Ärzte Zeitung, 03.08.2009

Verdacht auf Schweinegrippe? Bitte draußen warten!

Das Zutrittsverbot für H1N1-Infizierte machte eine Hausarztpraxis aus Hannover über Nacht berühmt.

Von Christian Beneker

Per Zufall geriet der Hausarzt Dr. Helmut Beermann aus Hannover in die Presse, weil er besonders umsichtig mit Patienten umgehen wollte, die möglicherweise mit dem H1N1-Virus infiziert sind. Nun er lebter in Sachen Schweinegrippe den Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung und der tatsächlichen Situation.

Zeitungsfotograf löste die mediale Schnitzeljagd aus

Der Hausarzt Dr. Helmut Beermann sorgte mit dem Zutrittsverbot für potenzielle H1N1-infizierte Patienten für Furore.

Foto: dpa

"Also, mein Nachbar ist bei der Fotoabteilung der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", beginnt der Hausarzt zu erzählen, "und der hat mein Plakat an der Tür gesehen." Beermann hatte, wie bereits einige Kolleginnen und Kollegen vor ihm, vorsorglich per Plakat am Praxiseingang versucht, möglicherweise Infizierte von den restlichen Patienten zu trennen. "Ich hatte von den Praxisschließungen gelesen und wollte nicht, dass ich als Kontaktperson gelte und nicht mehr arbeiten darf", erklärt Beermann seinen Schritt. In den Wochen zuvor mussten zwei Kolleginnenin Niedersachsen ihre Praxen schließen, weil sie bei H1N1-Patienten Anstriche gemacht haben, ohne einen Mundschutz zu tragen (wir berichteten).

Das sollte Beermann nicht passieren. Wer nun seine Praxis betreten wollte, las zunächst: "Menschen, die eine Schweinegrippe bei sich für möglich halten, haben keinen Zutritt zur Praxis. Bitte 4X klingeln und in gebührendem Abstand draußen warten!" Der Fotograf kam, las und knipste - und schickte die Bilder zur Deutschen Presseagentur (dpa). "Die haben das sehr wichtig genommen, obwohl ich mich ja von keinem Kollegen irgendwie unterscheide", wundert sich der Hausarzt, "und so hatte ich am Tag darauf einen Anruf von einer weiteren Agentur und Besuch von RTL, SAT 1 und dem ZDF." Beermann fand seine Praxistür wieder in vielen Medien.

KV meldete Bedenken zum Wortlaut der Mitteilung an

Kurz darauf klingelte abermals das Telefon - diesmal war es die KV Niedersachsen (KVN). Sie hatte vom Landesgesundheitsamt einen Hinweiserhalten und erklärte, das Schild sei geeignet, das Ansehen der Ärzteschaft zu schmälern. "Das wollte ich ja nun auch nicht", sagt Beermann augenzwinkernd, "das Wort ,Menschen‘ habe ich nun durch ,Patienten‘ ersetzt und habe angefügt, dass die Maßnahme dem Schutze der Nichtinfizierten dient. "Tatsächlich sei das Schild "berufsrechtlich völlig ok", hieß es bei der KVN, "aber wir dachten, es könnte etwas freundlicher sein. Immerhin hat der Arzt ja auch eine Behandlungspflicht und kann die Patienten nicht der Praxis verweisen."

Nicht nur wegen seiner jähen Bekanntheit hat sich der Kollege selbstverständlich auch auf die tatsächlich Infizierten vorbereitet. "Wir haben so etwas wie einen Notfallplan", sagt Beermann, "wir halten Einmalkittel und FFP3-Masken vor, um auch vor dem aerogenen Risiko durch die H1N1-Viren geschützt zu sein." Man sei darauf eingestellt, dass die Kittel und Masken im Raum bleiben müssen, in dem die Infizierten untersucht wurden und hat für die fachgerechte Beseitigung gesorgt. "Und wenn wirklich sehr viele Schweinegrippe-Patienten in meiner Praxis behandelt werden müssten, dann könnte ich den EKG-Raum umrüsten in einen eigenen Warte-Raum für die infizierten Patienten."

Die Patienten reagierten allesamt positiv und entspannt auf die Aufforderung am Eingang, so Beermann. "Nach meiner Erfahrung kommen aber Patienten mit Grippesymptomen ohnehin nicht in die Praxis. Die legen sich ins Bett und warten auf meinen Hausbesuch - so ist es jedenfalls bei Patienten mit der normalen Grippe immer gewesen." Das Schild hat indes keinen H1N1-Patienten abgehalten, die Praxis zubetreten. Kein Wunder - es gab keine. "Dafür warteten einige Patienten mit Halsschmerzen oder Husten brav vor der Tür. Sie waren nur ein bisschen erkältet."

Allerdings musste der Kollege einiges seiner Zeit hergeben, um nach Medienberichten die Folgen zu verarbeiten. "das hat auch die medizinische Versorgung beeinträchtigt".

Richtig seltsam seien aber die Leute, die ihn jetzt öfter anrufen und am Telefon ihre Verschwörungstheorien vorbringen. "Sie glauben, die Schweinegrippe sei vorsätzlich im vergangenen Herbst gezüchtet worden und werde nur bewusst verbreitet", so Beermann, "manche glaubten, ich sei daran beteiligt und wollten mich sogar anzeigen!" Vergleichsweise harmlos waren dagegen andere Anrufer. Beermann: "Die wollten nur Autogramme."

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