Ärzte Zeitung, 22.10.2014

Teamwork

Der gute Draht zum Facharzt

Lange Wartezeiten für die eigenen Patienten, Warten auf Arztbriefe, die Frage der Konkurrenz - das Verhältnis zwischen Hausarzt und Facharzt ist nicht immer ganz einfach. Wir fragten einen Urologen danach, was zu einer guten Kontaktpflege gehört.

Von Hauke Gerlof

Der heiße Draht zum Facharzt

Die Überweisung zum Urologen stellen Hausärzte oft ungern aus, da sie sich teils vom Kollegen kontrolliert fühlen.

© ArTo/fotolia.com

GÖTTINGEN. Dringende Überweisung, aber trotzdem kein schneller Termin? Patient auf "Feindflug" beim Facharzt - kommt er wieder zurück? Werden die eigenen Vorbefunde vom Fachkollegen akzeptiert, oder macht er alles nochmal - und der Patient muss denken, dass das Vertrauen des Facharztes in die Fähigkeiten des Hausarztes nur sehr begrenzt sein kann?

An den Schnittstellen der Versorgung kann gerade bei der Kommunikation so manches daneben gehen. Das geht bis hin zur Tatsache, dass der Überweiser trotz Berichtspflicht und eigener EBM-Nummer für Arztbriefe keine Rückmeldung vom Facharzt bekommt.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht, dass Fachärzte sich eigentlich um die Hausärzte bemühen müssten, damit der Zustrom der Patienten nicht abreißt. Das gilt auch für Urologen. "Jeder Urologe hat Hunderte von Zuweisern", weiß Dr. Heribert Schorn, der als Urologe, Androloge und Präventionsmediziner mitten im Zentrum von Göttingen niedergelassen ist. Teil des Marketings eines Urologen muss es daher immer auch sein, gut mit den Hausärzten - und teilweise auch mit anderen zuweisenden Fachärzten - zusammenzuarbeiten.

Schorn hat sich mit seinem Team schon früh auf Präventionsmedizin spezialisiert, hat aber auch die Zusatzweiterbildung Medikamentöse Tumortherapie absolviert. Im Quartal behandelt er in seiner Einzelpraxis 1000 bis 1100 Kassenpatienten - der Bedarf wäre höher.

"Ein Hauptkritikpunkt von Zuweisern ist die lange Wartezeit auf Termine", weiß Schorn. Die politische Diskussion um die Wartezeiten, die sich voraussichtlich auch im Versorgungsstärkungsgesetz mit neuen Regeln niederschlagen wird, ist also nicht aus der Luft gegriffen.

Im Notfall geht es schneller

Aber vor Ort, so die Überzeugung des Urologen, lässt sich der Diskussion leicht die Spitze nehmen - durch eine gute Kommunikation zwischen Zuweisern und Facharzt. "Die Hausärzte, mit denen wir zusammenarbeiten, haben eine direkte Durchwahlnummer. Ist etwas dringend, bekommen ihre Patienten früher Termine", beschreibt Schorn die Lösung.

Auch die Medizinischen Fachangestellten seines Teams haben einen Blick dafür, was dringend ist und kennen die zuweisenden Ärzte und ihre MFA, die sich bei Bedarf direkt an die Praxis wenden. Bei weniger dringenden Problemen lassen sich Wartezeiten dagegen nicht immer vermeiden.

Das ist aber nur ein Punkt, bei dem eine gute Zusammenarbeit zwischen Haus- und Facharzt hilft, Versorgungsprobleme erst gar nicht aufkommen zu lassen. Schorn bemüht sich auch auf andere Weise, den hausärztlichen und fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen vor Ort bei Bedarf zu helfen:

Hotline: Der direkte Draht, die Durchwahl zum Arzt, auch außerhalb der Sprechstunde, ist gedacht als eine Art telefonische Hotline bei akuten urologischen Problemen bei eigenen Patienten. Das werde im Notfall auch gerne angenommen, berichtet der Urologe - bis hin zu schnellen praktischen Anfragen per Handy.

Keine Kontrolle der Vorbefunde!

Ganz wichtig sind auch die Aufteilung der Leistungen und die Anerkennung der Vorbefunde. "Der Facharzt sollte immer versuchen, nur die Untersuchungen zu machen, die der Hausarzt nicht macht oder nicht anbietet", beschreibt er das Problem. So bemüht er sich selbst, nichts doppelt zu machen. "Das sieht sonst aus wie Kontrolle, mein Verfallsdatum ist immer ein halbes Jahr."

Wenn dagegen Patienten kommen, die seit Jahren beim Hausarzt keine Screening-Untersuchungen bekommen haben, macht der Präventionsmediziner "auch mal ein größeres Labor, selbst Schilddrüse und mehr". Das habe auch schon Verstimmungen bei den Hausärzten gegeben.

PSA für Hausärzte: Die Aufteilung der Leistungen ist ihm auch bei der Prävention ein Anliegen. Beispiel PSA-Test. Auf seiner Website können Patienten sich umfassend über die Diskussion zum PSA-Test informieren. Schorn empfiehlt den Test den Patienten aus Überzeugung, auch als IGeL, aber "ich lasse ihn gerne durch die Hausärzte machen. Das macht mich bei den Patienten glaubwürdiger, weil ich ihnen das Geld für den Test nicht abnehme."

