Ärzte Zeitung, 01.12.2011

Rückensport als Wunderwaffe in der Praxis

Es ist kein Fitness-Studio, sondern eine therapeutische Einrichtung. Darauf legen die Ärzte einer Gemeinschaftspraxis in Hessen wert, wenn es um ihr Trainingszentrum geht.

Von Sabine Schiner

Rückensport als Wunderwaffe in der Praxis

Die Orthopäden Dr. Frank Fleischmann (l.) und Dr. Andreas Hild haben das Praxis-Trainingszentrum "Ortho-one" in Neu-Isenburg initiiert.

© Sabine Schiner

NEU-ISENBURG. Die Fenster entlang der Längsseiten des Trainingszentrums "Ortho-one" in Neu-Isenburg lassen viel Licht herein.

An den Wänden hängen große, verwischt wirkende Fotografien von Läufern und Radfahrern, die Dynamik suggerieren -und gut zu den eher nüchternen Trainingsgeräten passen.

Ein sportlich aussehender Mann Anfang 40 packt gerade seine Trainingstasche zusammen. "Das ist ein typischer Fall", sagt der Orthopäde Dr. Andreas Hild, als der Mann das Zentrum verlässt.

Mit Diät überwiegend Muskelmasse verloren

Früher sei er Sportler gewesen, dann gingen Beruf und Familie vor. Die Folge: Der Mann legte an Gewicht zu und bekam Rückenbeschwerden.

"Daraufhin machte er Diät und nahm ab - allerdings überwiegend Muskelmasse", so Hild. Die baut er nun mittels Medizinischer Kräftigungstherapie (MKT) auf.

Wirbelsäulenmuskulatur mittels MKT stärken

MKT wird zur Stärkung der Wirbelsäulenmuskulatur in Deutschland überwiegend von Kieser-Studios angeboten.

"Wir sind eines der wenigen Zentren, die diese Therapie anbieten und nicht zu Kieser gehören", sagt Hild.

Er ist in der Gesellschaft für Medizinische Kräftigungstherapie organisiert, die sich unter anderem für Qualitätskontrollen und Standardisierung der Behandlung durch Leitlinien einsetzt.

Im Jahr werden etwa 120 Patienten im Zentrum betreut

Im Trainingszentrum werden pro Jahr im Schnitt etwa 120 Patienten betreut. Es ist im ersten Stock untergebracht. Ein Stockwerk darüber hat die Vierer-Gemeinschaftspraxis für Orthopädie und Sportmedizin ihre Räume.

Zu der Überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft (ÜBAG) gehört auch ein Ärztehaus im benachbarten Heusenstamm. Praxis und Zentrum wurden 2009 gegründet.

Von Anfang an dabei: Die drei Orthopäden Dr. Dominik von Salomon, Dr. Frank Fleischmann und Dr. Peter Kwasniok. "Wir kommen alle aus dem Landkreis Offenbach", erzählt Fleischmann. "Im Schnitt kennen wir uns seit 14 Jahren."

Beruflich kaum körperlich gefordert

Er und Hild sind die Initiatoren und Leiter des Trainingszentrums. Auch die hohen Investitionskosten in Höhe von 250.000 Euro schreckten sie nicht ab.

Beide waren sich sicher, dass es Bedarf gibt. "Schon 45-Jährige haben heute Probleme mit der Kraft", verdeutlicht Hild. Beruflich werde kaum noch jemand körperlich gefordert.

"Rückenpatienten sind Problempatienten"

Die Gemeinschaftspraxis verzeichnet immer mehr Patienten mit Rückenbeschwerden. "Rückenpatienten sind Problempatienten", sagt Fleischmann.

Ihre Behandlung ist aufwendiger als etwa die Behandlung von Patienten, die ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk brauchen. Oft sind die Beschwerden chronisch, die Patienten verzweifelt oder depressiv. Mit Krafttraining lassen sich Erfolge erzielen.

"Von 120 Patienten sind 118 zufrieden mit uns", sagt Hild. "Es ist kein Fitness-Studio, um das deutlich zu machen", sagt Fleischmann. "Es ist eine therapeutische Einrichtung und Teil der Praxis".

Gibt es im Training Probleme, sind die Ärzte sofort zur Stelle

Falls bei einem Patienten plötzlich Probleme oder Schmerzen auftreten sollten, sind die Ärzte innerhalb weniger Minuten zur Stelle. Trainiert wird immer unter Aufsicht einer diplomierten Sportlehrerin. "Mehr als drei Patienten sind nie gleichzeitig da", so Hild.

Die Trainerin hat elektronisch Zugriff auf die Patientenakten und damit auch auf die Trainingsanleitung, die die Fachärzte für jeden Patienten erstellen.

Etwa 700 Euro Kosten für GKV-Patienten

Zum Komplettpaket gehören zwei Testsitzungen á 45 Minuten und 18 Therapieeinheiten samt Krafttests, hinzu kommen regelmäßige ärztliche Untersuchungen: Etwa 700 Euro bezahlen GKV-Patienten dafür, abgerechnet wird nach GOÄ.

