Ärzte Zeitung App, 06.05.2014

Diabetologe Dr. Michael Böhmer

Vernetzung im Dienste der Patienten

Die Betreuung von Patienten mit Diabetes ist immer Teamarbeit - in der Praxis, mit Kollegen und mit anderen Heilberufen. Diabetologe Dr. Michael Böhmer fährt damit seit Jahren sehr gut.

Von Hauke Gerlof

Vernetzung im Dienste der Patienten

Spezialisten in Sachen Diabetes: das Praxisteam von Dr. Michael Böhmer in Warburg, Westfalen.

© Privat

WARBURG. Ein Diabetologe, der seine Patienten umfassend betreuen will, muss gut vernetzt sein. Diese Überzeugung hat Dr. Michael Böhmer von Anfang an geleitet, als er sich vor nunmehr 15 Jahren als Hausarzt und Diabetologe in der Kleinstadt Warburg im östlichen Westfalen niedergelassen hat.

Vernetzung heißt für Böhmer nicht nur die Kooperation mit Kollegen - Hausärzten, Augenärzten, Nephrologen etc. -, die ebenfalls in der Betreuung von Diabetikern beteiligt sind. Ihm ist es wichtig, dass andere Berufsgruppen ebenfalls als kompetente Partner an der Versorgung beteiligt sind: Sanitätshäuser, orthopädische Schuhmacher, Podologen und vor allem auch Apotheker.

Der Diabetologe betreibt eine von genau 100 diabetologischen Schwerpunktpraxen in Westfalen-Lippe, für die es in der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) einen eigenen Strukturvertrag gibt. Hintergrund: Für Diabetologen gibt es im EBM kein eigenes Kapitel.

Um das Leistungsspektrum der Spezialisten und die Kostenstruktur der Diabetologenpraxen in der Abrechnung adäquat abzubilden, ist der Strukturvertrag bereits 1997 geschlossen worden.

Die Praxen arbeiten meist mit Diabetesberaterinnen, intensiv über zwei Jahre fortgebildete Medizinische Fachangestellte, ehemalige Krankenschwestern oder weitergebildete Ökotrophologinnen. Sie sind in der Regel deutlich besser bezahlt als nicht weiter fortgebildete Medizinische Fachangestellte.

"Mit dem EBM kommen wir klar"

1400 Patienten betreut Böhmer mit seinem Praxisteam im Quartal. Etwa zehn Prozent von ihnen konsultieren ihn als Hausarzt, 90 Prozent sind Diabetiker, schätzt er. Sein Privatanteil liegt bei etwa acht Prozent. Die Diabetiker kommen meist einmal im Quartal zu ihm, auch die Verordnung der Diabetes-Medikamente übernimmt überwiegend er, und nicht der betreuende Hausarzt.

"Viele Therapien sind sehr teuer und wir liegen als Diabetologen im Strukturvertrag mit unseren Verordnungen sowieso über dem Durchschnitt, da können wir das übernehmen", sagt Böhmer.

Die Abrechnung sieht so aus, dass er wie ein Hausarzt die Leistungen des EBM aufschreibt, Versichertenpauschale, falls indiziert, auch den Chronikerzuschlag, das hausärztliche Gespräch etc.

"Die Sonderleistungen rechnen wir dann über den Strukturvertrag ab", so Böhmer. Mit dem neuen Hausarzt-EBM "kommen wir klar", sagt er.

Zwei Diabetesberaterinnen arbeiten im Praxisteam mit. Sie sind unter anderem zuständig für Schulungen, wenn ein Patient insulinpflichtig wird. Sie überprüfen auch regelmäßig, ob die Handgriffe für die Blutzuckermessung noch sitzen, besonders wenn ein Diabetiker entgleist ist und in der Praxis neu eingestellt werden muss.

Markenzeichen ist für Böhmer aber die Zusammenarbeit mit Apotheken in der Umgebung. Als er vor 14 Jahren erstmals einen Apotheker aufsuchte, um eine engere Kooperation für eine bessere Betreuung der Diabetiker zu erreichen, war das noch äußerst ungewöhnlich.

Dabei lagen - und liegen - die Vorteile für Böhmer auf der Hand: "Ein zum Thema Diabetes vorgebildetes Apotheken-Team ist eine tolle Sache. Die medizinische Betreuung lässt sich dadurch deutlich verbessern".

Der entscheidende Vorteil, erklärt Böhmer, liege darin, dass die Patienten häufiger in der Apotheke als beim Arzt sind. Wenn dann die PTA am Verkaufstresen sich auskennt, dann funktioniert sie oft wie ein Frühwarnsystem.

