Ärzte Zeitung, 08.03.2011

Eine Ärztin bricht mit alten Klischees

Als Frau eine proktologische Praxis zu führen - die Ausbilder von Dr. Hannelore Held-Sporleder hatten ihre Bedenken. Zu Unrecht: Nicht nur bei Patientinnen findet die Ärztin Zuspruch.

Von Dirk Schnack

Eine Ärztin bricht mit alten Klischees

Sie ist niedergelassene Proktologin und behandelt ausschließlich privat: Dr. Hannelore Held-Sporleder.

© Schnack

KRONSHAGEN. Frauen sind unter den niedergelassenen Proktologen noch immer Ausnahmen. Ausschließlich privatärztlich tätige niedergelassene Proktologen ebenfalls - Dr. Hannelore Held-Sporleder ist beides.

Die in Kronshagen bei Kiel niedergelassene Ärztin hätte sich diese Exotenrolle als junge Arzthelferin in den achtziger Jahren selbst nicht vorstellen können. Damals arbeitete sie für den einzigen niedergelassenen Proktologen in ganz Schleswig-Holstein überhaupt.

Später entschloss sie sich, über das Abendgymnasium das Abitur nachzuholen, um anschließend in Kiel Medizin zu studieren. Schon dieser Werdegang ist außergewöhnlich, konnte sie sich doch erst relativ spät niederlassen.

Die heute 60-jährige Ärztin wollte eigentlich in die Dermatologie oder als praktische Ärztin arbeiten. Dann aber überzeugte sie ihr früherer Chef Dr. Henning Ostertun, in seine Praxis mit einzusteigen.

Ostertun hatte seine Privatpraxis 1972 gegründet. Kassenärztliche Niederlassungen in der Proktologie gab es damals noch nicht. Als später Kassen daran Interesse zeigten, lehnte Ostertun ab.

Seit seinem Ruhestand 2000 führt die Ärztin die Praxis allein. Über eine Kassenzulassung hat sie damals zwar kurzzeitig nachgedacht, diesen Gedanken aber schnell verworfen - und hat es bis heute nicht bereut.

Das liegt allerdings nicht daran, dass sie als rein privatärztlich tätige Ärztin besser verdienen würde, wie vielleicht manche ihrer Kollegen fälschlicherweise vermuten.

"Ich glaube nicht, dass ich besser verdiene als mit einer Kassenzulassung. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mir die Zeit für meine Patienten nehmen kann, die wir brauchen", sagt Held-Sporleder.

Fest steht, dass die Konkurrenz an niedergelassenen Proktologen inzwischen ungleich größer geworden ist, aber kaum einer den Schritt in die Niederlassung ohne Kassenzulassung wagt.

Die aus dem Westerwald stammende Ärztin hat nicht nur mit falschen Vorstellungen ihrer Kollegen über die Verdienstmöglichkeiten einer Privatpraxis zu kämpfen.

Nach dem Ausstieg ihres Praxispartners profitierte sie zwar vom bestehenden Patientenstamm, musste jedoch bei den männlichen Patienten erfahren, dass sich nicht jeder von einer Ärztin behandeln lassen wollte. Allerdings war es längst nicht so dramatisch, wie man es ihr in der Ausbildung prophezeit hatte.

Damals hatten ihre männlichen Ausbilder gemutmaßt, dass sich Männer gar nicht mit ihren Darmproblemen an eine Frau wenden würden. Um neue männliche Patienten, die den Vornamen nicht beachtet haben, bei ihrem Eintritt nicht zu schockieren, informieren die Mitarbeiterinnen die männlichen Patienten schon bei der Anmeldung, dass es sich um eine Ärztin handelt.

Und: Umgekehrt profitiert sie von diesem zum Teil bestehenden Schamgefühl zwischen den Geschlechtern. Immer mehr weibliche Patienten kommen zu ihr, weil sie mit Darmerkrankungen nicht zu einem männlichen Arzt gehen möchten. Viele von ihnen suchen in Ärzteverzeichnissen gezielt nach einer Frau, der sie sich anvertrauen können.

Auch über Mund-zu-Mund-Propaganda und über die Empfehlung von niedergelassenen Gynäkologinnen finden viele Patienten den Weg zu der niedergelassenen Proktologin.

Eine andere Besonderheit der Praxis ist die ausschließlich konservative Behandlung, während insgesamt die Chirurgie im Fach dominiert. Viele Patienten von Kollegen mit Kassenzulassung kommen zu ihr, um sich eine zweite Meinung anzuhören.

Der Anteil der Kassenpatienten, die die Leistungen in ihrer Praxis selbst bezahlen, liegt bei rund 20 Prozent des gesamten Patientenstamms.

Zu den Leistungen zählen neben der konservativen Behandlung von Enddarmerkrankungen unter anderem die Untersuchung und Behandlung von Divertikulose sowie von akuten und chronischen Dickdarmentzündungen, Diagnostik und Therapie analer Inkontinenz, Behandlung funktionaler Verdauungsstörungen, Vorsorge, Colon-Hydro-Therapie und Kinesio-Taping.

Ein wichtiges Instrument zur Patientenbindung ist in ihrer Praxis das Personal. Ihre angestellten Mitarbeiterinnen Doris Neubert und Sigrid Benckendorff sind beide schon seit Jahrzehnten in der Praxis.

Doris Neubert kennt ihre heutige Chefin sogar noch als Kollegin und Arzthelferin. Neben der vertrauten Umgebung für die Patienten setzt die Praxis auf penible Einhaltung der Termine, die werktags ab 7 Uhr morgens vergeben werden. Wartezeiten gibt es daher in der Praxis keine.

Einziger Mann im Team ist Dietmar Sporleder, der seit seiner Pensionierung in der Praxis seiner Frau als QM- und Hygienebeauftragter angestellt ist. Wie lange die Proktologin ihre Privatpraxis noch führen wird, steht noch nicht fest.

Vorstellen kann sie sich, dass sie wie ihr Vorgänger die Praxis teilweise parallel mit einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin gemeinsam führen wird.

www.proktologie-kronshagen.de

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