Ärzte Zeitung online, 04.02.2012

Im Dienst auch für Patienten anderer Praxen

Für seine größer gewordene Praxis suchte Landarzt Dr. Peter Brucker lange Zeit vergeblich Verstärkung. Eine gesetzliche Neuregelung brachte die Wende: Mit zwei Filialen wurde das Therapieangebot für Patienten erweitert.

Von Christian Beneker

Im Dienst auch für Patienten anderer Praxen

Dr. Peter Brucker, Allgemeinarzt in Destedt

© Beneker

BRAUNSCHWEIG. Der Chef hat erkennbar keinen Stress. Für die Recherche zum Porträt seiner Praxis empfängt er zu Hause in einer Altbauwohnung in Braunschweigs Innenstadt.

Hier sitzt man entspannt und trinkt Café Latte.

Dabei hätte Hausarzt Dr. Peter Brucker mit drei Praxen der hausärztlichen Versorgung um Braunschweig herum genug Anlass, ins Schwitzen zu geraten.

Aber nach vier Jahren Organisationserfahrung nutzt Brucker konsequent das Mittel der Vernetzung und der Synergien. "Ich habe jetzt mehr Zeit", sagt Brucker.

Die Kooperation begann mit einem Gynäkologen

Alles fing an mit einer Praxis in Destedt nahe Braunschweig. Nach zehn Jahren Arbeit im Krankenhaus übernahm Brucker 1997 die Hausarztpraxis mit 550 Patienten in der Kartei. Schnell wuchs die Praxis auf die dreifache Größe.

"Das konnte ich allein natürlich nicht wuppen", sagt Brucker. Er habe dringend Kollegen gesucht. "Aber besonders die Jüngeren mit Kindern konnten sich natürlich keine 78 Bereitschaftsdienste im Jahr vorstellen."

Zwar kam ihm 2007 die schrittweise Neuordnung der Notdienste in Niedersachsen zur Hilfe, und viele Hausgesuche ließ er durch seine Praxis-Mitarbeiterinnen erledigen. "Aber die Bewerber kamen und gingen. Keiner blieb", erzählt Brucker.

Die Wende brachte 2006 das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz. Brucker begann zunächst, mit einem Gynäkologen zusammenzuarbeiten. Der Hausarzt schaffte einen gynäkologischen Stuhl an, und der Kollege kam alle vier Wochen für einige Stunden in die Hausarztpraxis und ersparte damit Bruckers Patientinnen den langen Weg zum Facharzt.

Urlaubsvertretungen ohne Murren der Patienten

2007 organisierte der Hausarzt seine Praxis um, indem er sie erweiterte und zwei kleinere Praxen in Schapen und Königslutter, nicht weit von Destedt entfernt, als Filialen anschloss.

Dort arbeiten nun die ehemaligen Praxischefs, ältere Kollegen, die zum Ende ihrer Dienstjahre kürzer treten wollten, als angestellte Ärzte in Berufsausübungsgemeinschaft mit Brucker - sogar bis über die Pensions-Altersgrenze hinaus.

Urlaubsvertretungen und besondere Sprechzeiten können nun problemlos immer in einer der drei Praxen angeboten werden, freut sich Brucker: "Die Patienten der Kollegen kommen ohne Murren in meine Praxis, wenn der Kollege hier Dienst tut."

Kein Wunder, meint Brucker, "Wir können unseren Patienten mehr Untersuchungsmethoden wohnortnah anbieten, als es eine Einzelpraxis je gekonnt hätte." Derzeit arbeiten drei Ärzte und zwei Assistenten in der Gemeinschaft, und jeder der Kollegen arbeitet in zwei Betriebsstätten.

Preisträger beim Niedersächsischen Gesundheitspreis

Die Telefonzentrale für die Praxen hat Brucker in Schapen untergebracht. Die Angebote zur Prävention und solche für chronisch Kranke hat er an Ernährungsberater und Motologen abgegeben. "Inzwischen haben sie einen eigenen Verein gegründet und bieten ihre Dienste auch anderen Praxen an."

Im November wurde Brucker Preisträger beim Niedersächsischen Gesundheitspreis. Seine "Projekte tragen dazu bei, Kosten zu reduzieren, ländliche Regionen für Medizinerinnen und Mediziner attraktiver zu machen und durch die Versorgungsbereich übergreifende Zusammenarbeit mit anderen Akteurinnen und Akteuren die Patientenorientierung in den Mittelpunkt zu stellen", heißt es in der Begründung der Jury.

Bruckers Senior-Kollegen genießen die Arbeitskonstellation ganz offenbar. "Anfangs wollten sie nur noch so lange arbeiten, bis die Assistenten in meiner Praxis fertig sind und die Praxen übernehmen könnten", berichtet Brucker. "Aber seit der März 2012 nahe herangerückt ist, der Termin, an dem sie mit 70 und 71 Jahren aufhören werden, haben sie Tränen in den Augen."

Nachfolger für Filialpraxen sind schon in Sicht

Wie sich die Konstruktion verändern wird, sobald sich die beiden Senioren zur Ruhe setzen, ist noch nicht ganz klar. Für die Praxis in Schapen interessiert sich eine Kollegin.

"Die Praxis in Königslutter hätte ich wegen Nachfolgermangels auch aufgegeben", sagt Brucker, "aber jetzt wird eine meiner Noch-Assistentinnen in der Praxis arbeiten, und es kommt ein internistischer Kollege aus dem Krankenhaus ganztags dazu."

Die beiden werden die Praxis in der Ausübungsgemeinschaft übernehmen. Die zweite Praxis in Schapen wird eine Kollegin übernehmen, und zwar als Teil einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis mit Brucker.

"So arbeiten wir zusammen und sie ist doch in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen frei", sagt Brucker. "Die Frage ist ja immer: Wollen die Kollegen angestellt sein, oder wollen sie unternehmerische Verantwortung übernehmen?", meint der Hausarzt.

"Mir persönlich ist das wurscht." Er selber sitzt allerdings lieber am Hebel der Entscheidungen. "Ich mag das", sagt Brucker, "aber wer weiß, wie lange? Vielleicht lasse ich mich in zehn oder 15 Jahren selber anstellen."

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