Ärzte Zeitung, 24.07.2008

Karriereeinstieg in der unterversorgten Ostlausitz

Diakonisches Werk betreibt MVZ in Ostsachsen  / Mediziner schätzen geringe Bürokratie und Kollegialität / Anziehungskraft für polnische Ärzte

ROTHENBURG. In Ostsachsen sieht es mit der ärztlichen Versorgung nur mittelprächtig aus. Das Diakonische Werk hat dort vor einem Jahr ein MVZ eröffnet. Gesucht werden noch bis zu neun weitere Allgemein- und andere Fachärzte.

Von Katlen Trautmann

Plätschernde Wasserspiele empfangen den Besucher im Foyer des Medizinischen Versorgungszentrums Martinshof in Rothenburg in Ostsachsen. Die Ärztliche Leiterin, Dr. Irene Poensgen, schätzt das Haus jedoch nicht allein wegen seiner freundlichen Architektur. "Die Beschäftigung hier beantwortet für mich die Sinnfrage meiner Arbeit", sagt Frauenärztin Poensgen.

Die Versorgung der Bewohner von Martinshof war in Gefahr

Träger des MVZ Martinshof ist das Diakonische Werk, das in direkter Nachbarschaft auch Einrichtungen der Behinderten-, Alten- sowie der Kinder- und Jugendhilfe betreibt und sich auf Demenz-Patienten spezialisiert hat. Die Idee für das MVZ entstand, als mit dem Ruhestand zweier ortsansässiger niedergelassener Mediziner vor vier Jahren die Versorgung der Bewohner von Martinshof in Gefahr geriet.

Im April 2007 wurde das inzwischen als gGmbH geführte Haus eröffnet. "Ich möchte die Arbeit im ,Sackbahnhof‘ an der polnischen Grenze zu einer Karriereleiter für Ärzte machen", sagt Martinshof-Vorstand Hartmut Knippscheer. Dr. Dariusz Rosinski, der Neurologe aus dem nahen Polen, will die kollegiale Atmosphäre nicht mehr missen und die Entlastung von administrativen Aufgaben. "Hier kann ich mehr Diagnostik und Personal vorhalten als in einer Einzelpraxis", sagt er.

Der Arzt praktizierte zuvor überwiegend in Krankenhäusern in Brandenburg und Polen. Im ersten Jahr durfte der Neurologe mangels freier Facharztstellen im Bereich nicht abrechnen, erinnert sich Martinshof-Vorstand Knippscheer. Erst mit Übernahme des Praxissitzes eines Görlitzer Arztes änderte sich das. "Ohne Abrechnung ein Gehalt ein Jahr lang zu zahlen, kann sich nur eine starke Einrichtung wie der Martinshof leisten", weiß Knippscheer.

HNO-Ärztin Benita Krandt kümmert sich wie ihre Kollegen sowohl um Heimbewohner als auch ambulante Patienten. Irene Poensgen schätzt am MVZ nach eigenen Aussagen zeitgemäße Strukturen, professionelles Praxismanagement und weniger Bürokratie. Zehn Jahre lang war sie Einzelkämpferin in der Praxis im 30 Kilometer entfernten Görlitz.

Das MVZ arbeitet papierlos, abgerechnet wird zentral. Apotheke, Sanitätshaus, Labor und Cafetéria sind im MVZ. Die Patienten nehmen das Haus an, loben die kurzen Wege. Ein Shuttlebus bringt Besucher aus Görlitz herüber. Die Kollegen schätzen Poensgen zufolge die Möglichkeit, flexible Arbeitszeiten und -verträge auszuhandeln.

Das Haus hat sich auch ein ethisches Leitbild gegeben. "Wir diskutieren offen über viele Angelegenheiten", erzählt Poensgen. Das habe sie nicht überall gefunden. Die 2,7 Millionen Euro Baukosten für das MVZ zahlte der Martinshof. Drei angestellte Ärzten versorgen derzeit 9000 Patienten. Zudem bietet ein Zahnarzt im Haus seine Dienste an.

Ab September wird ein Allgemeinmediziner das Team verstärken. "Wenn ich noch einen weiteren Allgemeinmediziner bekommen kann, ist er willkommen", wirbt Knippscheer. Auch ein Dermatologe und ein Augenarzt wären im MVZ in der nicht gerade überversorgten Ostlausitz willkommen.

Bis zu neun Ärzte will Knippscheer holen. Seine Arbeit brachte er so auf den Punkt: "Ich bin nicht politisch, doch als größter Arbeitgeber der Region mit 650 Angestellten arbeiten wir politisch."

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