Ärzte Zeitung, 09.12.2010

Medizinerausbildung auf dem Prüfstand

Wie lässt sich die Ausbildung des Medizinnachwuchses verbessern? Und auf welche Prüfungsarten sollten Unis umsteigen? Fragen, denen jetzt die Charité nachgeht.

Von Eugenie Wulfert

Medizinerausbildung auf dem Prüfstand

Professor Manfred Gross von der Charité will die Nachwuchsmediziner besser auf die ärztliche Tätigkeit vorbereiten.

© wul

BERLIN. Das im Oktober offiziell eröffnete Dieter Scheffner Zentrum hat sich ein großes Ziel gesetzt: Es will die medizinische Ausbildung evaluieren und professionalisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, will man in dem Zentrum die evidenzbasierte fakultätsübergreifende Ausbildungsforschung vorantreiben. Die Einrichtung soll nun in nur wenigen Jahren zu einem bundesweiten Referenzzentrum für die medizinische Lehre avancieren. "Von der umfangreichen Expertise an der Charité sollen alle Medizinischen Fakultäten in Deutschland profitieren", erklärt Professor Manfred Gross, Prodekan für Studium und Lehre an der Charité.

Benannt ist das Zentrum nach dem langjährigen Dekan der Medizinischen Fakultät der Charité, Professor Dieter Scheffner. Er gilt als Vater des Reformstudiengangs Medizin, in dem seit 1999 jährlich 63 Studierende praxisnah ihr Handwerk erlernen können.

Was fehlt, sind einheitliche Standards an den Unis

In der Tat ist die Datenlage zur Qualität der Lehre an den Medizinischen Fakultäten derzeit eher mangelhaft. Es gibt viele Fakultäten, die Reform- und Modellstudiengänge anbieten. Die Universitäten scheinen also erkannt zu haben, dass die Medizinerausbildung nicht zeitgemäß ist. Während es Jahrzehnte lang hieß, dass in den ersten zwei Jahren Theorie gepaukt wird, können viele Studierende hier nun nach kurzer Zeit ihren ersten Patienten untersuchen. Von Beginn an sollen die angehenden Mediziner wissen, in welchem Kontext die Theorie mit den realen Patienten steht. Nationale Standards für die medizinische Ausbildung gibt es aber nicht.

Deshalb soll im Dieter Scheffner Fachzentrum Kooperation - sowohl nationale als auch internationale - eine große Rolle spielen. Unter anderem sollen Expertengruppen gebildet werden, denen auch Mitglieder anderer medizinischer Fakultäten angehören. Zurzeit gibt es zehn Kompetenzbereiche mit insgesamt 48 Mitarbeitern, die neue Konzepte für Lern-, Lehr- und Prüfungsmethoden entwickeln. Dazu gehören beispielsweise das Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten, das Simulationspatientenprogramm und die Bereiche "Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit" und "Assessment".

Berlin hat beides: Regel- und Modellstudiengang

Mit welcher Gruppengröße kann man die besten Ergebnisse erzielen? Welche Prüfungsarten haben die größte Validität? Wie kann die Lehrkompetenz gefördert werden? Diese und viele andere Fragen sollen hier erforscht und beantwortet werden. "Wir wollen die Qualität der Krankenversorgung durch eine verbesserte Ausbildung steigern", erklärt Gross. "Unser ärztliches Personal soll in Zukunft viel besser auf die ärztliche Tätigkeit vorbereitet sein". Dabei können die Forscher auf die Erkenntnisse der drei Berliner Medizinstudiengänge zurückgreifen: den Regel-, den Reform- und den neuen Modellstudiengang. Gross: "Durch diese besondere Situation an der Charité haben wir hervorragende Ausgangsbedingungen für Vergleichsstudien."

Der erst im Wintersemester 2010/11 gestartete Modellstudiengang soll nach und nach die beiden anderen ablösen. Gross zeigte sich zuversichtlich, dass die praxisorientierten Inhalte des Reformstudiengangs durch die Verschmelzung mit dem Regelstudiengang erhalten bleiben. Dazu gehöre, dass vom ersten Semester an klinische Inhalte vermittelt werden. Außerdem stehen soziale und kommunikative Kompetenz auf dem Stundenplan. "Wir werden versuchen, das kognitive Wissen auf das Nötigste zu beschränken", so Gross. Die Umsetzung des gesamten Studiengangs soll im Dieter Scheffner Fachzentrum nun wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt werden.

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