Ärzte Zeitung, 12.10.2011

Ärzte behandeln nur - den Papierkram machen andere

Als Arzt rein medizinisch tätig sein? Für die Mitglieder zweier Ärztegemeinschaften in Stralsund und Greifswald ist das keine Wunschvorstellung: Sie können fast jede Aufgabe außerhalb der Medizin an eine eigene Verwaltungsgesellschaft delegieren.

Von Dirk Schnack

Ärztegemeinschaft lagert Bürokratie einfach aus

Ärztehäuser wie die ehemalige Poliklinik in Stralsund gibt es viele. Aber nur wenige haben die Dienstleistungen für die Praxen so gebündelt.

© Dirk Schnack

STRALSUND. Ständig neue Vorschriften und Formulare - für Praxisinhaber ist es oft nicht leicht, den Kopf für ihre eigentliche Tätigkeit frei zu haben.

Eine Lösung dafür bieten die Ärztegemeinschaften "Am Strelasund" (50 Mitglieder) und Greifswald/Schönwalde (14 Mitglieder), die ihre Mitglieder über die "Verwaltungsgesellschaft für Heilberufe mbH Vorpommern" gegen eine Pauschale bei fast allen Leistungen außerhalb des Sprechzimmers unterstützen.

Vorläufer der Ärztegemeinschaft

Ärztegemeinschaft lagert Bürokratie einfach aus

Als Geschäftsführer der Verwaltungsgesellschaft hilft Andreas Wierth auch bei der Suche nach Praxisnachfolgern.

© Dirk Schnack

Ohne die Vorgeschichte als Poliklinik wäre die Ärztegemeinschaft und damit deren Dienstleistungsgesellschaft nach Ansicht von Geschäftsführer Andreas Wierth kaum vorstellbar. Die Stralsunder Poliklinik am Frankenwall war der Vorläufer der Gemeinschaft.

Die zur Wende dort praktizierenden Ärzte kauften das Gebäude, gründeten einen Immobilienfonds und etablierten ein modernes Ärztehaus. Nicht absehbar war damals, was sich daraus entwickelte: Eine Ärztegemeinschaft, in der eine Verwaltungsgesellschaft den Ärzten komplett den Rücken für die Tätigkeit in der Praxis freihält.

Dies macht sie so erfolgreich, dass längst auch Ärzte an anderen Standorten in Stralsund und in Greifswald der Verwaltungsgesellschaft beigetreten sind.

In Stralsund allein 50 Mitglieder in der Gemeinschaft

Am Stammsitz am Frankenwall praktizieren derzeit rund 30 Ärzte, insgesamt gehören der Gemeinschaft allein in Stralsund schon etwa 50 Mitglieder an. Damit sind sie zum wichtigsten Akteur im ambulanten Gesundheitswesen der Region geworden.

Entscheidungen an der Gemeinschaft vorbei sind in der Hansestadt im Nordosten kaum vorstellbar. So verhinderte die Ärztegemeinschaft etwa ein geplantes Klinik-MVZ in Stralsund.

Zugleich ist der Standort der ehemaligen Poliklinik über die Jahrzehnte Inbegriff für ambulante Versorgung geblieben. Maßgeblichen Anteil daran hat die 1991 gegründete Verwaltungsgesellschaft, die treuhänderisch für die Ärzte tätig ist und von ihnen kontrolliert wird.

Zahlreiche Verwaltungsaufgaben werden übernommen

Neben dem Geschäftsführer sind auch fünf Ärzte Gesellschafter der GmbH. Neben ihren Kernleistungen wie Buchhaltung, Lohnabrechnung, GOÄ-Abrechnung, Inkasso und Finanzierungs- und Versicherungsvergleiche übernimmt die Gesellschaft, die rund 15 Mitarbeiter in ihrer Kernmannschaft zählt, zahlreiche weitere Aufgaben:

Service: Gemeinsamer Einkauf von Praxisbedarf und Büroartikeln, Organisation und Durchführung von Praxisrenovierungen und -umbauten, Hausmeisterdienst, Reinigung, Wäschedienst, zentrale Information (Telefon und Post), Immobilienverwaltung und -entwicklung, Rabattverträge mit Lieferanten, EDV-Firmen und Autohändlern, Bewirtschaftung des Patientenparkplatzes;

Rechtsberatung: Beratung und Erstellung von Arbeitsverträgen, Beratung zum KV-Recht und zur Abrechnung, rechtliche Beratung bei privaten und dienstlichen Vorgängen, Betreuung der Praxisnachfolge, Unternehmensbewertung, Erstellung der Praxiskaufverträge, Unterstützung bei der Regressabwehr;

Verträge und Kommunikation: Vertragspartner für Krankenkassen (Vertrag zum ambulanten Operieren mit der Techniker Krankenkasse); zentrale Bereitstellung der IT-Vernetzung und von KV-SafeNet, Umsetzung von Sonderprojekten wie betreutes Wohnen für beatmungspflichtige Patienten, Herausgabe eines Infomagazins und Pflege der Internetpräsenz.