Privatpatienten haben mehr Glück: Einige Kassen übernehmen die Kosten. "Das ist nicht billig", sagt Fleischmann.

Die Orthopäden stehen deshalb auch mit einigen Krankenkassen in Verhandlungen. Sie versuchen, mit wissenschaftlichen Ergebnissen zu überzeugen. Nach aktuellen Studien bessern sich bei 80 Prozent der Patienten durch das Krafttraining die Rückenschmerzen.

Ein Chip pro Patient

Zum Einsatz kommen dabei computergesteuerte, medizinische Trainingsgeräte. Jeder Patient bekommt einen Chip, auf dem die persönlichen Daten gespeichert sind. "Vor allem Anfänger haben oft Probleme, den Sitz richtig einzustellen", sagt Fleischmann.

Um Fehler auszuschließen, sind auch diese Daten elektronisch gespeichert und für jedes Gerät abrufbar. Das Computertrainingsprogramm gibt zudem die Geschwindigkeit, mit der die Übungen durchgeführt werden, und die Ruhephasen vor.

Nach jedem Training gibt der Patient ein Feedback, das die Trainerin am Terminal sieht. War etwa die Belastung zu hoch, kann sie das Training jederzeit ändern.

Zirkel für Patienten mit Knieprothesen

Ein Steckenpferd von Fleischmann - er ist auch Verbandsarzt des Deutschen Rugby Verbandes - ist der Zirkel mit multifunktionalen Trainingsgeräten (MFT).

Auf die flachen Scheiben stellt man sich mit beiden Füßen. Je nach Einstellung kippen sie zur Seite, rundherum oder nach vorne.

Sie schulen die Koordination und das Gleichgewicht, die Bewegung auf den Scheiben ist zudem gelenkschonend. Fleischmann empfiehlt den Zirkel vor allem Patienten mit Knie- und Hüftgelenksprothesen.

Patient mit stolzen 91 Jahren

"Das Konzept geht auf", sagt Hild. Sein Lieblingsbeispiel ist ein 91 Jahre alter Patient, ein Radsportler, der erst mit 66 Jahren mit Krafttraining angefangen hat.

Er litt an Hüftarthrose und bekam einen Schlaganfall und musste sich drei Operationen unterziehen. "Nach drei Monaten war er wieder fit", so Hild: "Das sagt doch alles."

Fitness-Ketten setzen auf Kooperation mit Ärzten

In vielen Fitnessstudios steigt die Nachfrage nach gesundheitsorientierten Sportangeboten und nach Medical Fitness. Auf die Kooperation mit Ärzten setzt beispielsweise die Schweizer Franchise-Kette Kieser Training AG, die in Deutschland 120 Studios betreibt.

Es gibt Ärzte, die fest angestellt sind oder stundenweise auf Honorarbasis arbeiten, so Pressesprecherin Ulrike Pauloweit. Zu den ärztlichen Aufgaben gehört etwa die Untersuchung der Kunden, um mögliche Schädigungen durch das Krafttraining auszuschließen.

Die Ärzte geben auch Tipps für den Trainingsplan. Zudem hat laut Pauloweit jeder Franchisenehmer die Möglichkeit, mit ortsansässigen Arztpraxen zu kooperieren. Auch in den 90 Clubs der Fitness First Germany GmbH mit Sitz in Frankfurt soll der Bereich der Medical Fitness ausgebaut werden.

"Wir starten gerade mit einem Pilotprojekt", erläutert Gesundheitmanagerin Jana Nobiling. Bislang sei das Clubangebot eher lifestyle-orientiert gewesen. Doch nun solle auch den älteren Mitgliedern mehr Service geboten werden. "Der Anteil der über 45-Jährigen Mitglieder wächst", so Nobiling.

Derzeit seien es bundesweit etwa 30 Ärzte, die mit der Kette zusammen arbeiten. "Einige Ärzte bieten im Rahmen von Gesundheitswochen Vorträge an", sagt sie. Dies werde von den Mitgliedern gut angenommen.

[02.12.2011, 09:30:21]
Ronny Röske 
Rückensport im Büroalltag
Es ist wunderbar, wenn sich eine Praxis dazu berufen fühlt, diese Therapie direkt vor Ort umzusetzen. Leider sehe ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder, dass die Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen so sehr in Ihrem Tagesgeschäft gefangen sind, dass solche sinnvollen, wie einfachen Rezepte ausgeblendet werden.
In einem zur Zeit laufenden Pilotprojekt mit den INJOY Sportstudios und Innovation PRAXIS wird getestet, inwieweit die dort Trainierenden durch einen Büro- und Trainingsstuhl eines norwegischen Herstellers ein tägliches Rückentraining zur Steigerung des allgemeinen Muskelaufbaus im Bereich der Lendenwirbelsäule erreicht werden kann. Bislang wird dieses Projekt durch Physiotherapeuten begleitet. Eine zusätzliche ärztliche Beteiligung ist vorstellbar und wünschenswert.
Ronny Röske
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