Ärzte Zeitung, 02.11.2009

Schweinegrippe: Viele Ärzte stehen zwischen Verunsicherung und Impfskepsis

Die Haltung vieler Ärzte zur Schweinegrippe-Impfung scheint von den - bislang - milden Krankheitsverläufen geprägt zu sein. Aktiv empfohlen wird die Impfung kaum, sich selbst zu schützen, sehen Ärzte wenig Grund.

Von Hauke Gerlof

Foto GSK, www.fotolia.de

Medizin wird nicht nur bestimmt durch wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie beruht ebenso auf der eigenen Erfahrung, die ein Arzt bei der Behandlung von Patienten macht. Das zeigt auch der Umgang mit dem Thema Schweinegrippe-Impfung durch Ärzte.

Bei einer - nicht repräsentativen - Befragung von Lesern hat die "Ärzte Zeitung" ein Stimmungsbild vom Verlauf der Impfung in den Praxen und von der Haltung von Niedergelassenen zur Impfung eingefangen. Gefragt wurden die Ärzte unter anderem danach, ob sie sich selbst impfen lassen würden und wie sie auf ihre Patienten zugehen.

Das Ergebnis: Die Skepsis scheint bei vielen Kollegen zu überwiegen. Die Neigung, sich selbst impfen zu lassen, ist nicht stark ausgeprägt. Und die Impfung wird offenbar auch nicht sehr offensiv den Patienten angeboten. Aber Patienten, die sich impfen lassen wollen, raten die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen mehrheitlich offenbar auch nicht ab.

Der milde Verlauf bisher lässt viele Ärzte zögern

Wie stark die Erfahrung, die Ärztinnen und Ärzte mit H1N1 gemacht haben, in die Bewertung der Lage einfließt, zeigt sich bei vielen Antworten: "Wir hatten schon fünf positiv getestete junge Patienten in unserer Praxis. Aber eine Therapie war nicht nötig, weil der Krankheitsverlauf sehr milde war", schreibt die Allgemeinärztin Dr. Adelheid Paulwitz aus Neu-Isenburg. Sie wolle sich daher vorerst nicht impfen lassen. "Meinen Mitarbeitern stelle ich es frei, sich impfen zu lassen. Ich gebe auch keine Empfehlung, da zu diesem Thema alle eine eigene Meinung haben", so Paulwitz weiter. Auch ihren Patienten empfehle sie die Impfung nicht. "Bei ausdrücklichem Wunsch rate ich aber auch nicht ab - die Nachfrage ist aber gering", beschreibt sie ihre Vorgehensweise.

Auch Dr. Heinz Oehl-Voss aus Waldbronn bei Ettlingen will sich nicht impfen lassen. Er verstehe wohl, warum die Verantwortlichen so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. "Hätte man vor einem halben Jahr nicht reagiert und der Verlauf wäre kritischer geworden, hätte es sicher schwere Vorwürfe gegeben.

Sich aber zu einem Milliarden-schweren Projekt zu bekennen - das fällt halt schwer", schreibt der Allgemeinmediziner. Die bisherige Lage sei durch einen meist günstigen Krankheitsverlauf charakterisiert gewesen. Oehl-Voss sieht für sich deshalb keinen Sinn darin, sich impfen zu lassen.

Welch tiefe Spuren der Verunsicherung die Debatte um die unterschiedlichen Impfstoffe "fürs Volk" und "für die Regierung" hinterlassen hat, zeigt die Antwort von Dr. Udo Fuchs aus Hamburg. Er werde erst über eine eigene H1N1-Impfung nachdenken, "wenn sich alle Mitglieder der Regierung mit dem ,fürs Volk‘ vorgesehenen Impfstoff impfen lassen".

Er habe sich gegen die saisonale Grippe sowie gegen Pneumokokken selbst geimpft und empfehle die Impfungen auch seinen Mitarbeiterinnen, so Fuchs weiter. Ähnlich gehe er auch bei seinen Patienten vor. Gegen H1N1 impfe er auf Nachfrage, bespreche aber beide Impfstoffe, die auf dem Markt sind.

Die Nachfrage der Patienten ist sehr gering

Er selbst wolle zunächst "abwarten, wie die Impfreaktionen ausfallen", so die Stellungnahme von Dr. Hans-Georg Müller aus Feuchtwangen. Wenn möglich, wolle er einen Impfstoff ohne Adjuvantien beziehen. Er kläre die Patienten über die Impfung auf, aber "die Nachfrage ist gleich null". In seiner ländlich geprägten Gemeinde habe es auch in den Vorjahren nur wenige echte Grippefälle gegeben. Zudem scheine von der aktuellen Form des Virus nur eine geringe Gefährdung auszugehen, so dass die Nutzen/Risiko Abwägung Zurückhaltung auferlege. Bei einer modifizierten, gefährlicheren Virusvariante sei es dagegen "fraglich, ob der Impfstoff noch hilft".

"Impfung ohne Hektik und Panik ist der richtige Weg"

Anderer Meinung ist Thomas Sitte vom Schmerz & Palliativzentrum in Fulda. Er wolle sich zwar nicht selbst impfen lassen, weil er "die Grippeimpfung leider (!) sehr schlecht" vertrage. Aber generell glaube er, "vorbeugen ist besser als bohren". Als überzeugter Impfgegner sollte man es lassen. "Aber mit dieser Klientel muss man nicht unbedingt diskutieren", schreibt Sitte. Eine "Impfung ohne Hektik und Panik" sei vermutlich der richtige Weg. Die Situation sei jetzt aber "so aufgeheizt, dass eine sachliche Auseinandersetzung kaum mehr möglich sein wird". Er sei gespannt, "in welche Richtung die "Ärzte Zeitung" dazu beitragen wird."

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