Ärzte Zeitung, 07.10.2011

Der Standpunkt

Die stille Form der Rationierung

Valide Informationen zur Situation bei Arzneimittelregressen sind nur schwer zu bekommen. Diese Intransparenz ist gewollt, um Vertragsärzte in ihrem Verordnungsverhalten zu disziplinieren. Die Ärzte aber werden in ihrer Angst vor Regressen im Schraubstock zwischen den politischen Vorgaben und dem Anspruch der Patienten auf eine Behandlung nach Therapiestandard allein gelassen, meint Hauke Gerlof.

Die stille Form der Rationierung

Der Autor ist stellv. Chefredakteur und Ressortleiter Wirtschaft der "Ärzte Zeitung". Schreiben Sie ihm: hauke.gerlof@springer.com

Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten versuchen Politiker nahezu aller Parteien, die Menge der verordneten Arzneimittel mit Hilfe von Panikmache und Psychodruck auf Vertragsärzte zu steuern. Ein Mittel dazu ist ein Mangel an Transparenz darüber, wen es trifft - und in welcher Höhe.

So brachte zuletzt selbst die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Grünen-Fraktion zu Arzneiregressen kaum valide Informationen. Es gab einige Zahlen, die darauf hindeuten, dass weniger als ein Prozent der verordnenden Ärzte tatsächlich von Regressen betroffen sind, wobei im Durchschnitt 30.000 Euro vor Beginn des Beschwerdeverfahrens gefordert werden.

Wieviel die betroffenen Ärzte am Ende tatsächlich gezahlt haben, darüber gab es keine Auskunft.

Diese Intransparenz ist Teil des Systems. Dahinter steht letztlich eine Politik des Misstrauens, auch von KVen und KBV ihren eigenen Mitgliedern gegenüber. Das Bedrohungspotenzial durch Regresse wird aufgebaut - in der Annahme, dass dadurch das Verordnungsverhalten der Ärzte diszipliniert wird. Dass die Bedrohung nichts als ein Papiertiger ist, das sollen die Betroffenen gar nicht wissen.

Doch der einzelne Arzt wird mit seiner Angst im Schraubstock zwischen Politik und dem zivilrechtlichen Anspruch des Patienten auf eine Behandlung nach Therapiestandard - also nach den geltenden Leitlinien - allein gelassen.

Und wer schon einmal ein Regressverfahren am Hals hatte, der weiß, wie hoch der Aufwand ist, nachzuweisen, dass die eigenen Verordnungen medizinisch indiziert und wirtschaftlich waren. Wer nicht auffällig werden will, wählt den Weg der stillen Rationierung.

Dass die gefühlte Bedrohung inzwischen so weit reicht, dass Jungärzte davor zurückschrecken, sich niederzulassen, hat die KBV-Spitze mittlerweile erkannt und fordert deshalb, dass die Regresse endgültig vom Tisch kommen.

Die Formel "Beratung vor Regress" aus dem Versorgungsstrukturgesetz ist noch keine Lösung. Doch auch das ABDA/KBV-Modell mit dem Medikationskatalog und letztlich der Aufgabe der ärztlichen Therapiehoheit verspricht keine nachhaltige Remedur.

[07.10.2011, 13:48:09]
Dr. Jürgen Schmidt 
Die Faust in der Tasche lassen!
In Praxi ist es mit wenigen Ausnahmen vollstreckter "Regresse" wohl bei der Drohgebärde geblieben. Gleichwohl ist Widerstand geboten.

Würde sich einer der vor den Sozialgerichten gelandeten Fälle für eine höchstrichterliche Prüfung eignen, ließe sich die Verfassungsmäßigkeit prüfen. Unterstützung wäre dem Betroffenen gewiss.
Da sich dieser Weg bislang als nicht fruchtbar erwiesen hat, sich aber die harte Position des Gesetzgeber unter der gegenwärtigen Regierung aufzuweichen beginnt, muss man Möglichkeiten ausschöpfen, dem Ziel, die Regresse aus dem SGBV zu kippen, auf andere Weise näher zu kommen.
Das ABDA-KBV-Konzept, so nachbesserungsreif es auch erscheinen mag, ist ebenso ein Ansatz wie die vagen Formulierungen im neuen Versorgungsgesetz.

Grundsätzlich muss man sich darüber im klaren sein, ob man dem Gesetzgeber trotz allen Unmutes mit ausgestreckter Hand entgegen gehen will, oder im Zorn nach den Waffen greift - die sich schon allzu oft als stumpf erwiesen haben. Die Lösung ist das Ziel. Daran mit Bedacht und Besonnenheit mitzuwirken ist wichtiger als Dampf abzulassen. zum Beitrag »
[07.10.2011, 10:57:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schere im Kopf
Der Begriff "Regress" im Zusammenhang mit ärztlicher Arzneimittelverordnung ist auch semantisch ein Wortungetüm. Es heißt im juristischen Sinn "Rückgriff eines ersatzweise handelnden Schuldners auf den Hauptschuldner". Denn der philosophisch-logische Regressbegriff als "das Zurückschreiten des Denkens vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Bedingten zur Bedingung, von der Wirkung zur Ursache" ist hier eher nicht gemeint. (Quelle: Duden, Fremdwörterbuch)

Aber logisch ist es keineswegs, den Arzt/die Ärztin für die krankheitsbedingte Medikamentenverordnung seines Patienten haftbar zu machen. Grob fahrlässiges oder vorsätzliches Handeln natürlich ausgenommen. Ärzte können und dürfen sich die Schwere und Umfänglichkeit der Patientenkrankheiten nicht aussuchen, eine Risikoselektion wäre unethisch. Die Regressandrohung ist und bleibt allerdings auch eine "Schere im Kopf". Bei ärztlichen Fortbildungen immer wieder abgebildet durch die Frage: "Mit welchen Medikamenten würde Sie sich s e l b s t behandeln, wenn Geld keine Rolle spielen würde?"
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