkt beeinflussen?

Alles: Vor allem durch gute Qualität! Wenn die Patienten schnell einen Termin bekommen und zufrieden und gut therapiert wieder aus dem Krankenhaus zurückkommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich dem nächsten Patienten mit einer ähnlichen Indikation wieder dasselbe Krankenhaus empfehle.

Simon/Hölscher: Wichtig ist auch, dass die Ärzte im Krankenhaus eine Medizin in Partnerschaft mit uns betreiben. Sarkastisch könnte man es so ausdrücken: Es wäre doch ein guter "Marketing-Gag", wenn Klinikärzte Niedergelassene als Partner ernst nähmen - mit allen Budgetzwängen und anderen Problemen. Wir sind doch gezwungen zu kooperieren, die Ressourcen im Gesundheitswesen sind knapp. Dann sollten wir es auch über die Sektorgrenzen hinweg tun - aber immer auf Augenhöhe.

Das Interview führte Hauke Gerlof

ZUR PERSON

Dr. Bernd Alles ist Allgemeinarzt mit einer mittelgroßen Landarztpraxis in Großenlüder bei Fulda. Der berufspolitisch im Hartmannbund engagierte Mediziner ist auch Betriebswirt. Fotos (2): privat

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