Ärzte Zeitung, 08.10.2011

Landposse um Ambulantes Versorgungszentrum

Übernimmt eine Klinik einen Praxissitz, sollte darüber sensibel und sorgfältig kommuniziert werden. Die Bad Segeberger Kliniken haben das bei der Gründung ihres Versorgungszentrums offenbar unterschätzt.

Von Dirk Schnack

Landposse um Ambulantes Versorgungszentrum

Auf Patientensuche: die AVZ-Ärzte Hendrik Kühl, Dr. Wiebke Meßer und Dr. Achim Dehne (v.l.).

© di

BAD SEGEBERG. Die privat geführte Bad Segeberger Klinik muss zur Eröffnung ihres Ambulanten Versorgungszentrums (AVZ) Negativschlagzeilen wie etwa "Eine Praxis, die nicht nur Freude schafft" in der örtlichen Presse verkraften.

Auslöser sind gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Klinik und abgebendem Arzt. Der ist bis heute innerlich aufgewühlt von den Auseinandersetzungen um seinen Praxissitz.

Arzt unterrichtet Klinik über freien Praxissitz

Dr. Folker Eckardt bezeichnet sich selbst als "etwas derb und handfest, wie einen "Chirurgen von altem Schlag". Als solcher fühlte er sich auch den Verhandlungen um seine Praxisübergabe gewachsen.

Im vergangenen Jahr begann er im Alter von 68 Jahren, sich um einen Nachfolger zu bemühen und stieß dabei auf Resonanz. Unter den Interessenten war ein Haus der Aslepios-Klinikkette, die im benachbarten Bad Oldesloe eine Klinik betreibt.

Eckardt liegt ein schriftliches Angebot des Klinikträgers vor, auf dem ein attraktiver Kaufpreis eingesetzt ist. Nun hat Eckardt Jahrzehnte lang gut mit den Chirurgen der Bad Segeberger Kliniken zusammen gearbeitet, und er weiß, dass der Klinikkonkurrent mit einem MVZ in Bad Segeberg Patienten in die Nachbarstadt umleiten würde. Deshalb unterrichtet er die örtliche Klinik, die dankbar zugreift.

Beide Seiten profitieren von der neuen Vereinbarung

Klinikgeschäftsführer Harald Toews räumt bei der Vorstellung des AVZ ein, dass ein MVZ des Konkurrenten die Chirurgie seines Hauses vor große Probleme stellen würde, da schon ein anderes MVZ im Ort chirurgische Patienten an der Klinik in Bad Segeberg vorbei in andere Städte einweise.

Beide Seiten, Bad Segeberger Kliniken und abgebender Arzt, profitieren deshalb von der neuen Vereinbarung: Eckardt erhält einen noch leicht verbesserten Preis für seinen Kassenarztsitz, einen Anstellungsvertrag und einen attraktiven Mietvertrag für seine Praxis.

Drei angestellte Ärzte im MVZ

Zusätzlich erwirbt das private Klinikunternehmen einen hausärztlichen Sitz und besetzt sein MVZ dann mit angestellten Ärzten: Allgemeinmedizinerin Dr. Wiebke Meßer und die Chirurgen Dr. Achim Dehne und Hendrik Kühl.

Die stellen sich zum Start des AVZ bei niedergelassenen Ärzten vor - können zu diesem Zeitpunkt aber eine Auseinandersetzung hinter den Kulissen nicht mehr stoppen, in deren Verlauf sich Eckardt und die Klinik gegenseitige Vorwürfe machen.

Den Anstellungsvertrag hat die Klinik zu dieser Zeit schon wieder gekündigt - über die Gründe rätselt der Chirurg bis heute.

Eckardt ist der Ansicht, eine schnelle Kündigung sei nicht geplant gewesen

Er interpretiert den Anstellungsvertrag anders als die Klinik, möchte noch langfristig als Arzt tätig sein. Klinik-Geschäftsführer Harald Toews dagegen pocht nach mehreren Versuchen, zu einer Einigung mit einer Beschäftigung in geringem Umfang zu kommen, auf ein schon im Januar aufgesetztes Schreiben, aus dem Eckart hätte klar werden müssen, dass seine Anstellung nur für die Startphase des AVZ gelten würde.