Besser mit Überweisung: Die Überweisung vom Hausarzt ist zwar nicht mehr nötig, um die Praxisgebühr zu vermeiden. Dennoch sei es besser, wenn die Patienten vom Hausarzt mit Überweisung zu ihm kommen und nicht direkt zu ihm gehen. Der Grund: "Mir ist eine Voruntersuchung durch den Hausarzt viel lieber. 90 Prozent der akuten Nierenschmerzen sind Rückenbeschwerden und werden dann zum Hausarzt geschickt", beschreibt der Facharzt ein typisches Problem bei Patienten, die ohne Überweisung kommen.

"Dank Google" sei für die Patienten vieles urologisch, was eigentlich ganz andere Ursachen hat. Dadurch werden auch Kapazitäten der Praxis gebunden, die für dringendere medizinische Probleme gebraucht werden könnten.

Mancher Privatpatient müsse aufgrund seines speziellen Tarifs vor dem Facharztbesuch zum Hausarzt gehen, um später die Rechnung komplett erstattet zu bekommen, erläutert Schorn einen Spezialfall. Das "Primärarztsystem" gilt natürlich auch für die Hausarztverträge von Kassenpatienten, wenn sie eingeschrieben sind.

Arztbriefe: Den direkten Kontakt sucht Schorn auch bei Patienten mit schweren Erkrankungen wie Krebs. "Ich versuche bei Relevanz immer, den Kollegen persönlich zu erreichen", beschreibt er sein Vorgehen in solchen Fällen. E-Arztbriefe nutzt Schorn, der eigentlich im Internet seit vielen Jahren aktiv ist, dagegen bislang nicht. Er ist von der Datensicherheit der Systeme noch nicht überzeugt.

Marketing auf vielen Ebenen

Ein weiterer Punkt der Kontakte zu seinen Zuweisern - aber natürlich auch zu den Patienten - ist für den Urologen die Präsenz in den Medien.

Schorn schreibt regelmäßig Beiträge zu medizinischen Themen in einem Ü40-Magazin, er steht lokalen Medien vor Ort für Fragen zur Verfügung und liefert unentgeltlich Input für Beiträge. Auch Vorträge für Patienten, zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen oder im Präventionsverein, gehören für ihn zum typischen Marketing-Mix dazu.

Ganz wichtig ist für den Internet-Experten die Präsenz im Web. Er hat bereits vor vielen Jahren für Urologen einschlägige Internet-Domains gesammelt, als andere noch kaum das Potenzial der Online-Medien erkannt haben. Über www.hoden.de beispielsweise kommen Internet-Surfer auf seine Praxis und erhalten dort auch hochwertige Informationen.

Das Einzugsgebiet seiner Praxis reicht daher besonders bei speziellen andrologischen Leistungen, etwa der Vasektomie weit über Göttingen hinaus. Es sind also nicht nur die Zuweiser, die Patienten in die Praxis bringen.

[22.10.2014, 15:10:55]
Dr. Cornelia Karopka 
Den guten Draht als Hausarzt
braucht man, wenn man seine Patienten selbst adäquat versorgen möchte und nicht nur als Überweisungsaussteller fungieren will. In aller Regel funktioniert das auch sehr gut, man bekommt auch mal einen schnellen Tip, denn auch bei großer Motivation kann ich als ausgebildete Internistin nicht alles aus allen Fachgebieten wissen.
Generell wäre meiner Ansicht nach ein Umdenken von Facharztseite, gerade bei den "Grundversorgern" sinnvoll, die zu viele Termine durch nicht immer sinnvolle und oft auch hausärztlich machbare Kontrollen vergeben. Wenn der chronisch Rückenkranke alle drei Monate zum Orthopäden geht, der ihm dann Krankengymnastik "empfiehlt", die der Hausarzt verordnen möge, oder zur vierteljährlichen kardiologischen Kontrolle einer Carotisstenose von 30% oder der COPD Patient vier mal jährlich zum Pulmonologen geht (ohne Exacerbation), die akute Sinusitis vom HNO Kollegen nach drei Monaten "noch mal kontrolliert werden muss"... dann ist das Verschwendung von Ressourcen und ich frage mich dann oft, ob denn den Kollegen diese Routinearbeiten wirklich mehr Spaß machen als die Herausforderung durch Außergewöhnliches.
Mit einer Kurzinformation an den Hausarzt, wie die chronische Erkrankung weiter zu behandeln ist und unter welchen Umständen sich der Patient wieder fachärztlich vorstellen muss, ließe sich die Zahl der Überweisungen bei den Hausärzten erheblich reduzieren und die Freude an der Arbeit möglicherweise auch fachärztlicherseits steigern. Nebenbei würden auch unsere häufig älteren und chronisch kranken Patienten nicht die Hälfte ihrer Zeit in Wartezimmern verbringen.
Ärgerlich ist dagegen, dass manche Fachkollegen es nie für nötig halten, einen Kurzbericht an den Hausarzt zu senden ("Für solchen Quatsch habe ich keine Zeit!"), das diskriminiert den Hausarzt und schadet dem Patienten, denn im Akutfall ist er der erste Ansprechpartner. zum Beitrag »
[22.10.2014, 10:55:33]
Irmgard Landgraf 
Mein Kommentar als Hausärztin
Ein sehr guter Artikel, der die Probleme bei der Zusammenarbeit von Hausärzten und Fachärzten sehr treffend beschreibt und praktikable Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. zum Beitrag »

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