Ärzte Zeitung, 27.11.2011

Die Kunst, die Praxisnachfolge zu sichern

Ohne große Hilfe der KV haben zwei Landärzte im Norden eine Nachfolge und eine zusätzliche Unterstützung für ihre Praxis gefunden. Nötig war vor allem eines: große Flexibilität.

Von Christian Beneker

Die Kunst, die Praxisnachfolge zu sichern

Landarzt Michael Pohling hinterlässt seiner Nachfolgerin Carla Martin ein bestelltes Haus.

© Christian Beneker

FLECHTORF. Die Ärztin Carla Martin greift zu einem Kugelschreiber und zieht einen Kreis auf der Landkarte, die vor ihr auf dem Tisch liegt.

Der Kreis umfasst Orte, die Jelpke, Essenrode oder Kampstüh heißen. "Das ist unser Radius - ungefähr", sagt sie.

Allerdings ist dies hier keine "richtige" Landpraxis, wie man sie in Niedersachsen sonst noch sehr oft finde, sagen Martin und ihr Kollege Michael Pohling.

"Wir haben die beiden Städte Wolfsburg und Braunschweig in der relativen Nähe, und viele Patienten orientieren sich auch dorthin", erklärt Pohling.

"Ein segelfähiges Schiff"

Doch eines ist wie fast überall: Genau wie andere Ärzte auf dem Land quälten sie Nachwuchssorgen.

Aber anders, als die meisten anderen haben sie zwei neue Kolleginnen gefunden, die seit einem Jahr beziehungsweise wenigen Wochen eingestiegen sind: Dr. Susanne Eschemann und Dr. Ingeborg Fischer.

Immerhin ist Pohling 62 Jahre alt und will, wenn Martin die Praxis allein übernimmt, ein segelfähiges Schiff hinterlassen.

"Wir glauben, dass es wichtig war, die Praxis in Schuss zu halten, damit die neuen Kolleginnen wirklich attraktive Arbeitsbedingungen vorfinden", so Pohling.

Selbst gemalte Bilder an den Wänden

"Außerdem haben wir den neu Dazugekommenen auch den Entfaltungsraum für ihre medizinischen Steckenpferde geschaffen, den sie brauchen." Frisch und hell sind die Praxisräume und das Foyer.

Der ehemalige Schalterraum wurde zu einer gastlichen Angelegenheit umgebaut. An den Wänden hängen Bilder abstrakter Kunst, die Carla Martin alle selber gemalt hat.

"Und dann - ganz wichtig - einen Hintereingang, durch den wir die Praxis betreten und verlassen können, ohne Patienten zu begegnen", schmunzelt Pohling.

Plötzlich waren 15.000 Patienten zu versorgen

Bis es aber soweit war und die neuen Kolleginnen einziehen konnten, war es ein langer Weg. Die Misere begann mit der Pensionierung zweier Kollegen der Nachbarorte innerhalb von zwei Jahren.

Plötzlich blieben nur noch zwei Praxen übrig, die mit dem Patientenansturm fertig werden mussten. "Da hatten wir zusammen fast 15.000 Menschen zu versorgen", ergänzt Martin.

Drei Altenheime, verschiedene Ortsteile und Ortschaften sowie angrenzende Dörfer gehören zum Versorgungsgebiet. Damals waren Pohling und Martin in ihrer Praxis noch allein.

2001 bis 2003 arbeitete Martin als Weiterbildungsassistentin in Flechtorf. Seit 2003 betreiben die beiden ihre Gemeinschaftspraxis.

"Klar, dass wir eine so große Belastung zu zweit nicht stemmen konnten, auch nicht zusammen mit der Kollegin Eschemann, die 2008 dazukam."

KV hatte nichts zu bieten

Damit begann die Suche nach einer weiteren Praxisverstärkung - zunächst vergeblich. "Die KV hatte uns auch nichts zu bieten, nicht einmal die Mengenausweitung wollte sie uns genehmigen, um unsere Versorgung zu verbessern", klagt Pohling.

Die Kollegen der beiden Praxen hatten sich an die KV Bezirksstelle in Braunschweig gewandt. Leider scheint der Druck der drohenden Unterversorgung nicht groß genug gewesen zu sein, als dass die politische Gemeinde eine Wirtschaftsförderung, wie kostengünstigen Wohnraum oder dergleichen, ausgesprochen hätte, erklärte die KV.

An der überfüllten Praxis änderte das allerdings nichts. Unterdessen wurde es eng. Noch Mitte 2011 beschimpften wütende Patienten die Praxis-Mitarbeiterinnen, weil sie nicht in den Patientenstamm aufgenommen werden konnten.

"Wir haben das Gefühl, Opfer politischer Fehlplanung zu sein und von der KV nicht ernst genommen zu werden mit unseren Problemen", sagt Martin, "wobei wir sagen müssen, dass es uns noch viel besser geht als zum Beispiel den Kollegen in den neuen Bundesländern."

Zugleich hatten Martin und Pohling in vielen Blättern inseriert und sogar über "Radio Okerwelle" um Nachwuchs geworben - schließlich mit Erfolg. Im Oktober 2011 stieß Fischer dazu.

Entfaltungsmöglichkeiten in der Praxis haben überzeugt

Ihr gefallen die Arbeitsmöglichkeiten, die die Praxis bietet, berichtet sie der "Ärzte Zeitung". Sie war zuvor Internistin im Gifhorner Krankenhaus gewesen.

Jetzt arbeitet sie drei Tage pro Woche in der Hausarztpraxis von Martin und Pohling. "Nach meinem dritten Kind wollte ich anders arbeiten", sagt Fischer, "bunter gemischt und enger mit Kolleginnen und Kollegen zusammen."

In dieser Hinsicht hat ihr die Flechtorfer Praxis das passende Profil zu bieten. Neu und willkommen sind Fischer vor allen die dichteren Kontakte zu den Patienten.

"Ich bin viel mehr als im Krankenhaus eingebunden in die Familiengeschichte der Patienten und viele andere Probleme und Fragen, die nicht in erster Linie mit den Diagnosen zu tun haben", berichtet die junge Ärztin.

Allerdings sagt Fischer auch: "Den Stress einer eigenen Praxis tue ich mir mit einer fünfköpfigen Familie nicht an."

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