Ärzte Zeitung, 10.12.2009

Zur Barrierefreiheit ist es noch ein weiter Weg

Einen barrierefreien Zugang zu Gesundheitsdaten wünschen sich Menschen mit Behinderungen. Ein Treffen in Hamburg zeigte, dass ihre Belange noch zu selten berücksichtigt werden.

Von Dirk Schnack

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Trotz geschwungenen Fußes ist der E-Kiosk für Rollstuhl-Fahrer schwer zu bedienen.

Foto: di

HAMBURG. Es hagelte Anglizismen wie Quality Gate, Roll out und Usibility-Test. Als auch noch Fachausdrücke wie Interoperabilität hinzukamen, gab die Zuhörerin entnervt auf. "Ich verstehe gar nichts mehr", seufzte die blinde Besucherin des eHealth Dialogs in Hamburg.

Mit der E-Card können
Behinderte ihre Daten lesen

Sie hatte gerade einen Eindruck davon bekommen, wie Barrieren auch entstehen können. Denn wenn es um Telematik im Gesundheitswesen geht, vergessen Experten oft, dass sie sich nicht in einer IT-Fachkonferenz befinden. Dabei ist es das Ziel der Referenten des eHealth Dialogs im Hamburger Ärztehaus, Barrieren abzubauen.

Trotz des Fachvokabulars gelang es aber, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die auf einen barrierefreien Zugang zu ihren Gesundheitsdaten angewiesen sind: Menschen mit Behinderungen. Eine wichtige Rolle sollen dabei eKioske spielen, an denen die Besitzer der
elektronischen Gesundheitskarte ihre Gesundheitsdaten lesen und verwalten sollen. Bei der Entwicklung der Terminals wurden viele Anforderungen der Betroffenen bereits berücksichtigt. Eine Rollstuhlfahrerin zeigte aber, dass der Teufel oft im Detail steckt. Denn trotz des geschwungenen Fußes der Terminal-Prototypen kann nicht jeder Rollstuhl so an den Bildschirm herangefahren werden, dass eine problemlose Bedienung möglich ist - für sie wäre der Zugang zu ihren Daten auf der Gesundheitskarte erschwert. Die Vertreter der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) luden Menschen mit Behinderungen und ihre Verbände ausdrücklich dazu ein, sich mit solchen Verbesserungsvorschlägen an sie zu wenden, um Defizite ausgleichen zu können.

Diesen problemlosen Zugang zu den Daten forderte auch Karsten Warnke vom Projekt Barrierefrei informieren und kommunizieren (BIK). BIK setzt sich dafür ein, Internet- und Intranetangebote besser zugänglich zu machen und so die Arbeitsplatzchancen von Menschen mit Behinderungen zu verbessern. Warnke machte deutlich, dass sich die Anforderungen je nach Beeinträchtigung stark unterscheiden.

Auch für Praxisinhaber könnten dabei folgende Fragen von Interesse sein:

  • Kann ein Gerät mit nur einer Hand bedient werden?
  • Sind Texte auf einer Homepage für Lernbehinderte zu verstehen?
  • Bekommen Sehbehinderte zu Grafiken auf Internetseiten eine Erklärung?
  • Sind die Farbkontraste auf den Seiten so, dass sie auch für Sehbehinderte noch lesbar sind?

Antje Blumenthal, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in Hamburg, sieht neben technischen Hürden auch Barrieren in den Köpfen vieler Verantwortlicher: Die notwendigen Investitionen zum Abbau von Barrieren werden nach ihrer Beobachtung noch zu häufig als lästige Kosten für eine Minderheit betrachtet.

Barrierefreie Praxis 2009 - das Projekt

Die Stiftung Gesundheit, Betreiberin der Online-Arztsuche www.arzt-auskunft.de, will es Menschen mit Behinderung erleichtern, ein barrierefreies Behandlungsangebot in der gewünschten Region zu finden. In Zusammenarbeit mit der "Ärzte Zeitung" sollen Ärzte sowie weitere Angehörige von Heilberufen für die Problematik der Barrierefreiheit sensibilisiert werden. Weitere Kooperationspartner sind das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und das Online-Gesundheitsportal Lifeline.de. Die Stiftung Gesundheit hat Ärzten, die in arzt-auskunft.de aufgeführt sind, eine E-Mail zukommen lassen. In ihr enthalten ist ein Link zu einem Fragebogen. Über diesen können sich Praxen als barrierefrei registrieren lassen.

www.arzt-auskunft.de

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