Warum die Klinik ihm überhaupt eine halbjährliche Probezeit in den Vertrag schrieb, der nur einen Monat gelten sollte, kann sie nicht beantworten.

Eckardt ist bis heute der Ansicht, dass eine schnelle Kündigung nicht geplant gewesen sei - wogegen aber ein anwaltliches Schreiben vom Januar spricht, das die Klinik präsentiert - im Oktober, als die Negativschlagzeilen längst gedruckt sind.

Pressekonferenz der Klinik gerät zum Fiasko

An die Öffentlichkeit kommt das Zerwürfnis durch Eckardts Kollegen aus Bad Segeberg. Als die vom Ende seiner ärztlichen Tätigkeit hören, bedauern sie dies öffentlich durch eine Anzeige in einem regionalen Blatt. Eckardt wusste nach eigener Darstellung von dieser Veröffentlichung zuvor nichts.

Fest steht, dass die Anzeige nicht zu einem besseren Klimazwischen beiden Seiten beiträgt. Toews und Eckardt haben bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal miteinander geredet. Zum Fiasko gerät dann eine Pressekonferenz der Klinik zur Eröffnung des AVZ - dort wird wenig über die Vorzüge des Versorgungszentrums denn mehr über die Personalie Eckardt gesprochen.

Die Vorteile der gefundenen Lösung geraten damit vollends aus dem Blickfeld: Fortführung der Praxis mit den früheren Angestellten, wohnortnahe Versorgung, bessere Anbindung an die Klinik durch den Praxisstandort am Krankenhaus - die von Eckardt gemietete Immobilie bliebt vorerst ungenutzt - und enge Zusammenarbeit zwischen Hausärztin und Chirurgen.

"Beide eiten sind zu emotional aufeinander zugegangen"

Diese Vorteile erkennt auch KV-Kreisstellenleiter Dr. Dieter Freese an. Die Begleitumstände der Übernahme hält er für weniger glücklich: "Beide Seiten sind zu emotional aufeinander zugegangen", sagt er rückblickend und hofft, dass das Verhältnis zwischen den niedergelassenen Ärzten und der Klinik nicht leidet.

Eckardt bleibt die Erkenntnis, dass er es versäumt hat, sich im Übernahmeprozess fachlichen Beistand durch einen Rechtsanwalt zu holen. Und die Hoffnung, doch noch weiter ärztlich tätig sein können - an einem anderen Standort.

[10.10.2011, 10:35:54]
Dr. Jürgen Schmidt 
Hier Posse, dort Drama
Die Vorgänge in Bad Segeberg mögen die Bezeichnung Posse rechtfertigen. Doch die eigentlichen Befürchtungen der Vertragsärzte in Schleswig-Holstein sind angesichts des kaum gehemmten Vordringens von klinikgesteuerten MVZ’s von ganz anderer Qualität. Und die Konzeptionslosigkeit und Untätigkeit der beiden Standesvertretungen KV und Ärztekammer werden mit zunehmender Sorge betrachtet.

Mit der Gründung von MVZ’s streben Klinikkonzerne offensichtlich in vielen Landkreisen eine Sonderstellung an, die mit dem ohnehin fragwürdigen Geschäftsmodell, über die angeschlossenen MVZ’s Akquise zu betreiben, schon nicht mehr zu erklären ist, sondern nur mit der Zielsetzung, regionale Dominanz im Gesundheitswesen aufzubauen.
Die Methoden dies zu erreichen - namentlich eines bestimmten Konzerns - , werden von den Kollegen als „harte Bandagen“ geschildert.