Wenn ein Patient über häufiges Wasserlassen oder plötzlichen Gewichtsverlust berichtet, dann ahnt sie vielleicht, dass ein Diabetes dahinter stecken könnte, und empfiehlt einen Arztbesuch. So wird die Erkrankung vielleicht früher diagnostiziert, und Folgeschäden werden eher vermieden.

"Ruf doch mal den Doktor an!"

Wichtig ist auch, dass Apotheker die Medikation des Patienten kennen. "Bei Patienten beispielsweise, die auf Metformin eingestellt sind, passen die Teams auf, wenn die dann mit Fieber in die Apotheke kommen.

Da kommt dann der Hinweis: Ruf mal den Doktor an", sagt Böhmer. Komplikationen würden so in manchen Fällen vielleicht verhindert.

Böhmer begann die Kooperation der Praxis zunächst mit einer Apotheke, mit der nahe gelegenen traditionsreichen Hirsch-Apotheke in Warburg. Das stieß zunächst nicht überall auf Gegenliebe: Andere Apotheken hätten zunächst gemutmaßt, hinter der Kooperation stecke eine eigentlich verbotene Zuweisung von Rezepten.

Aber das war für Böhmer kein Thema: "Wirtschaftlich bringt uns die Kooperation mit Apotheken keinen Vorteil", betont er, "höchstens, dass die Patienten sich insgesamt durch die Zusammenarbeit gut betreut fühlen."

Für ihn sei es wichtig, dass in der Offizin ein Apotheker stehe, der mit der Indikation Diabetes umgehen kann. Eine Apotheke dagegen könne durchaus wirtschaftlich profitieren, wenn sie sich auf Diabetes-Patienten einstellt. "Diabetiker bringen immer auch die Angehörigen als Kunden mit".

Außerdem spreche es sich unter Diabetikern schnell herum, wenn der Apotheker und sein Team sich mit den Bedürfnissen von Diabetikern auskennen. Für die Kooperation seiner Praxis mit der Hirsch-Apotheke gewannen Böhmer und der damalige Apotheker Edmund Küpper vor vier Jahren den von Springer Medizin ausgelobten Preis für das beste Arzt-Apotheker-Team.

Präparate sind stets auf Lager

Für Diabetiker sei es auch wichtig, "wenn die Apotheke die Sachen da hat, die ich verordne", so der Diabetologe. Wenn nicht erst bestellt werden muss, spart der Patient sich den Weg, um das Medikament abzuholen. "Wir brauchen manchmal auch ziemlich verrückte Sachen", berichtet Böhmer, "zum Beispiel verdünnte Insuline".

Kinder mit Typ-I-Diabetes, die eine Insulinpumpe bekommen, brauchen häufig nur ganz wenig Insulin, da sei es teilweise nötig, mit verdünnten Insulinen zu arbeiten, die nur mit hohem Aufwand herzustellen seien.

Auch das Zubehör für die Pumpentherapie müsse der Apotheker vorrätig haben, um bei Problemen schnell Ersatzteile oder Austauschgeräte liefern zu können.

So berichtete der inzwischen verstorbene Kooperations-Apotheker Edmund Küpper einmal von einem Patienten, dessen Insulinpumpe an Sylvester defekt war, dem er aber dank seines gut sortierten Ersatzteillagers sofort hatte helfen können.

Böhmer hat in den vergangenen Jahren die Kooperation mit Apothekern ausgebaut. Er bietet eine Fortbildungsakademie für Apotheken an, die Teams nutzen können, die sich in dem Bereich spezialisieren wollen.

Auf Anfrage komme eine seiner zwei Diabetesberaterinnen dann gegen Bezahlung in die Apotheke bzw. trifft sich mit dem Apothekenteam in den Schulungsräumen der Praxis und macht einen Fortbildungskurs mit 14 Doppelstunden für das ganze Team. Die Fortbildung entspricht den Vorgaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

"Letztlich versuchen wir über die Fortbildung, das Auge zu schärfen. Die PTA muss den Riecher haben: Hat der Patient alles verstanden, kommt er mit den Geräten klar, oder entgleist der Diabetes?" erläutert Böhmer.

Je dichter das Netz, desto besser versorgt

Aber auch Marketing-Themen würden angesprochen, zum Beispiel, welche OTC-Präparate für Diabetiker geeignet seien. Letztlich lohne sich eine solche Fortbildung für die Apotheke auf jeden Fall.

Etwa 15 Apotheken im Umkreis von 60 Kilometern haben die Fortbildungsakademie im Laufe der Jahre in Anspruch genommen, berichtet Böhmer. Aus diesem Umkreis ungefähr kommen auch seine Patienten.

Der Diabetologe ist offen für weitere Kooperationen, denn er weiß: Je dichter das Netz um seine Patienten geknüpft ist, desto besser sind sie versorgt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »