Ärzte Zeitung, 30.05.2012

Praxismanagement

Bürokratie - hört das denn nie auf?

Es wird sie nie geben, die Arztpraxis ganz ohne Formulare und Vordrucke. Aber wie viel Bürokratie muss wirklich sein und was ist überflüssig wie ein Kropf?

Von Bernd W. Alles

Wie wir uns das Leben selbst schwer machen

Sie war wieder einmal Thema auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag: die Klage über die Bürokratie in unseren Praxen.

Und natürlich wurden die üblichen Verdächtigen angeprangert, die Krankenkassen. Was größtenteils auch stimmt, was den Umfang von Anfragen betrifft.

Doch hat nicht unsere eigene Standesvertretung, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die entsprechenden Vereinbarungen mit den Krankenkassen getroffen?

Bundesmantelverträge und Vordruckvereinbarungen sind ja schließlich zwischen KBV und den Spitzenverbänden der Krankenkassen abgeschlossen worden. Doch das soll hier nicht vertieft werden.

Ärgerlicher sind hausgemachte bürokratische Hürden, die uns Zeit und Nerven kosten. Ärgerlich deshalb, weil wir sie selbst ausräumen könnten.

Ohne Mithilfe der Politik, die zweifelsohne mit ICD-10, "Kassen"-Gebühr (die fälschlicherweise als Praxisgebühr bezeichnet wird), dem Punktesystem für unsere Fortbildungsverpflichtung und dem faktisch akribischen Dokumentationszwang, den wir betreiben müssen, um uns im Fall von Regressforderungen schützen zu können, einen gewaltigen Anteil an Bürokratie in unseren Praxen zu verantworten hat.

Manchmal würde eine 0 reichen

Nein, die Rede ist von einem fünfstelligen EBM-Ziffernschlüssel, wo eine bis maximal drei Stellen in der Regel - Labor mag eine Ausnahme sein - zur eindeutigen Abrechnung einer Leistungsposition genügen würden.

Bürokratie-Ärger? Schreiben Sie uns!

Haben Sie sich über Bürokratie im Praxisalltag geärgert? Haben Sie Vorschläge, wie Bürokratie-Exzesse ganz konkret vermieden werden könnten?

Schreiben Sie uns! Wir nehmen Ihre Berichte und Vorschläge gerne auf.

Mail: wi@aerztezeitung.de

Der absolute Gipfel ist die Pseudoziffer "99990", die einen Arzt-Patientenkontakt ohne berechnungsfähige Leistungen codiert. Wäre da nicht schlicht eine "0" ausreichend, die auch noch Symbolcharakter hätte.

Hochgerechnet ließen sich durch weniger Zifferneingaben Abertausende Arbeitsstunden in bundesdeutschen Arztpraxen einer sinnvolleren Verwendung zuführen.

Ein ganz anderes Thema sind "unnötige Mausklicks", die uns das Leben schwer machen. Wie zum Beispiel die Abfrage "Wollen Sie wirklich speichern?".

Die Aktivierung einer Labordatenfernübertragung bedarf in einem bestimmten Praxisverwaltungssystem 5 Mausklicks. Einer wäre ausreichend.

Zum Schluss dann noch die Abfrage "Wollen Sie die Laborferndatenübertragung wirklich verlassen?" Unnötiger Klick Nr. 5. Ärgerlich ist auch die Einspielung der Labordatendatei in die Krankenblätter.

Mit konstanter Boshaftigkeit wird standardmäßig die Arztnummer eines Arztes angeboten, der längst nicht mehr in der Praxis tätig ist. Wieder zwei unnötige Mausklicks.

Die Liste der unnötigen Mausklicks ist noch sehr lang - prüfen Sie mal Ihr Praxis-EDV-System. Und scheuen Sie sich nicht vor Verbesserungsvorschlägen.

Schöne neue Online-Welt: Ausdrucken!

Sage und schreibe 92(!) Formulare sind in meinem Arztpraxisverwaltungsprogramm hinterlegt. Warum kehrt hier nicht mal jemand mit einem eisernen Besen?

Überweisen Sie eigentlich auch Ihre Rechnungen selbst? Bei manchen Lieferanten sind die Rechnungsnummern bis zu 15-stellig, teilweise mit zehn führenden Nullen.

Es ist eine Zumutung, den Verwendungszweck so zu komplizieren - sprechen Sie darüber mit Ihrem Lieferanten.

Zu hinterfragen ist auch, warum bei der Quartalsabrechnung, die ja bekanntlich online übermittelt wird, noch Listenausdrucke erfolgen müssen, die dann noch auf dem Postweg zu versenden sind. PDF-Dateien lassen sich doch, weiß Gott, online übermitteln.

Sicher fallen Ihnen weitere Beispiele für hausgemachte Bürokratie ein. Finden Sie sich nicht damit ab, gehen Sie dagegen an.Die Chancen, dass dies gelingt, sind leider nicht sehr groß.

Denn wie hat C. Northcote Parkinson in seinem 1955 veröffentlichten "Parkinsonschen Gesetz zum Bürokratiewachstum" nackt analysiert: "Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht."

Da darf hintergründig auch gefragt werden, ob die Einstellung von "Dokumentationsassistenten" - zum Beispiel in Krankenhäusern - der richtige Weg zur Eindämmung der Bürokratie ist.

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[01.06.2012, 10:01:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eine AU für 145 Formulare!
Insgesamt 145 Gesetzliche Krankenkassen (Stand 2. Quartal 2012) haben 145 eigenwillig gestaltete Formulare für die Krankengeldauszahlung nach Ende der Lohnfortzahlungspflicht der Arbeitgeber.

Diese bürokratische Unübersichtlichkeit ist ohne weiteres ersetzbar durch die schlichte Fortschreibung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) nach Muster 1 a. Denn darauf befinden sich alle vertragsärztliche Daten wie Beginn, Dauer, Wiedervorstellung, Ende der AU, Diagnoseverschlüsselung nach ICD-10-GM u n d sogar eine inhaltliche Rubrik "...Maßnahmen durch die Krankenkasse...".

Aber werden die GKV-Kassen mitmachen? Denn auf den meisten Krankengeldvordrucken wird noch nach der Kontoverbindung des Krankengeldempfängers gefragt (ist der KK zwar immer bekannt, aber man weiß ja nie ...)

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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