Ärzte Zeitung, 18.10.2010

Betriebsärzten macht die Überalterung zu schaffen

Das könnte in mancher Firma eine empfindliche Lücke hinterlassen: Mehr als die Hälfte der Betriebsärzte hier zu Lande ist über 60 - Nachfolger werden vergeblich gesucht. Auf ihrem Kongress in Ulm rührten die Betriebsärzte bei Jungärzten nun kräftig die Werbetrommel.

Von René Schellbach

Betriebsärzten macht die Überalterung zu schaffen

Grippeimpfung bei Volkswagen: Was hier noch mit festem ärztlichen Personal Routine ist, könnte in nicht all zu ferner Zukunft bald Seltenheitswert erlangen.

© dpa

ULM. Menschen helfen ohne viel Bürokratie - das wünschen sich Medizinstudenten. Der Alltag in Praxis oder Klinik sieht jedoch - das zeigt die Erfahrung - häufig anders aus. Eine Alternative bietet die Tätigkeit als Betriebsarzt. Davon ist Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), überzeugt. Der Verband vertritt die Interessen von rund 3000 hauptamtlichen Betriebsärzten.

Wie andere Disziplinen auch, macht den Betriebsärzten der demografische Wandel zu schaffen. Denn fast die Hälfte aller Arbeitsmediziner in Deutschland ist älter als 60 Jahre und Nachwuchs ist nicht in befriedigendem Maße in Sicht.

Betriebsärzte sehen sich als "Fachärzte für Prävention"

In Deutschland praktizierten rund 50 verschiedene Facharzt-Disziplinen, so Panter, bei denen ohne Ausnahme die kurative Medizin im Vordergrund stehe. "Es gibt nur einen Facharzt für Prävention", wirbt Panter für den eigenen Berufsstand.

Beim Betriebsärzte-Kongress in Ulm kritisierte er, dass viel mehr Geld in die Reparatur gesteckt werde als in die Prävention. Gesundheit habe längst nicht mehr nur mit persönlichem Wohlbefinden zu tun, sondern auch mit der Stärke einer Volkswirtschaft.

Im Fokus: das betriebliche Gesundheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement umfasst nach Angaben des Verbandes der Deutschen Betriebs- und Werksärzte (VDBW) nicht nur den Arbeits- und Gesundheitsschutz zur Verhütung von arbeitsbedingten Unfällen und Erkrankungen. Ebenso wichtig sei die Stärkung der Gesundheit sowohl von gesunden als auch kranken Mitarbeitern. Die Zielgruppe sei deshalb die gesamte Belegschaft. Arbeitsmediziner benötigen daher laut VDBW neben fachlichem Wissen auch diplomatisches Geschick.

Die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) erinnerte auf dem Kongress daran, dass psychische Erkrankungen durch Stress, Mobbing und Umstrukturierungen in den Betrieben "enorm zunehmen". Außerdem werde die Gesellschaft immer älter.

Damit werde ein umfassendes Gesundheitsmanagement für Firmen immer wichtiger. Sie forderte "Prävention und Eigenverantwortung der Beschäftigten." Das Ministerium will Initiativen vernetzen, ein eigenes Förderprogramm gibt es jedoch nicht.

Betriebs- und Werksärzte erreichen auch Menschen, die nicht zum Arzt gehen - mit diesem Argument wollte Panter eine Lanze für seine Profession brechen. In vielen großen Unternehmen funktioniere die Prävention bereits. "Wir müssen aber erreichen, dass betriebliches Gesundheitsmanagement auch in kleinen und mittleren Firmen ein Thema wird", forderte Panter. Er glaubt, dass die Betriebsärzte immer mehr zu Gesundheitsmanagern werden.

Vergangenes Jahr hat der VDBW die Initiative "docs@work" gestartet. Mit dem Projekt sollen junge Ärzte einen Einblick in den Beruf des Betriebsarztes bekommen. Dazu hatte der Verband einen Wettbewerb ausgeschrieben.

52 junge Ärzte beteiligten sich dieses Jahr, acht davon wurden ausgewählt. Zwei Tage lang besuchten sie Betriebe in der Region Ulm und mussten in Teams arbeitsmedizinische Aufgaben meistern. Auf dem Kongress berichteten sie über ihre Erfahrungen: Der Beruf sei interessanter als das, was sie im Studium darüber gelernt hätten. Gefallen hat den jungen Ärzten besonders, dass Betriebsärzte multidisziplinär und relativ unabhängig arbeiten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Betriebsmedizin ist Chance für Praxen

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