Ärzte Zeitung, 18.05.2009

Eine Hausarztpraxis wird zum Stützungsfall

Ärztliche Vergütung zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Eine Allgemeinarztpraxis aus Schleswig rechnet vor, wie die Differenz zustande kommt.

Von Dirk Schnack

Eine Hausarztpraxis wird zum Stützungsfall

"Zusatzhonorar: Wir haben nur 45 Prozent geschafft." Dr. Heike Roth Hausärztin und Praxisnachfolgerin

"Es gibt keine Gewinner im neuen EBM. Es gibt nur Verlierer - die einen verlieren mehr, die anderen weniger." Das sagt Dr. Claus-Dieter Petersen über die Honorarreform. Immerhin: Der Allgemeinmediziner aus Schleswig verliert zumindest nicht mehr finanziell, weil er seine Praxis an Nachfolgerin Dr. Heike Roth abgegeben hat. Petersen ärgert sich dennoch, weil er seiner Nachfolgerin keine Planungssicherheit bieten kann. Der Arzt ist noch nicht ganz aus der Praxis ausgeschieden, er steht noch als angestellter Arzt zur Verfügung.

Die Zahlen, die sich den beiden Ärzten bieten, können sie nicht zufrieden stellen. Der Praxiscomputer weist für das erste Quartal 2009 insgesamt 790 kurative Fälle aus. Bei einer von Petersen simulierten Abrechnung mit 5,11 Cent hätten die erbrachten Leistungen der Praxis ohne rechnerische Richtigstellung durch die KV mit 75 000 Euro honoriert werden müssen. Dass dieses Honorar Wunschdenken bleiben muss, war beiden schon wegen des tatsächlich bei nur 3,5 Cent liegenden Punktwertes klar.

Im ersten Quartal 2008 erhielt die Praxis ein GKV-Honorar von 49 145 Euro. In dieses Quartal fielen im vergangenen Jahr die Osterfeiertage, sodass mit 712 vergleichsweise wenige kurative Fälle abgerechnet wurden. Für das erste Quartal 2009 wurde das RLV der Praxis daraufhin auf 30 000 Euro festgesetzt. Hinzu kommen das Budget für Zusatzleistungen, das bei maximaler Ausschöpfung 7832 Euro betragen könnte, sowie unbudgetierte Leistungen. Insgesamt hätte die Praxis damit auf ein Umsatzvolumen von maximal 44 000 Euro kommen können - was immerhin schon einen Umsatzrückgang von über zehn Prozent ergeben hätte.

Die Statistik zeigt nun, dass dieser Wert nicht erreichbar war. Über die möglichen Honorare für Zusatzqualifikationen können sich Roth und Petersen nur wundern. Nach ihrer Darstellung ist ein Ausschöpfen dieser Budgets bei einem Punktwert von 3,5 Cent nicht möglich. "Wir haben nur 45 Prozent geschafft."

Eine Hausarztpraxis wird zum Stützungsfall

"Viele Praxen, besonders die leistungsstarken, gehen in die Insolvenz." Dr. Claus-Dieter Petersen. Hausarzt und Praxisabgeber

Trotz 790 kurativer Fälle - dies entspricht einer Fallzahlsteigerung von rund elf Prozent - wird das Honorar nach vorläufiger Statistik der EDV bei 39 300 Euro liegen - und damit 20 Prozent unter dem Vorjahresquartal. Wenn diese Rechnung der Ärzte sich als zutreffend erweisen sollte, wird die Praxis von Dr. Heike Roth zum Stützungsfall.

Die KV im Norden hat beschlossen, dass die Verluste im Vergleich zum Vorjahresquartal auf 7,5 Prozent begrenzt werden sollen. Dafür verzichten alle Praxen, die im Vergleich zum Vorjahresquartal mehr Honorar erwarten durften, auf das Plus. Für Roths Praxis würde dies bedeuten, dass sie gestützt auf einen Quartalsumsatz von rund 45 000 Euro kommen wird.

Für Petersen und Roth ist nicht nachvollziehbar, weshalb das Regelleistungsvolumen für jedes Quartal neu berechnet wird, anstatt einen Jahresdurchschnittswert zu bilden. Auch die Festlegung auf die Patientenzahl des Vorjahresquartals stört sie, da eine Leistungssteigerung damit nicht honoriert werde und ein Übergang des Morbiditätsrisikos von den Ärzten auf die Kassen - wie von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt verkündet - ausgeschlossen sei.

Die Talfahrt des Honorars begann mit der Einführung von Komplexen im EBM 2000plus. 2008 wurden die Pauschalen gebildet, die schlechter honoriert wurden als die darin enthaltenen Einzelleistungen. Das RLV 2009 führt diese Abwärtsentwicklung fort. Insgesamt ergibt sich nach Claus-Dieter Petersens Berechnung seit 2004 ein Honorarverlust von 40 Prozent. Er prophezeit: "Viele Praxen, besonders die leistungsstarken, gehen in die Insolvenz."

Die Praxiszahlen in Kürze

Folgende Umsatzzahlen haben Dr. Heike Roth und Dr. Claus-Dieter Petersen für ihre Praxis errechnet:

  • mögliches Honorar bei Einzelleistungsvergütung von 5,11 Cent: 75 696 Euro
  • Honorar 1. Quartal 2008: 49 145 Euro
  • theoretisch möglich im 1. Quartal 2009: 44 000 Euro
  • errechnet im 1. Quartal 2009: 39 291 Euro
  • mit Stützung im 1. Quartal 2009: eventuell 45 459 Euro

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