Ärzte Zeitung, 03.03.2009

Allein auf der Insel: Dienst rund um die Uhr

Hausarzt Frank Kortenhorn auf Wangerooge kann nicht mehr: Seit Wochen schiebt er alleine Dienst auf der Insel. "Ich brauche Hilfe", sagt der 41-Jährige verzweifelt.

Von Christian Beneker

Auch Flugzeugabstürze, wie hier im Juli 2007, muss der Inselarzt Frank Kortenhorn bewältigen.

Foto: privat

1000 Einwohner hat Wangerooge. Die und die Feriengäste betreuten bislang Frank Kortenhorn und ein Kollege zusammen. Dann ging der 61-jährige Kollege in Urlaub. Zwei Tage, bevor dieser wieder arbeiten wollte, klingelte bei Kortenhorn das Telefon: Der Kollege war ernsthaft erkrankt und kann wohl seine Praxis nicht weiter betreiben. Da hatte Kortenhorn schon fünf Wochen ohne Unterbrechung Dienst gemacht, inklusive Notdienst.

"Letztes Wochenende habe ich in meiner Praxis bei einer Patientin am Bett gesessen. Sie hatte einen Vorderwandinfarkt und in Jever zog Nebel auf - also: keine Flugrettung", so der Arzt. Wegen Niedrigwassers konnte auch der Rettungskreuzer nicht auslaufen. Er habe also die Nacht in der Praxis bei der Patientin gewacht und sein Bestes getan. Inzwischen gehe es der Patientin gut und sie sei in der Reha. "Und ich habe am Montag wieder normal Dienst gemacht."

Kortenhorn klingt nicht, als wollte er solche Notfalleinsätze vermeiden. Nach einem Flugzeugabsturz im Jahr 2007 nutzte ihm sein rettungsmedizinisches Wissen. Ebenso bei den Badeunfällen, die auf der Insel immer wieder vorkommen. Immerhin hat er Rettungssanitäter gelernt und hat erst dann das Medizinstudium und eine rettungsmedizinische Ausbildung angeschlossen. Dann ist er Internist und Hausarzt geworden. Seit 2006 praktiziert Kortenhorn auf Wangerooge.

Eigentlich waren ihm die 36-Stunden-Dienste schon im Krankenhaus zu viel. "Wenn es hier so weitergeht wie jetzt, schaffe ich die Saison nicht," sagt der Hausarzt mit Blick auf die Touristen, die ab Ostern auf die Insel kommen.

Das Problem war bisher nicht ein etwa ständig überfülltes Wartezimmer. Kortenhorn zählt im Sommer 800 Scheine und im Winter 500. Das Problem ist der Dauerdienst. Wenn Kortenhorn den Sommer jetzt allein stemmen müsste, wäre er mit der Masse der Patienten völlig überfordert. Und er wäre nicht der erste Kollege, der unter Dauerdienst und Patientenflut litte. Ein Vorgänger auf Wangerooge sei mit zwei Schlaganfällen ausgeschieden, der jetzige Kollege sei herzkrank. "Hier sind entschieden zu viele Kollegen kaputt gegangen", sagt Kortenhorn.

Als die Kollegen auf dem Festland hörten, dass bei der ärztlichen Versorgung auf Wangerooge "Land unter" herrscht, fanden sich nach einer Faxaktion spontan zehn Kollegen bereit, den Inselarzt mit Vertretungen zu entlasten. "Aber wie soll ich das alles bezahlen?" fragt sich nun Kortenhorn. Zwar stehe den Inselärzten in Niedersachsen ein Extrahonorar von rund 5000 Euro pro Quartal zur Verfügung, um Vertretungsdienste zu bezahlen, "aber das reicht nicht".

Unterdessen berät die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) darüber, die Sonderzahlungen an die Inselärzte zu erhöhen, wie der Wilhelmshavener KV-Bezirksstellen-Chef Harald Jeschonnek berichtet. Tatsächlich dürften auch die anderen Inselkollegen davon profitieren. Auf Langeoog sei schon seit Monaten eine Praxis vakant. Auf Spiekeroog würde sich das Arztehepaar wohl auch über bessere Vertretungsmöglichkeiten freuen, meint Kortenhorn.

Die Unterstützung der Festlandskollegen dürfte aber nur als zeitlich begrenzte Nothilfe funktionieren. Auch die Fachärzte vom Festland, die Kortenhorn einmal pro Quartal auf die Insel gelockt hat, einen Chirurgen, einen Kinder- Haut- und einen Augenarzt, können dem Notstand nur teilweise abhelfen. "Ich brauche hier einfach einen festen Kollegen", sagt Kortenhorn.

Der Hilferuf des Arztes hat vielleicht schneller Erfolg als gedacht. Kürzlich habe ein Bundeswehrarzt angerufen, der sich für eine Arbeit auf Wangerooge interessiere. Dafür ist es auch höchste Zeit. Denn für Kortenhorn steht fest: "Wenn ich keine Hilfe bekomme, dann gehe ich."

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