Andererseits wird vielerorts von ausscheidenden Vertragsärzten ein guter Kaufpreis für den Praxissitz bereitwillig und gern angenommen.
Die KV-SH hat vor kurzem - mit eindimensionaler Blickrichtung auf den Versorgungsgrad - bereits kund getan, dass sie nicht daran denkt, von einem Vorkaufsrecht für Praxen Gebrauch zu machen, welches ihr der Gesetzgeber einräumen will. Damit hat sich die KV von der Möglichkeit, die vertragsärztliche Struktur auf diese Weise zu schützen, bereits lauthals verabschiedet.

Auch in der Vergangenheit hat sich die KVSH nicht gerade durch strategischen Weitblick ausgezeichnet.
Der letzte Vorsitzende, der bemüht war, sein Amt nicht nur zu verwalten, sondern mit konsistenter berufspolitischer Strategie zu führen, Ralf Büchner, hatte das Problem MVZ erkannt, bevor es entstand und sehr detaillierte Pläne entwickelt, klinikunabhängige MVZ’s, mit Unterstützung der KV SH und ausschließlich in vertragsärztlicher Regie zu etablieren. Eine Privat-Public-Partnership mit den Kommunen war zugleich als Maßnahme gegen den Ärztemangel auf dem Lande entworfen worden.
Büchner wurde wegen vager Klagen über Störungen der Kooperation im Vorstand und Behauptungen über Abrechnungsbetrug, die bis heute nicht bewiesen sind, von seinen beiden Vorstandskollegen, die nun in der Verantwortung stehen, diskriminiert und von einer düpierten Abgeordnetenversammlung in die Wüste geschickt. Hätte man Büchners Pläne weiter verfolgt, wäre die Situation mit allerorts vordringenden Klinik-MVZ’s nicht in der derzeitigen Schärfe entstanden.

Es sind insbesondere die fachärztlichen Vertragsärzte, denen durch Klinik-MVZ’s das Wasser abgegraben wird und deshalb ist die berufspolitische Situation zwischen den vielfach konkurrierenden Arztgruppen kompliziert.

Unter den Hausärzten erscheint das Vordringen der MVZ’s vornehmlich dort prekär, wo die eigene Fachgruppe betroffen sein könnte und von der Vertretung der Klinikärzte, dem Marburger Bund, hört man zum Thema wenig, obwohl diese MVZ’s nicht den Klinikärzten, sondern den Krankenhausträgern nützen.
Aber der „Club der alternden Oberärzte“, wie der MB – unter Verkennung seiner Vitalität - ironisch bezeichnet wird, hat sich aus der babylonischen Gefangenschaft der Krankenhausgesellschaft und von der Annahme einer gewissen Interessenidentität nie ganz befreien können. Auch die berufspolitische Letalformel von der “verzichtbaren zweiten Facharztschiene“ hörte man ja noch vor den Zeiten Ulla Schmidts aus den Kreisen des MB.

Von den Ärztekammern – nicht nur in SH – ist daher wenig Unterstützung der bedrängten niedergelassenen Kollegen zu erwarten. Solange die fatale Verkennung der gegenseitigen Abhängigkeit der drei Arztgruppen fort besteht wird teils offene teils verborgene Rivalität die Oberhand gewinnen.

Doch die Dreibeinigkeit der deutschen Ärzteschaft ist für Statik und Status des Standes unverzichtbar: Fehlen einst die niedergelassenen Fachärzte oder werden entscheidend geschwächt, haben weder die niedergelassenen Hausärzte, noch die Fachärzte in den Klinken eine vernünftige Alternative zu ihrer Berufswahl. Sie werden erpressbar und manipulationsanfällig.

Aber die selbst zerstörerischen Rivalitäten der Gruppen haben derzeit die Oberhand gewonnen und blockieren die Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit.
Aus Gruppenegoismen und strategischen Fehlern ist eine inkonsistente Berufspolitik geworden. Dies betrifft nicht nur die Ärztekammer. Bei der KV SH kommt Führungsschwäche hinzu. Die gemeinsame Taten- und Erfolglosigkeit der Standesorganisationen mündet dann in Fremdbestimmung durch konzerngesteuerte MVZ’s. Bald ist es zu spät.
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