Ärzte Zeitung, 10.01.2012

Von der KV-Spitze aufs platte Land

Mit 66 Jahren erfüllt sich Dr. Jan Geldmacher einen Traum: Er zieht von Südbaden nach Gartow in den hohen Norden. Nach Jahren der KV-Tätigkeit will er jetzt auf dem flachen Land ganz einfach Hausarzt sein.

Von Christian Beneker

Von der KV-Spitze aufs platte Land

Dr. Jan Geldmacher, Ehemaliges Vorstandsmitglied der KV Baden-Württemberg, jetzt Hausarzt in Gartow

© Christian Beneker

GARTOW. 66 Jahre und alles auf Anfang. Dr. Jan Geldmacher ist in einem Alter, in dem er seinen Patienten raten würde, es langsamer angehen zu lassen.

Für ihn selbst wäre das allerdings undenkbar. Er fängt noch mal neu an, und er gibt Gas.

Der Internist und Hausarzt ist aus dem dicht besiedelten Südwesten der Republik in den hohen Norden gekommen, um nach jahrelanger KV-Tätigkeit, unter anderem als Vorstand in der KV Südbaden und KVBW, noch einmal als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten.

"Es ist toll", schwärmt er, "die Landschaft, die Leute, die Arbeit - alles bestens."

Früher hatte er mehr Geld, aber keinen Spaß

Als er 2010 aus der KV-Arbeit ausstieg, war die Frage: was nun? Zum Aufhören fühlte er sich noch zu jung. "Alter? Wieso Alter?", fragt er, "mein Großvater war mit 84 Bürgermeister, meine Mutter hat bis ins 80. Lebensjahr bei der WHO als Toxikologin gearbeitet; 65 ist in unserer Familie überhaupt kein Alter!"

In der Tat verbreitet er, wenn er ohne weißen Kittel aber dafür mit raschem Gang und lebhaften Augen durch die Praxisräume rauscht, nicht den Eindruck, als wollte er sich zur Ruhe setzen.

Gartow heißt der Traum des ehemaligen KV-Funktionärs, ein Dorf im Nordosten Niedersachsens, dem ehemaligen "Zonenrandgebiet", nahe der Elbe mit gut 1300 Einwohnern und viel herrlicher Gegend. Der Landstrich ist deutschlandweit bekannt, Gorleben liegt nur ein paar Kilometer entfernt.

Im "Spiegel" und im "Frühstücksfernsehen" hatte Geldmacher im vergangenen Jahr einen Bericht über die Ärzteknappheit im Wendland gesehen. "Ich kannte die Gegend nur von einem Camping-Urlaub aus dem Jahr 1956", lacht Geldmacher heute.

"Jetzt habe ich mir gedacht - dort bin ich richtig" Allerdings weiß er auch: "Für junge Arzt-Familien ist das hier schwierig. Es fehlt an Infrastruktur."

Landarztmedizin ohne Mätzchen

Die Praxis, die er seit Oktober hier betreibt, hat er in der alten, leer stehenden Post untergebracht: ein roter Klinkerbau mitten im Ort. Zunächst wohnte er oben, während unten die Räume renoviert wurden. "Praxiseingang um die Ecke", steht noch unter seinem Klingelschild. Die Patienten müssen sich noch daran gewöhnen, wo es reingeht.

Die Räume der 85-Quadratmeter-Praxis sind weiß, frisch und nagelneu. Sie umfassen zwei Sprechzimmer, ein Labor, einen Diagnostikraum und im Obergeschoss, neben einer Wohnung für einen zukünftiges Assistenten, Küche, Büro und Sozialraum für die Angestellten.

Früher hat er in seiner Praxis in Emmendingen bei Freiburg viele Magen- und Darmspiegelungen gemacht, erinnert er sich. "Aber ich will heute nicht mehr nur von oben und von unten in die Patienten reingucken. Da hätte ich vielleicht mehr Geld, aber keinen Spaß."

Landarztmedizin ohne Mätzchen, so könnte man umreißen, was Geldmacher nun an seinem neuen Job reizt. Vom Tierarzt hat er gehört, wie dankbar die Leute in Gartow sind, dass jetzt ein Hausarzt im Ort ist und sich auf Besuchstour über Land macht.

"Man wird gebraucht", freut sich Geldmacher, "auch das Universalistische gibt mir eine große Arbeitsfreude. Es macht Spaß, als Arzt ganz nahe an den Menschen ein echtes Bedürfnis bedienen zu können."

Finanzierungsprobleme gibt es in Gartow nicht

Keine Frage, der Mann ist zufrieden. "Ich bin GKV-Fan und halte nichts von IGeL-Leistungen", sagt er, "wer unbedingt in der Privatstation liegen will, der soll bei seiner Kasse eine entsprechende Zusatzversicherung abschließen. Geht doch. Da ist keine private Krankenversicherung nötig."

Derzeit wachsen allerdings seine Personalkosten noch schneller als die Einnahmen, berichtet er. Anfänger-Probleme, sozusagen. "Meine Mitarbeiterinnen sind spitze, und sie arbeiten weit mehr als sie müssten. Aber bezahlen muss ich sie natürlich."

Insgesamt hat sich die Finanzierung für den Arzt nicht als problematisch herausgestellt. "Klar, es war für mich die Frage, ob ich in meinem Alter noch einen Kredit bekomme", sagt Geldmacher, "aber die apoBank hat sich als gute Partnerin erwiesen."

So konnte er die Praxis einrichten, mit dem Eigentümer zusammen die beiden Stockwerke renovieren und ein Häuschen kaufen. Das war erschwinglich, denn die Immobilienpreise sind in dieser strukturschwachen Gegend im Keller.

Zuschuss der Gemeinde abgelehnt

Gut für den Anfang sei auch die Anschubfinanzierung der KV Niedersachsen. Sie garantiert Ärzten, die auf's Land gehen einen Umsatz von 50.000 Euro pro Quartal. Wenn es knapp wird, schießt die KV das fehlende Geld nach.

"Das ist natürlich eine riesige Unterstützung", sagt Geldmacher, "die Garantie erstreckt sich immerhin auf zwei Jahre."

Sogar die Gemeinde Gartow hätte für den neuen Arzt unter Umständen Geld auf den Tisch gelegt: 50.000 Euro. Geldmacher hätte den Zuschuss nicht genommen, sagt er: "Entweder, es macht Sinn, hier eine Praxis zu eröffnen, dann brauche ich kein zusätzliches Geld. Oder es macht keinen Sinn, dann hilft das Geld auch nicht."

Selbstredend ist der Arzt voller Pläne. Für die Zukunft wünscht er sich hier mitten im Nirgendwo Assistenten und Famuli. Und in zehn Jahren will er dann aufhören. Vielleicht.

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