Ärzte Zeitung, 29.07.2010

Zukunftsbranche Gesundheit

Die Angst vor der unsichtbaren Hand

Ist unser Gesundheitssystem künftig dem Sozialbereich zuzuordnen, der durch staatliche Eingriffe geprägt ist? Oder geht es eher hin zu Markt und Wettbewerb?

Von Uwe K. Preusker

Das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem sozialen Ausgleich verbinden - so lautet der von dem Nationalökonomen Alfred Müller-Armack im Jahr 1956 formulierte Grundgedanke der Sozialen Marktwirtschaft. In der in der Bundesrepublik verwirklichten Form einer Wettbewerbsordnung, die durch soziale Orientierung und - wo nötig - Flankierung ergänzt wurde, hat sie zu Prosperität und Wohlstand geführt.

Ist es möglich, aus dieser Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft heute Anregungen für die Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems zu beziehen? Ludwig Erhard sah im Markt und im dort herrschenden Wettbewerb das zentrale Leitbild der sozialen Marktwirtschaft. Wettbewerb, so seine Überzeugung, würde als solcher, gebändigt durch eine vom Staat garantierte Wettbewerbsordnung, die die Bildung wirtschaftlicher Machtkonzentrationen - etwa von Monopolen und ihren negativen Auswirkungen - verhindert, zu positiven Ergebnissen führen. Die soziale Ausrichtung der Marktwirtschaft sollte im Sinne des Subsidiaritätsprinzips nur dort, wo sie sonst gefährdet wäre, durch den Staat durch gezielte Steuerung und soziale Interventionen sichergestellt werden.

Die Grundfrage, die heute zu beantworten ist, wenn nach dem Verhältnis von Sozialer Marktwirtschaft und Gesundheitssystem gefragt wird, ist die, auf welche Seite denn das Gesundheitssystem gehört: Ist unser Gesundheitswesen auch zukünftig der Sphäre des schutzbedürftigen und -würdigen Sozialen zuzuordnen, das vom Staat im Sinne des Subsidiaritätsprinzips durch soziale Interventionen sichergestellt werden muss?

Thomas Straubhaar, seines Zeichens Direktor des Weltwirtschaftsinstitutes in Kiel, sieht viele "soziale" Themen zukünftig im Sinne eines Perspektivwechsels als Themen der Wirtschaftspolitik und nicht der Sozialpolitik - darunter auch die Gesundheitspolitik. Dann aber müssen die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft auch auf die Gesundheitspolitik angewandt werden. Straubhaar zählt dazu neben Wettbewerb und Veränderungsbereitschaft vor allem die strikte Trennung von sozialen Themen einerseits und (markt-)wirtschaftlichen Themen andererseits.

Gut verdeutlichen kann man das am Beispiel des Wettbewerbs: Er ist durch die damit verbundenen Suchprozesse nach den besten Lösungen eine Chance, für die Gesellschaft insgesamt Vorteile und Wachstum zu erreichen. Gegenwärtig stellt Wettbewerb dagegen vor allem eines dar: eine Bedrohung des Besitzstandes jedes einzelnen Players im Gesundheitssystem! Und - Hand aufs Herz - davor haben wir alle Angst!

Die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft aber waren nicht erfolgreich, weil sie die Verhältnisse zementiert und Veränderungen verhindert haben, sondern weil sie genau das Gegenteil taten: Sie waren Ermöglicher und Ermutiger, immer neue, noch bessere Wege zu suchen, die am Ende der Gesellschaft insgesamt zugutekamen.

[29.07.2010, 08:26:27]
Helmut Karsch 
Das Marktgeschrei
Das ständige rufen nach Markt und Marktgeschehen jenseits dessen um was es geht ist schon lange keine Utopie mehr und wird sichtbar, wenn sich die größte Krankenkasse "Gesundheitskasse" nennt, um Marktvorteile zu erringen. Ökonomisch ist das sinnvoll, denn es ist wirtschaftlicher, Gesunde als Kranke zu versichern.
Das ist die neue Welt der Gesundheitsversorgung: Der selbstbewusste Kunde, ehemals Patient, schlendert lässig über den Gesundheitsmarkt und prüft die verschiedenen Angebote sorgfältig, bevor er sich für eine Leistung entscheidet. Leistungserbringer, ehemals Ärzte oder Therapeuten, werben mit ihren Angeboten um Kunden und stellen sich verschärftem Wettbewerb untereinander. Patienten und Therapeuten, Leiden und Behandlung, sind aus dem Blick geraten; Leiden würde das freie Spiel ökonomischer Kräfte stören. Problematisch an dieser Vision ist, dass sich das Leiden nicht aus dem Leben entfernen lässt, weil es unvermeidlich dazugehört und alle Menschen früher oder später auf helfende Begleitung (Therapie) angewiesen sind.
Der Zynismus des Neusprechs wird besonders deutlich, wenn anlässlich der Proteste ein Sprecher des Gesundheitsministeriums Therapeuten und Ärzte drohend auffordert, sie sollten nicht vergessen, dass sie "ihre Kunden frei Haus geliefert" bekämen. In der Sprache der Krankenbehandlung, in der Welt des Leidens und seiner Behandlung ist das eine höhnische Beschreibung. Sie steht in schamlosem Kontrast zur Erfahrung eines leidenden Menschen, der sich mit Schmerzen und Angst, vielleicht unter Überwindung von Scham, einem helfenden Begleiter (Arzt, Therapeuten) anvertraut, das heißt sich in Behandlung begibt, weil er sich selbst nicht mehr zu helfen weiß.
Genau aus diesen Gründen sagte der an der Princeton University als Professor für Ökonomie und Internationale Angelegenheiten lehrende Paul Krugman "Free market doesn't work for health insurance, and never did"
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