An weiteren Leistungen wird gearbeitet, etwa am Angebot einer gemeinsamen Kinderbetreuung für den Nachwuchs der mehr als 300 Mitarbeiter der Ärztegemeinschaft. Jede Praxis der Ärztegemeinschaft zahlt eine Umlage von durchschnittlich rund 5000 Euro im Jahr, unabhängig davon, wie viele Leistungen sie wie oft in Anspruch nimmt.

Positiv beim Thema Praxisnachfolge

Positiv wirkt sich die Arbeit der Verwaltungsgesellschaft zum Beispiel beim Thema Praxisnachfolge aus. Wierth spricht Ärzte der Gemeinschaft rechtzeitig darauf an und bespricht mit ihnen die erforderlichen Schritte. "Anzeigen bringen wenig, hilfreich sind die Kontakte der Ärzte in ihre früheren Kliniken", berichtet er.

Mögliche Interessenten verhandeln auf Wunsch des Praxisinhabers mit Wierth, der sich um Details wie Praxiswertgutachten kümmert. Manche Klinikkollegen entschlossen sich zur Niederlassung, nachdem sie die umfassenden Leistungen der Gesellschaft für die Praxen kennen lernten und damit sicher sein konnten, dass sie sich auch nach der Kliniktätigkeit auf die Medizin konzentrieren konnten.

Wichtig ist Wierth bei allen Leistungen: "Die Verwaltungsgesellschaft gibt dem Arzt Empfehlungen, die Entscheidung liegt immer beim Arzt selbst." Wierth, ein gelernter Bankkaufmann, der vor seinem Eintritt in die Verwaltungsgesellschaft für die Sparkasse viele Praxen am Ort finanzierte, legt Wert darauf, dass die Gemeinschaft kein closed shop ist und sich externe Praxen nicht bedroht fühlen.

"Wir wollen unsere Leistungen optimieren"

"Wir sind keine Gefahr für andere niedergelassene Ärzte". In Stralsund ist inzwischen rund jeder zweite niedergelassene Arzt Mitglied der Gemeinschaft. Ein weiteres Wachstum ist zwar nicht ausgeschlossen, aber nicht Ziel.

"Wir wollen unsere Leistungen optimieren", sagt Wierth. Dazu gehört auch die Suche nach weiteren geeigneten Praxisräumen, weil der Platz an den bestehenden Standorten restlos ausgelastet ist.

Das Stralsunder Modell ist zwar ungewöhnlich, aber nicht einzigartig: In Neubrandenburg ist aus der ehemaligen Poliklinik eine vergleichbare Gemeinschaft entstanden. Beide Geschäftsführer tauschen sich regelmäßig aus.

Ärztegemeinschaft "Am Strelasund"

In der Ärztegemeinschaft "Am Strelasund" sind vom Allgemeinmediziner bis zum Zahnarzt zahlreiche Fachrichtungen vertreten. Rund die Hälfte der Ärzte ist am Stammsitz, der ehemaligen Poliklinik von Stralsund, niedergelassen. Ergänzt wird das Angebot für die Patienten durch ambulante Op, Labor, ambulante Pflege, Apotheken, verschiedene Therapeuten und ein Sanitätshaus.

Eine eigene Verwaltungsgesellschaft hat unter anderem einen Versorgungsvertrag mit der Techniker Krankenkasse für die Ärzte ausgehandelt, stellt Neugründern zinslose Darlehen zur Verfügung und übernimmt alle gewünschten Aufgaben außerhalb der Medizin.

Damit die Gesellschaft im Sinne der Ärzte arbeitet, sind neben dem Geschäftsführer vier Ärzte weitere Gesellschafter in der GmbH, an deren Gewinn aber alle Mitglieder der Ärztegemeinschaft partizipieren. Über einen eigenen Immobilienfonds gehören den Ärzten alle Gebäude, in denen Mitglieder der Ärztegemeinschaften praktizieren.

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